Arye Sharuz Shalicar wurde nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 erneut als Sprecher der israelischen Streitkräfte rekrutiert. Mit seinem neuen Buch Überlebenskampf. Kriegstagebuch aus Nahost legt er ein erschütterndes Zeitdokument aus nächster Nähe vor.
Es gibt Bücher, die informieren. Und es gibt Bücher, die erschüttern. Überlebenskampf. Kriegstagebuch aus Nahost gehört in die zweite Kategorie. Arye Sahruz Shalicar, 1977 in Göttingen geboren, in Berlin-Wedding aufgewachsen, wanderte 2001 nach Israel aus. Er diente bei den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF), war von 2009 bis 2017 deren Sprecher und kehrte nach dem 7. Oktober 2023 als Reserveoffizier in diese Rolle zurück.
Parallel machte er sich einen Namen als Journalist und Autor. Seine Autobiografie Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Judeschildert seine Jugend als Sohn iranisch-jüdischer Eltern in Berlin-Wedding; das Buch wurde 2020 fürs Kino verfilmt. Weitere Bücher folgten, in denen er über Antisemitismus, Migrationserfahrungen und das jüdische Leben in Deutschland schrieb. Shalicar ist ein Autor, der stets eng an seiner eignen Biografie bleibt. Auch Überlebenskampf folgt dieser Linie – allerdings mit einer anderen Dramatik.
Sein Kriegstagebuch umfasst fast sechshundert Tage; von den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 über die Kämpfe im Gazastreifen und die Angriffe der Hisbollah bis hin zum offenen Krieg mit dem Iran. Den Auftakt markiert jener Morgen, als Shalicar telefonisch vom Massaker im Süden Israels erfuhr. Kurz darauf wird er als Offizier der Reserve in den Armeestab beordert, erlebt die ersten Berichte aus den Kibbuzim, die Bilder von ermordeten Zivilisten und verschleppten Geiseln.
Er schildert, wie er im Kibbuz Be’eri den unerträglichen »Geruch von Leichen« wahrnimmt, wie Raketenalarm zum Alltag wird und ihn selbst beim Autofahren zwingt, Schutz zu suchen. Immer wieder kehrt er zu den Bildern der Massaker zurück: zu den Toten auf dem Nova-Musikfestival und zu den niedergebrannten Häusern der Kibbuzim.
Chronik und Anklage
Shalicars Kriegstagebuch ist Chronik und Anklageschrift zugleich. Seine härtesten Worte gelten den Feinden Israels: Der Hamas, deren erklärtes Ziel die Vernichtung Israels sei; der Hisbollah, die den Norden seit Jahren unter Beschuss hält; und dem Iran, den er als Drahtzieher und strategischen Gegenspieler beschreibt, der den Krieg befeuert und eskaliert habe.
Mindestens ebenso scharf setzt er sich mit der Darstellung des Kriegs im Westen auseinander. Immer wieder verweist er darauf, wie internationale Medien seiner Ansicht nach unkritisch Zahlen und Behauptungen übernommen hätten – etwa über Opferzahlen oder angebliche Angriffe auf zivile Einrichtungen –, während die Beweise für israelische Opfer oft relativiert oder kleingeredet worden seien. Diese Schieflage empfindet er als doppelte Ungerechtigkeit: gegen Israel, aber auch gegen die Wahrheit.
Vor allem mit Deutschland geht Shalicar hart ins Gericht. Das Land, das nach der Schoah »Nie wieder« versprach, hat nach seiner Wahrnehmung zu oft geschwiegen oder mit zweierlei Maß gemessen. Demonstrationen mit israelfeindlichen Parolen seien geduldet worden, antisemitische Stereotype wären ungehindert zirkuliert, während das Leid der israelischen Opfer in der Öffentlichkeit kaum Resonanz gefunden habe. Für ihn ist das mehr als eine politische Enttäuschung, sondern ein Bruch mit dem moralischen Fundament, das Deutschland selbst immer wieder beschworen hat.
Die palästinensische Perspektive bleibt in diesem Tagebuch weitgehend ausgespart. Doch Shalicar erhebt nicht den Anspruch, alle Seiten gleichermaßen abzubilden. Überlebenskampf ist kein Versuch, den Konflikt zu analysieren oder zu erklären. Es ist der unmittelbare Bericht eines Beteiligten – subjektiv, eindringlich, unbequem.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches. Es ist eine Nahaufnahme des Kriegs mitten im Geschehen aus einer ganz persönlichen Sicht. Shalicar schreibt aus dem Inneren einer Gesellschaft, die nach dem 7. Oktober 2023 ihren Glauben an Sicherheit verloren hat. Wer verstehen will, wie sich dieser Tag in das israelische Bewusstsein eingeschrieben hat, findet in diesem Tagebuch ein bedrückendes und zugleich unverzichtbares Zeitdokument.







