Latest News

UNICEF-Daten belegen: In Gaza gab es keine Hungersnot

Keine Hungersnot: Markt in Khan Yunis im südlichen Gazastreifen kurz nach dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas
Keine Hungersnot: Markt in Khan Yunis im südlichen Gazastreifen kurz nach dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas (Quelle: JNS)

Wie nun nachgewiesen wurde, stützte sich die für die Ernährungssicherheit zuständige Behörde auf ungewichtete Stichproben, während gewichtete Daten die Bedingungen für eine Hungersnot nicht erfüllt hätten.

Mike Wagenheim

Kritiker sagen seit Langem, dass die Vorwürfe einer Hungersnot im Gazastreifen eine große Lücke aufweisen: Die erschreckende Zahl von ausgemergelten Leichen, die untrennbar mit einer Hungersnot verbunden sind, ist einfach nirgends zu finden.

Als die Integrated Food Security Phase Classification (IPC), eine mit den Vereinten Nationen verbundene Organisation für Ernährungssicherheit, im August feststellte, dass in Teilen des Gazastreifens tatsächlich eine Hungersnot herrsche, sagten die Verfasser des Berichts, die schiere Zerstörung im Gazastreifen lasse eine genaue Erfassung der Todesfälle aufgrund von Hunger nicht zu. Deswegen würden sie stattdessen ein anderes als das übliche Schlüsselkriterium für Hungersnöte heranziehen, das in der Regel mit Todesfällen aufgrund von Unterernährung einhergeht, und das sie zur Extrapolation nutzen würden, um das Vorliegen einer Hungersnot zu bestimmen.

Dieses den Oberarmumfang (MUAC) heranziehende Schlüsselkriterium scheint laut kürzlich veröffentlichten Daten des Global Nutrition Center, das von der Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen UNICEF betrieben wird, allerdings nie in einer Weise erfüllt worden zu sein, welche die IPC-Schlüsse berechtigt. Die Messung des Oberarmumfangs dient als einfache und allgemein anerkannte Methode zur Beurteilung von Unterernährung. Nach den IPC-Standards gilt eine Hungersnot als gegeben, wenn fünfzehn Prozent der solcherart untersuchten Kinder Anzeichen von Unterernährung aufweisen.

Nicht nach Alter gewichtet

In der IPC-Warnung vom August, in der festgestellt wurde, dass bereits eine Hungersnot herrschte, hieß es basierend auf einer zweiwöchigen Datenerhebung von Mitte bis Ende Juli, die Unterernährung von Kindern habe rapide zugenommen. Neuere Informationen, die am 17. September vom State of Palestine Nutrition Cluster der Palästinensischen Autonomiebehörde veröffentlicht wurden, zeigen nun aber, dass die nach Alter gewichteten MUAC-Daten nach IPC-Standard – im Gegensatz zu den ungewichteten Daten, wie sie im Hungersnotbericht verwendet worden waren – die eigenen Kriterien des IPC für eine Hungersnot nicht erfüllten.

Ohne diese MUAC-Daten aber, die das Ausmaß der Hungersnot belegen, ist es für den IPC unmöglich, die Zahl der erwarteten Todesfälle aufgrund der Hungersnot zu extrapolieren, so der Experte für künstliche Intelligenz Mark Zlochin, der monatelang Daten aus dem Gazastreifen ausgewertet hat. »Sie sagten, dass sie aufgrund des raschen Anstiegs der Unterernährung vernünftigerweise davon ausgehen können, dass auch die Sterblichkeit steigt, und dass sie nicht nur alle tatsächlich auftretenden Todesfälle erfassen. Sie brauchen also beides, nicht nur das Überschreiten dieser Schwelle, sondern auch das sehr, sehr schnelle Überschreiten der Schwelle. Wenn man also sieht, dass dies nicht stattgefunden hat, bricht die ganze Argumentation zusammen.«

Der Unterschied zwischen gewichteten und ungewichteten Daten kann erheblich sein, da die Messung des Oberarmumfangs kleinere bzw. jüngere Kinder von Natur aus mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit als unterernährt einstuft. »Die Verwendung von ungewichteten Durchschnittswerten ohne Altersanpassung bläht die Ergebnisse auf«, erklärte Zlochin und verwies auf die Daten der UNRWA, aus denen hervorgeht, dass die Differenz zwischen dem ungewichteten Durchschnitt und der altersbereinigten Schätzung im Juli 3,4 Prozent betrug. Ein gewichteter Durchschnitt hätte den Wert unter die für die Ausrufung einer Hungersnot notwendige Schwelle gebracht.

