Israelische Medien beginnen vermehrt, zivilgesellschaftlichen Stimmen aus Gaza Gehör zu schenken.
Mohammed Altlooli
In den letzten Jahren hat sich in Teilen der israelischen Zivilgesellschaft ein spürbarer Wandel vollzogen: eine wachsende Bereitschaft, den Stimmen der Zivilbevölkerung aus Gaza Gehör zu schenken. Das bedeutet nicht, dass die tiefen Wunden des Krieges verheilt sind oder das Misstrauen verschwunden ist. Es spiegelt jedoch ein zunehmendes Verständnis dafür wider, dass die Zukunft der Palästinenser und der Israelis eng miteinander verflochten ist.
Israelische Medien haben begonnen, Raum für palästinensische Stimmen zu schaffen, die die Sprache der Zivilgesellschaft, der Menschenwürde und des Zusammenlebens sprechen, anstatt die der Gewalt und Konfrontation. Ein kürzlich in der Jerusalem Post veröffentlichter Meinungsbeitrag des Autors beleuchtete die Zukunft Gazas unter dem Gesichtspunkt starker ziviler Institutionen, verstärkter Bildung und verwirklichter Rechtsstaatlichkeit. Diese Ideen stehen im Einklang mit dem, was sich viele einfache Menschen in Gaza seit langem erhoffen: eine Zukunft, die auf ihren Bedürfnissen basiert und nicht auf endlosen Konflikten.
Für mich begann diese Geschichte nicht erst nach dem 7. Oktober 2023. Sie begann schon Jahre zuvor.
»Wir wollen leben«
Im Jahr 2017 stand ich in Dschabaliya und erklärte öffentlich, was niemals umstritten hätte sein dürfen: »Wir wollen leben«. Die Menschen in Gaza verdienen ein normales Leben. Sie verdienen Arbeitsplätze, Bildung, Sicherheit und Hoffnung für ihre Kinder. Damals war das Äußern solcher Ansichten mit erheblichen persönlichen Kosten verbunden. Ich wurde verhaftet, verhört, bedroht und unerbittlich ins Visier genommen, weil ich es gewagt hatte, eine Stimme zu erheben, die die vorherrschende Erzählung in Frage stellte. Meine Botschaft war einfach: Die Zukunft Gazas sollte nicht von politischen Fraktionen, internen Spaltungen oder endlosen Gewaltzyklen bestimmt werden. Sie sollte von den Hoffnungen und Träumen der einfachen Menschen bestimmt werden.
Ich wusste, dass mein Auftritt mit Risiken verbunden war. Ich wusste, dass es Konsequenzen geben könnte. Doch ich wusste auch, dass viele Menschen in Gaza denselben Traum teilten – einen Traum nicht vom Krieg, sondern vom Leben.
Dann kamen der 7. Oktober 2023 und der verheerende Krieg, der darauf folgte. Das Leid, das sowohl Palästinenser als auch Israelis erfahren haben, ist unermesslich. Tausende Zivilisten haben ihr Leben verloren. Ganze Gemeinschaften wurden zerstört. Das Vertrauen zwischen benachbarten Gesellschaften wurde bis an seine Grenzen strapaziert. Doch diese Tragödie hat auch eine fundamentale Wahrheit offenbart: Ein anhaltender Konflikt bietet für keine der beiden Seiten eine sinnvolle Zukunft.
Heute, inmitten von Vertreibung, Zerstörung und Trauer, diskutieren viele Menschen in Gaza zunehmend über die Notwendigkeit eines anderen Weges in die Zukunft. Sie suchen nicht nach neuen Slogans. Sie suchen nach praktischen Lösungen, die Sicherheit, wirtschaftliche Chancen und Stabilität bieten können. Sie wollen funktionierende zivile Institutionen. Sie wollen eine hochwertige Bildung. Sie wollen eine Wirtschaft, die in der Lage ist, Arbeitsplätze für junge Menschen zu schaffen. Vor allem wollen sie, dass ihre Kinder eine Zukunft erben, die besser ist als ihre Vergangenheit.
Der gleiche Wunsch besteht jenseits der Grenze. Auch die Bewohner israelischer Gemeinden in der Nähe von Gaza, darunter Be’eri, Kfar Aza, Nahal Oz, Nir Oz, Nirim, Kerem Shalom, Holit, Sderot und andere, wollen, dass ihre Kinder frei von Angst, Raketen, Terrorangriffen und wiederkehrenden Kriegen aufwachsen. Die Realität ist, dass die grundlegenden Interessen beider Seiten nicht so widersprüchlich sind, wie viele annehmen. Die Sicherheit Israels kann nicht vollständig gewährleistet werden, solange der Gazastreifen in Zusammenbruch und Verzweiflung gefangen bleibt. Ebenso kann der Gazastreifen nicht wiederaufgebaut werden, solange Angst, Feindseligkeit und Instabilität die Beziehung zwischen den beiden Gesellschaften beherrschen.
Seit Jahrzehnten haben konkurrierende Narrative Palästinenser und Israelis dazu veranlasst, einander in erster Linie durch die Brille des Konflikts zu betrachten. Doch die Realität ist komplexer. Auf beiden Seiten gibt es Zivilisten, die einfach nur ein normales Leben führen, ihre Familien schützen und Chancen für künftige Generationen schaffen wollen. Nachdem ich jahrelang einen persönlichen Preis dafür gezahlt habe, mich für eine zivile Vision von Frieden und Koexistenz einzusetzen, sehe ich heute Anzeichen dafür, dass diese Botschaft ein neues Publikum erreicht. Nicht, weil sich die Lage verbessert hat, sondern weil die Folgen des Versagens, glaubwürdige zivile Alternativen aufzubauen, nicht mehr zu ignorieren sind.
Einfache Wahrheiten
Frieden entsteht nicht allein durch Slogans. Er erfordert den schrittweisen Aufbau von Vertrauen, von Mensch zu Mensch. Er erfordert, die Menschlichkeit derer anzuerkennen, die auf der anderen Seite der Grenze leben, und ihr Recht auf Sicherheit, Würde und eine Zukunft anzuerkennen. Meine Hoffnung gilt nicht dem Sieg über die andere Seite. Meine Hoffnung gilt dem Sieg der Menschlichkeit über die Angst.
Diese Botschaft habe ich vor fast einem Jahrzehnt aus Dschabaliya mitgebracht, und ich trage sie auch heute noch in mir: Die Palästinenser in Gaza wollen leben. Die Israelis, die in der Nähe von Gaza wohnen, wollen leben. In dieser einfachen Wahrheit liegt das Fundament, auf dem eines Tages ein dauerhafter Frieden aufgebaut werden kann.
Mohammed Nafez Altlooli ist Autor und Friedensaktivist. Er war als Koordinator für zivile Angelegenheiten tätig und ist eine führende Persönlichkeit in der von Jugendlichen geführten Bewegung Bedna Na’eesh (»Wir wollen leben«) im Gazastreifen. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Bekämpfung extremistischer Ideologien sowohl im Nahen Osten als auch im Westen.






