Im Gespräch mit Elisa Mercier beschreibt die israelische Theaterregisseurin Sharon On ihre Arbeit am Stück Welche Farbe hat Erinnerung? über die Lebensgeschichte von Emmie Arbel. Thema ist auch die Boykottbewegung BDS und ihre massiven Versuche, jüdische und israelische Kunstschaffende aus dem Kulturbereich auszuschließen.
Elisa Mercier (EM): Wer ist Emmie Arbel und wie haben Sie ihre Geschichte für das Theater umgesetzt?
Sharon On (SO): Emmie Arbel ist eine Shoah-Überlebende. Als Kind überlebte sie die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen. Nach dem Krieg lebte sie zunächst in Schweden und später in den Niederlanden. Im Alter von etwa elf Jahren zog sie nach Israel, wuchs im Kibbuz Brener auf, heiratete, bekam Kinder und lebte viele Jahrzehnte mit den traumatischen Erfahrungen ihrer Kindheit.
Erst viele Jahre später begann sie, über ihre Erinnerungen an den Holocaust zu sprechen. In den Gesprächen und in dem Buch, das daraus entstand, berichtet sie auch von sexueller Gewalt, die sie als Kind erfahren musste. Emmie Arbel ist eine außergewöhnlich starke Frau mit großem Humor und einem warmen, offenen Lächeln. Sie lebt bis heute in Israel und kommt mehrmals im Jahr nach Deutschland, um mit Jugendlichen über ihre Geschichte zu sprechen. Es fällt ihr nicht leicht, darüber zu reden, aber sie tut es, weil sie weiß, dass es immer weniger Überlebende gibt, die selbst berichten können.
In unserem Stück erzählen wir ihre Geschichte so behutsam und ehrlich wie möglich. Wir arbeiten mit Texten aus der Graphic Novel von Barbara Yelin, stellen Emmie jedoch nicht direkt dar. Es gibt keine Schauspielerin, die Emmie spielt. Stattdessen erzählen mehrere Schauspielerinnen und Schauspieler die Geschichte aus einer heutigen Perspektive. Sie sprechen aus ihrer eigenen Biografie, und diese persönlichen Erfahrungen fließen bewusst in die Inszenierung ein: Die Angst vor dem Erstarken der AfD, das Aufwachsen in Familien, in denen über die NS-Zeit geschwiegen wurde, die Frage, was dieses Schweigen bis heute mit uns macht. Auch die Perspektive jüdischen Lebens in Deutschland heute ist Teil des Stücks.
EM: Wie übersetzen Sie das Fragmentarische und Unsagbare von Emmie Arbels Erinnerungen auf der Bühne?
SO: Wir hatten das große Glück, mit einem sehr sensiblen Choreografen, Nir de Volff, arbeiten zu können. Es gibt Momente, die sich nicht in Worte fassen lassen, selbst dann nicht, wenn man mit einem so starken Text arbeitet wie mit dem von Barbara Yelin. Wir haben auch mit ihren Bildern gearbeitet, aber die emotionale Ebene lässt sich auf der Bühne oft nur über Bewegung ausdrücken. Deshalb war die choreografische Sprache für uns essenziell. Gemeinsam war uns wichtig, nichts zu übertreiben und nichts zu glätten, sondern eine klare Dosierung zu finden. So entsteht Raum für Emotionen, ohne das Publikum zu überfordern. Jeder soll mitgehen können, ohne dass das Unsagbare an Emmie Arbels Geschichte erklärt oder vereinfacht wird.
EM: Gab es Rückmeldungen auf das Stück, die Sie besonders bewegt haben?
SO: Was mich besonders überrascht hat, war die Reaktion der Jugendlichen. Alle Zuschauergruppen haben sehr emotional reagiert, aber Jugendliche reagieren oft unmittelbarer. Sie hören sehr aufmerksam zu, sie sind präsent, und es ist ihnen keineswegs egal, was auf der Bühne passiert. Viele sind bereit, schwierige emotionale Momente auszuhalten, und das hat mich tief beeindruckt.
Eine besonders bewegende Rückmeldung war die eines Zuschauers, der sagte, er sei überrascht gewesen, wie schwierig der Umgang mit Holocaust-Überlebenden in Israel nach deren Ankunft war – ein Aspekt, über den wenig gesprochen wird. Solche Rückmeldungen zeigen mir, dass das Stück neue Perspektiven eröffnet und Fragen aufwirft, die über das Bekannte hinausgehen.
EM: Das Stück wird auch in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück aufgeführt. Welche Bedeutung hat dies?
SO: Der Ort Ravensbrück verändert alles. Die Produktion knüpft inhaltlich an die frühere Arbeit Manche Sachen weiß ich, aber ich erinnere mich nicht mit dem Jugendclub Ensemble Angestrahlt des Berliner Theaters Strahl an, die in Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück entstand. Wir haben uns bereits während der Entwicklungsphase des Stücks intensiv mit diesem Ort auseinandergesetzt und waren auch selbst dort.
Das Stück an einem der Orte aufzuführen, an dem Emmie Arbel als Kind leben und überleben musste, konfrontiert einen unmittelbar mit der Brutalität dieser Geschichte. Dort ihre Geschichte zu erzählen, an genau diesem Ort, ist eine extrem starke und bewegende Erfahrung – für das Ensemble ebenso wie für das Publikum. Ich bin sehr dankbar, dass wir diese Möglichkeit bekommen haben. Es gibt noch wenige Plätze und wir freuen uns sehr über alle, die am 22. Februar dabei sein können.
