Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht der freie Journalist und Aktivist Tobias Huch über islamistische Influencer, digitale Radikalisierung und das Geschäftsmodell mit Desinformation.
Früher trugen sie lange Bärte, verwendeten salafistischen Jargon und grenzten sich demonstrativ von der Mehrheitsgesellschaft ab – heute produzieren sie Content. Auf Plattformen wie TikTok dominieren neue Gesichter, die sich am ehesten als digitale Prediger beschreiben lassen. Ihre Videos sind kurz, anschlussfähig und perfekt auf die Mechanismen sozialer Medien zugeschnitten. Religion ist in diesem Milieu weniger Glaubensfrage als politisches Kapital.
Der freie Journalist Tobias Huch beschreibt eine vielfältige Szene, in der geopolitische Konflikte in konsumierbare Erregung übersetzt werden. Komplexe Zusammenhänge werden auf moralische Reflexe reduziert, die vor allem bei einem jungen Publikum funktionieren und andocken sollen. »Am Ende geht es diesen Personen darum, ein sehr einfaches Schwarz-Weiß-Denken zu verbreiten, um maximale Reichweite bei jungen Leuten zu bekommen – bei denen, die sich Orientierung wünschen und dafür in ihren Vorbildern Leitplanken suchen.«
Gerade im Nahostkonflikt lässt sich diese Dynamik exemplarisch beobachten. Inhalte werden emotional verdichtet, historische Zusammenhänge auf Schlagworte reduziert und anschließend millionenfach geklickt und verbreitet. »Eigentlich müssten TikTok, YouTube und andere Plattformen viel konsequenter durchgreifen. Wenn dort falsche Inhalte verbreitet werden – etwa antisemitische Fake News oder israelbezogener Antisemitismus –, müssten Accounts wegen Hassrede gesperrt werden«, sagt Huch im Interview.
Der Begriff der »Gegenöffentlichkeit« dient dabei häufig der Selbstimmunisierung dieser Influencer. Wer sich als Gegenstimme inszeniert, muss die eigenen Verzerrungen nicht mehr rechtfertigen. Dabei handelt es sich weniger um eine geschlossene Bewegung als um ein loses digitales Kraftfeld aus religiösen Predigern, politischen Aktivisten und opportunistischen Content-Creatorn. Einige verfolgen ideologische Ziele, andere ökonomische Interessen, profitieren aber gleichermaßen von derselben Infrastruktur.
Polarisierung erzeugt Aufmerksamkeit, und die lässt sich auf den gängigen Social-Media-Plattformen monetarisieren. Der Algorithmus sozialer Medien belohnt Inhalte, die emotionalisieren, zuspitzen und Empörung erzeugen. Fehlinformationen verbreiten sich dadurch schneller, als sie korrigiert werden können. Selbst gelöschte Inhalte tauchen oft kurze Zeit später in leicht veränderter Form wieder auf.
Normalisierung von Judenhass
Tobias Huch betont insbesondere die Normalisierung antisemitischer Inhalte. In der digitalen Öffentlichkeit bleiben selbst offen volksverhetzende Aussagen häufig folgenlos. »Bei TikTok ist es unmöglich, gegen antisemitische Accounts vorzugehen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um codierte Sprache oder versteckte Anspielungen. In den Kommentaren wird offen gefordert, Juden ins KZ zu bringen, der Holocaust geleugnet oder Hitler glorifiziert. Aussagen wie ›Es gibt sechs Millionen Gründe, Juden zu hassen‹ stehen dort unverhohlen. Meldet man solche Inhalte als Hassrede, lautet die Antwort der Plattformen dennoch häufig: Verstößt nicht gegen die Gemeinschaftsstandards.«
Die Plattformen könnten deutlich härter intervenieren, doch das würde Reichweite, Interaktionen und damit Einnahmen kosten. Die Folgen sind weitreichend, denn Diskurse verschieben sich, Wahrnehmungen von Antisemitismus verhärten sich. Die Präventionsarbeit dagegen wird erschwert. Wer versucht, faktenbasiert zu intervenieren, gerät schnell selbst unter massiven Druck.
Huch berichtet aus eigener Erfahrung von gezielten Diffamierungskampagnen, digitalen Angriffen und realen Sicherheitsrisiken. Plattformen bräuchten Experten, um problematische Inhalte angemessen einordnen zu können. Doch genau diese Expertise fehlt, auch weil offenbar der politische und wirtschaftliche Wille fehlt, sie aufzubauen. Gleichzeitig werden an anderer Stelle Inhalte gesperrt, die nicht hätten gelöscht werden müssen.
Er sei für Salafisten, türkische Graue Wölfe, Neonazis und andere faschistische Gruppierungen eine Art Hassobjekt, erzählt der freie Journalist. »Auch Hamas-Anhänger, Unterstützer der Mullahs oder Kurdenhasser freuen sich, wenn ein Tobias Huch angegriffen wird, selbst dann, wenn die Angriffe persönlich, ekelhaft und bis hin zur Familie gehen. Damit rennt man bei den Feinden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung offene Türen ein.«
Die Eskalation bleibt dabei nicht auf den digitalen Raum beschränkt. In den Grauzonen des Sagbaren gehen Aktivisten gezielt gegen ihre politischen Gegner vor. Statt klarer Aussagen dominieren Andeutungen, und rhetorische Fragen ersetzen offene Behauptungen. Die Botschaften bleiben dadurch anschlussfähig, sind juristisch jedoch nur schwer angreifbar. So entsteht ein digitales Ökosystem, in dem religiöse Symbolik, politische Narrative und ökonomische Interessen ineinandergreifen und Radikalisierung längst kein Randphänomen mehr ist.