»Genau aus diesem Grund ist die Gewichtung nach Alter gemäß der IPC-Methodik obligatorisch und wurde in allen bisherigen Ergebnissen des Nutrition Cluster und des IPC angewendet«, schrieb Zlochin. Der Hungersnotbericht des IPC vom August führte jedoch nur wenige Beispiele für die Gewichtung nach Alter an. »Infolgedessen sind die Schätzungen der Unterernährungsrate stark nach oben verzerrt«, resümiert Zlochin.

Basierend auf gefälschten Daten

Die am 17. September veröffentlichten Daten des Global Nutrition Cluster zeigen, dass die altersgewichtete, auf der Messung des Oberarmumfangs basierende, durchschnittliche Unterernährungsrate im Gebiet von Gaza-Stadt in der zweiten Julihälfte bei etwa 14,8 Prozent lag, bevor sie im August deutlich zurückging und wieder das Niveau vom Juni erreichte. Dieser Wert liegt unter jenen fünfzehn Prozent, die erforderlich sind, um die Kriterien für eine Hungersnot zu erfüllen, und deutlich unter dem ungewichteten Durchschnitt von 16,2 Prozent.

Den Daten der Palästinensischen Autonomiebehörde zufolge lag die MUAC-Rate zu keinem Zeitpunkt über fünfzehn Prozent, bevor sie im August deutlich zurückging und wieder das Niveau von 10,5 bis elf Prozent erreichte, also jenes vom Juni.

Laut Zlochin bestätigen die aktualisierten Daten, dass die IPC-Feststellung einer Hungersnot »auf gefälschten Daten beruhte, welche die rohen, ungewichteten Unterernährungsstatistiken so darstellten, als handele es sich dabei um die nach den IPC-Richtlinien erforderlich altersgewichteten Daten. Es war von Anfang an ein Schwindel, und diese Schmieranten wussten das die ganze Zeit.«

Ein Vertreter des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen erklärte im August gegenüber Jewish News Syndicate, dass seine Behörde sich tatsächlich auf die MUAC-Rate im IPC-Bericht stützte, um auf eine anhaltende Hungersnot zu schließen.

Der Direktor des WFP-Dienstes für Ernährungssicherheit und Ernährungsanalyse Jean-Martin Bauer meinte damals, dass trotz fehlender Beweise für Todesfälle aufgrund von Unterernährung in einem für Hungersnöte typischen Ausmaß die Realität der Hungersnot in Gaza-Stadt und Umgebung auf soliden Beweisen beruhe, wobei er sich auf die Verwendung des MUAC durch den IPC berief: »Die Prävalenz von Unterernährung bei Kindern hat sich zwischen Mai und Juli verdreifacht. Wenn man einen solchen exponentiellen Anstieg hat, bedeutet das auch einen exponentiellen Anstieg des Sterberisikos.«

Auf die Frage, wie die Vereinten Nationen und der IPC von Sterberisiken zu der Feststellung gelangten, dass tatsächlich eine Hungersnot herrschte, antwortete Bauer: »Der Indikator, den wir für die Ernährung verwenden, ist der Oberarmumfang, und es ist ganz klar, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Oberarmumfang und der Sterblichkeit gibt. Das ist unbestreitbar. Es wurde von Fachkollegen überprüft. Deshalb sind wir zuversichtlich, dass dies ein guter Indikator für die Probleme in Gaza ist.«

Bauer sagte damals, man habe »sich hier keine Freiheiten mit den Daten genommen«, und fügte hinzu, es gebe »Anzeichen für den Zusammenbruch der Gesundheitssysteme, den Rückgang behandelter Krankheiten und den Anstieg von Kinderkrankheiten – und all das in Verbindung mit weit verbreiteter Unterernährung«. Aufgrund dieser Faktoren und des »exponentiellen Anstiegs der Unterernährung von Kindern im Gouvernement Gaza und insbesondere in Gaza-Stadt« kommt der Bericht »zu dem Schluss, dass die Hungersnotschwelle im Fall von Gaza-Stadt überschritten wurde«.

