Da die Kosten für die Feierlichkeiten zum islamischen Opferfest für viele Tunesier unerschwinglich werden, brodelte die Frustration über wirtschaftliche Not und politische Unterdrückung erneut hoch.
Abdullah Najjar
Am 16. Mai, nur wenige Tage vor dem islamischen Opferfest Eid al-Adha, gingen Hunderte Tunesier in der Hauptstadt auf die Straße, um gegen die sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen und den Rückbau der Demokratisierung zu protestieren. Die Demonstrationen waren die zweite große Protestwelle in weniger als sechs Monaten, nach ähnlichen Unruhen im Dezember 2025.
In der Vergangenheit wurde Tunesien oft als das einzige Land gepriesen, das aus den Protesten des Arabischen Frühlings als Demokratie hervorgegangen ist. Doch eine zunehmende Unterdrückung der tunesischen Zivilgesellschaft, verbunden mit der Aussetzung des Parlaments und der Absetzung des damaligen Premierministers Hichem Mechichi im Jahr 2021, hat Zweifel an Tunesiens demokratischem Status aufkommen lassen.
Viele Kritiker argumentieren, dass das Land langsam in Richtung Autoritarismus zurückfällt und damit möglicherweise ein Jahrzehnt demokratischer Fortschritte zunichtemacht, die nach der Revolution von 2011 erzielt wurden. Seit dem Selbstmordanschlag von Sousse im Jahr 2015, bei dem 38 Menschen ums Leben kamen, befindet sich Tunesien im Ausnahmezustand. Präsident Kais Saied verlängerte diesen im Januar 2026 erneut um elf Monate und gewährte dem Innenministerium weitreichende Befugnisse, darunter das Verbot öffentlicher Versammlungen und die Überwachung der Presse.
Saied war 2019 an die Macht gekommen, als er die Wahl mit einem Erdrutschsieg gewann. Die Ereignisse ab Juli 2021 begründeten dann seine Ein-Mann-Herrschaft. Damals wurde das Parlament aufgelöst, seinen Mitgliedern die Immunität entzogen und in der Folge die Verfassung außer Kraft gesetzt wurde. Ab Juni 2022 regierte Saied per Dekret, gewährte sich selbst »absolute Macht« zur Entlassung von Richtern und entließ 57 von ihnen. Amnesty International bezeichnete diesen Schritt als »schweren Schlag gegen die Unabhängigkeit der Justiz«.
Der 68-jährige ehemalige Rechtsprofessor festigte effektiv seine Exekutivgewalt und untergrub in der Folge die Autorität einer unabhängigen Justiz. Saieds Wiederwahl im Jahr 2024 verzeichnete mit 28,8 Prozent die niedrigste Wahlbeteiligung in Tunesien seit 2011. Trotz der allgemeinen Enttäuschung der Bevölkerung über die Politik gelang es dem Präsidenten dennoch, 90,68 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich zu vereinen.
Laut einem Bericht von Human Rights Watch (HRW) aus dem Jahr 2026 sind willkürliche Inhaftierungen und politisch motivierte Prozesse zur Norm geworden. Im November 2025 berichtete HRW, dass 34 Menschen unterschiedlicher Herkunft – darunter Aktivisten, Anwälte und politische Gegner – im Rahmen des als »Verschwörungsfall 2« bekannt gewordenen Verfahrens verurteilt wurden. Sie erhielten Haftstrafen zwischen fünf und 45 Jahren aufgrund vager Vorwürfe des Terrorismus und der Gefährdung der Staatssicherheit. Der Prozess wurde von der stellvertretenden Regionaldirektorin von Amnesty International für den Nahen Osten und Nordafrika, Sara Hashash, als »Missbrauch« des Strafrechtssystems bezeichnet.
Im Jahr 2024 wurden laut dem Komitee zum Schutz von Journalisten vier Journalisten inhaftiert, was die höchste Zahl seit 1992 darstellt. Im Jahr 2023 richtete sich eine Verhaftungswelle gegen mindestens elf Personen, darunter Anwälte, Minister und ehemalige Richter, denen Saied »Verschwörung gegen den Staat und gegen den Präsidenten« vorwarf. Laut Reporter ohne Grenzen fiel Tunesiens Rang im Pressefreiheitsindex im Jahr 2025 um elf Plätze auf Rang 129 von 180 Ländern.
Wirtschaftliche Misere
Zwar ist unklar, ob es in Zukunft zu weiteren Protesten kommen wird, doch das Fehlen jeglicher Anzeichen für künftige Reformen dürfte zu mehr Widerstand führen. »Wir sind für Arbeit, Freiheit und nationale Würde auf die Straße gegangen«, sagte einer der aktuellen Demonstranten gegenüber Middle East Uncovered. »Die Kluft zwischen der Rhetorik [der Regierung] und der Realität könnte im heutigen Tunesien nicht größer sein. Was mich am 16. Mai auf die Straße getrieben hat, ist die Hoffnung auf ein besseres Tunesien und die Weigerung, zu schweigen. Ich sah die Hoffnung in den Augen der Händler und Anwohner, die mitsangen, als wir während der Demonstration an ihnen vorbeizogen.«
Die Demonstranten hielten Schilder mit der Aufschrift »Das Volk hungert und die Gefängnisse sind voll« hoch und stellten damit einen Zusammenhang zwischen den sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen in Tunesien und der zunehmenden politischen Unterdrückung her. Andere trugen Schilder, auf denen sie die zunehmende Armut und die vor dem Eid-Fest in die Höhe schießenden Lammfleischpreise anprangerten.