Ausgrenzung statt Austausch
EM: Antisemitismus nimmt weltweit enorm zu. Was können das Theater und die Kunst im Allgemeinen dagegen tun?
SO: Der zunehmende Antisemitismus ist für mich zutiefst enttäuschend, traurig und beunruhigend. Gleichzeitig glaube ich sehr an die Kraft von Theater, Film und Kunst als Orte der Aufklärung und Sensibilisierung. Leider begegnet Antisemitismus uns auch in der Kulturszene selbst. Menschen, die Entscheidungen treffen, scheuen oft davor zurück, sich mit dem eigenen Antisemitismus auseinanderzusetzen. Stattdessen wird das Problem verdrängt oder relativiert. Das führt zu schwierigen, manchmal absurden Entscheidungen.
Gerade im Theater ist es nicht einfach, Räume zu finden, in denen antisemitismuskritisch gearbeitet werden kann. Wer diese Themen offen anspricht, gerät schnell in problematische Schubladen. Das kann sehr frustrierend sein. Trotzdem ist es möglich, sich damit auseinanderzusetzen – wenn die Bereitschaft da ist, offen zu bleiben und sich auch selbst zu hinterfragen.
EM: Welche Auswirkungen haben Boykottaufrufe wie die der BDS-Bewegungauf die Kunst und den kulturellen Austausch?
SO: Boykottkultur verhindert Auseinandersetzung. Sie erzeugt einfache Kategorien von »richtig« und »falsch« und ist aus meiner Sicht sehr schädlich für Kunst. Kunst lebt vom Dialog, vom Widerspruch und von Komplexität. Ich sehe eine enge Verbindung zwischen Boykottaufrufen und antisemitischen Denkmustern. Für Künstlerinnen und Künstler, insbesondere für israelische oder jüdische, bedeutet es Ausgrenzung statt Austausch. Internationaler kultureller Dialog wird dadurch massiv eingeschränkt, und genau dieser Dialog wäre heute wichtiger denn je.
EM: Welche Folgen könnten diese Ausschlüsse für Kunstprojekte haben, die sich mit jüdischer Geschichte, Erinnerung und Gegenwart beschäftigen?
SO: Was ich beobachte und was mich sehr beunruhigt, ist, dass man immer weniger über Israel sprechen kann oder sprechen will und teilweise gezielt Israel herausnimmt und ausradiert. Israel wird vermieden, ausgelassen oder umgangen und gleichzeitig wird versucht, Geschichte umzuschreiben oder neu zu erzählen, ohne die israelische Perspektive mitzudenken. In der Kunst entstehen dann Narrative, die sich von der realen Geschichte entfernen oder sie verzerren. Das halte ich für hochproblematisch und sogar gefährlich.
Wenn bestimmte Themen oder Perspektiven systematisch ausgeschlossen werden, verliert der künstlerische Dialog seine Offenheit und Komplexität. Gerade bei Projekten zur jüdischen Geschichte, Erinnerungskultur und jüdischen Gegenwart bedeutet das, dass zentrale Stimmen fehlen und über jüdisches Leben gesprochen wird, ohne jüdische Menschen wirklich einzubeziehen. Oder man bezieht jüdische Menschen ein, die genau das sagen, was gewollt ist. Jüdische Perspektiven umfassen ein breites Spektrum – es ist nie nur die eine Geschichte.
Antizionismus ist sehr häufig mit Antisemitismus verbunden, und wenn Institutionen so vorsichtig werden, dass das Wort »Israel« am besten gar nicht mehr vorkommt, tragen sie selbst zur Ausgrenzung bei. Wenn Entscheidungen aus Unwissen oder Angst getroffen werden, dann ist es notwendig, Verantwortung zu übernehmen: sich zu informieren, zu lesen, zuzuhören und sich ehrlich mit der eigenen Haltung auseinanderzusetzen. Man kann nicht so tun, als hätte man mit dem Thema nichts zu tun, während man gleichzeitig Boykotte unterstützt oder aus Angst schweigt.
Kunst hat die Aufgabe, Verständnis zu schaffen, Dialog zu ermöglichen und Widersprüche auszuhalten. Wenn wir das nicht mehr tun, was wäre dann überhaupt noch unsere Aufgabe als Kunstschaffende?
Sharon On studierte Regie in Tel Aviv, arbeitete als Regieassistentin am Nationaltheater HABIMA. Ab 2006 studierte sie Filmregie an der filmArche in Berlin. 2014 gründete sie mit anderen Künstlern den Verein VorOrtung– zeitgenössische Kunst und Kultur im Kontext. Im Jahr 2020 drehte sie den Dokumentarfilm »Fremder Alltag«, der Begegnungen von Menschen mit und ohne Flucht zeigt. Sie entwickelt und leitet Theater-, Performance- und Filmprojekte tu politischen und gesellschaftlichen Themen.
Am 22. 2. 2026 wird das Stück »Welche Farbe hat Erinnerung« in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück aufgeführt. Ab 12:30 Uhr findet eine Führung durch die Gedenkstätte statt. Weitere Informationen und das Programm finden Sie hier.