Bestätigung der Kritik

Kritiker wiesen jedoch darauf schon damals hin, dass die qua MUAC extrapolierten Daten bestenfalls dürftig waren. Der IPC stützte sich nur auf Daten aus zwei Wochen im Juli anstatt auf einen ganzen Monat, und selbst diese zwei Wochen überschritten kaum die MUAC-Schwelle für Hungersnot.

Nachdem nun die Daten für den gesamten Juli von der UNICEF veröffentlicht wurden, gemeinsam mit den Daten für den gesamten August, treten gemäß Zlochin alle bisherigen Kritikpunkte an den IPC-Methoden in Gaza, darunter die fragwürdige Datenerhebung, die übermäßige Abhängigkeit von den Stichproben der UNRWA, die Einbeziehung extremer Ausreißer und die fragwürdige Entscheidung, sich auf einen Datenausschnitt von nur zwei Wochen statt auf einen ganzen Monat zu stützen, nun noch deutlicher zutage.

»Die Daten zur Unterernährung sind nicht nur an sich wichtig, sondern sie wurden auch verwendet, um die Lücke in den Mortalitätsdaten zu schließen. Und das IPC-Argument war im Grunde genommen nicht nur, dass die Unterernährung den Schwellenwert von fünfzehn Prozent überschritten habe, sondern, dass es einen sehr starken Aufwärtstrend gebe. Sie sprachen von einem exponentiellen Wachstum; nicht nur davon, dass die Fünfzehn-Prozent-Schwelle überschritten worden sei, sondern auch davon, dass dies sehr schnell geschehen und ein sehr starker Aufwärtstrend zu verzeichnen gewesen sei«, so Zlochin über die Behauptungen des IPC.

Die aktualisierten UNICEF-Daten, die mit anderen Quellen abgeglichen wurden, zeigen jedoch, dass das IPC fragwürdige Methoden angewandt hat, beispielsweise, indem es MUAC-Daten von einem Datenlieferanten, der für den Untersuchungszeitraum in der zweiten Julihälfte niedrigere Unterernährungsraten auswies, einfach in die erste Julihälfte übertragen habe. »Sie haben die Daten für die zweite Hälfte nach oben getrieben und künstlich einen enormen Anstieg erzeugt. Sie haben viel Mühe darauf verwendet, diesen Eindruck zu erwecken, als ob die Schwelle nicht nur überschritten worden wäre, sondern, dass sie sehr schnell überschritten worden wäre.«

Eine neue Analyse des HonestReporting-Vorstandsmitglieds Salo Aizenberg bestätigt Zlochins Ausführungen. »Die IPC-Erklärung zur Hungersnot vom 22. August war gleichbedeutend mit der Vorhersage von etwa 10.000 Hungertoten bis zum Waffenstillstand am 10. Oktober«, schrieb Aizenberg und stützte sich dabei auf die IPC-Standards. Daten der Hamas und der Vereinten Nationen zeigen jedoch, dass zwischen der Erklärung der Hungersnot Anfang August und dem Waffenstillstand am 13. Oktober insgesamt 192 Todesfälle im Zusammenhang mit Unterernährung zu verzeichnen waren, einschließlich derjenigen mit Vorerkrankungen, was nur zwei Prozent der vom IPC prognostizierten Gesamtzahl entspricht.

Mike Wagenheim ist leitender US-Korrespondent des israelischen Fernsehsenders i24NEWS und JNS-Korrespondent in Washington. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!