Viele Muslime auf der ganzen Welt feiern traditionell das Eid al-Adha, indem sie ein Schaf opfern und dessen Fleisch verzehren. Laut Lutfi Al Riahi, dem Präsidenten der tunesischen Organisation für Verbraucherschutz, sind die Preise für Schafe im Vergleich zum Vorjahr um 300 tunesische Dinar (etwa 90 Euro) gestiegen. Nach Angaben der Weltbank sank die Armutsquote geringfügig und lag 2025 bei 16,0 Prozent, verglichen mit 16,6 Prozent im Jahr 2024.
»Die Stimmung wird am stärksten durch die steigenden Preise und die sinkende Kaufkraft geprägt«, erklärte Adrienne Todd, Partnerin bei der in Tunis ansässigen Dispatch Risk Advisory, gegenüber Middle East Uncovered. Todd glaubt, dass weiterhin die wirtschaftlichen Missstände im Mittelpunkt künftiger Proteste stehen werden. »Zwar wurden am 16. Mai von den Demonstranten politische Themen angeführt, doch die breite Bevölkerung ist auf die wirtschaftlichen Belastungen konzentriert.«
In den letzten zehn Jahren befand sich die tunesische Wirtschaft in einer schwierigen Lage. Von 2011 bis 2022 verlor der tunesische Dinar schrittweise an Kaufkraft und verlor 52 Prozent seines Wertes gegenüber dem US-Dollar. Von 2021 bis 2024 setzte sich dieser Rückgang fort, wobei er weitere 7,7 Prozent seines Wertes einbüßte. Im vierten Quartal 2025 lag die Arbeitslosenquote bei 15,2 Prozent, was einen geringfügigen Rückgang gegenüber dem Durchschnitt von 15,66 Prozent in den letzten Jahrzehnten darstellt.
Wirtschaftliche Missstände standen auch im Mittelpunkt der tunesischen Revolution, die 2011 Diktator Zine El Abidine stürzte. Der oben zitierte Demonstrant glaubt nicht, dass auch nur eines der Ziele der Revolution erreicht wurde. Er macht das System dafür verantwortlich, dass Reformen nicht umgesetzt wurden, und fügt hinzu, dass die Regierung viele Versprechen gemacht, diese aber nie eingehalten habe.
Zukunft ungewiss
Im Jahr 2025 überschritt die Staatsverschuldung Tunesiens die 80-Prozent-Marke des BIP, zwei Jahre nachdem Saied ein Rettungspaket des IWF im Wert von etwa zwei Milliarden Dollar abgelehnt hatte. Saied erklärte damals, dass die Annahme des Pakets und die damit verbundene Streichung von Subventionen das Land destabilisieren würden. Die Ablehnung hat jedoch nicht zu ausreichenden Fortschritten bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Probleme geführt, sodass die Schere zwischen Reichtum und Armut immer weiter aufgeht.
Saied wird wahrscheinlich bis zum Ende seiner fünfjährigen Amtszeit im Amt bleiben, wobei die nächsten Wahlen für 2029 angesetzt sind. Ob es zu weiteren Demonstrationen kommen wird, bleibt abzuwarten.
Angesichts von Eid al-Adha standen viele Tunesier vor einem Feiertag, der traditionell im Zeichen von Opferbereitschaft, Familie, Nächstenliebe und gemeinschaftlichem Feiern steht, während sie zugleich zunehmendem wirtschaftlichem Druck und schwindenden politischen Freiheiten ausgesetzt sind. Für viele Familien sind selbst die Kosten für den Kauf eines Schafs unerschwinglich geworden, was einen Moment, der normalerweise von Freude und Großzügigkeit geprägt ist, zu einer Erinnerung an finanzielle Unsicherheit und Frustration macht.
Gleichzeitig haben wachsende Ängste vor Unterdrückung, willkürlichen Verhaftungen und demokratischem Rückschritt das Bewusstsein vertieft, dass Tunesiens Versprechen nach der Revolution unerfüllt bleiben. Für viele Demonstranten richtete sich die Wut, die vor dem Opferfest auf den Straßen zum Ausdruck kam, nicht nur gegen steigende Preise. Sie richtete sich auch gegen das Gefühl, dass sowohl wirtschaftliche Sicherheit als auch politische Freiheiten stetig schwinden.
(Der Beitrag wurde auf Englisch bei Middle East Uncovered veröffentlicht. Übersetzung von Alexander Gruber.)






