Im Zuge des israelisch-amerikanischen Kriegs gegen den Iran haben die antiisraelischen Töne aus der Türkei noch einmal eine massive Eskalation erlebt.
Unmittelbar nach dem gemeinsamen Angriff der USA und Israels auf den Iran verschwendete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan – ein Mann, der die Kunst des politischen Theaters meisterhaft beherrscht – keine Zeit, den »Brandstifter« des Nahen Ostens zu benennen. Er machte »Netanjahus Provokationen« dafür verantwortlich und warnte, dass die »Babymörder« in Jerusalem bald einen göttlichen Preis zahlen würden.
Doch während sich der Rauch lichtet, bleibt die Frage: Will Erdoğan einen Regimewechsel in Teheran verhindern, oder verfolgt er ein verstecktes Ziel?
Schlüsselfaktor Kurden
Jahrelang ging man allgemein davon aus, dass die Türkei als sunnitische Macht und NATO-Mitglied den Sturz des schiitischen Ayatollah-Regimes begrüßen würde. Die türkische Kalkulation sah jedoch anders aus. »Ankara will unter keinen Umständen eine ›neue Überraschung‹ in Teheran erleben«, sagt Hay Eytan Cohen Yanarocak, ein führender Türkei-Experte am Moshe-Dayan-Zentrum für Nahost- und Afrikastudien. »Sie sind tatsächlich an der Fortführung des derzeitigen Regimes interessiert. Warum? Weil eine prowestliche, demokratische Revolution im Iran der Türkei ihr strategisches Monopol als wichtigstes Tor des Westens zum Osten nehmen würde.«
Diese Einschätzung teilt auch der Technologie- und Politikstratege Yonatan Adiri, der den für die Türkei idealen Iran als eine Art »geschwächten Virus« beschreibt. Aus dieser Sicht will Erdoğan die Region nicht von der iranischen Ansteckung heilen; er will sie lediglich so weit unterdrücken, dass sie beherrschbar bleibt. »Ein pro-westlicher Iran, der mit Washington zusammenarbeitet, würde zu einem enormen Magneten für ausländische Investitionen werden. Er würde die türkische Wirtschaft effektiv umgehen und das regionale Gleichgewicht weg von Ankara verlagern.«
Ein Beispiel für die Bereitschaft des türkischen Präsidenten, dem iranischen Regime bei seinem Machterhalt zu helfen, war die Kurdenfrage. Der Mossad hatte jahrelang kurdische Oppositionskräfte im Irak aufgebaut und sie auf einen Bodenangriff vorbereitet, der eine breitere Revolte gegen die Ayatollahs hätte auslösen können. Als der Plan den türkischen Geheimdiensten zu Ohren kam, war die Reaktion schnell und kompromisslos. Ankara nutzte seinen Einfluss auf die Vereinigten Staaten, um ein Veto gegen die kurdische Operation einzulegen. Für Erdoğan war die Aussicht auf einen militärischen Sieg der Kurden im Iran – selbst wenn dieser seinen Rivalen in Teheran stürzen würde – ein Schritt zu weit.
»Die Kurdenfrage ist für Erdoğan ein ›abgeschlossener Fall‹«, erklärt Adiri. »Er hat große Angst davor, diese Büchse der Pandora wieder zu öffnen. Sollten die Kurden im Iran durch militärische Erfolge ihren politischen Status verbessern oder Autonomie erlangen, wäre der Dominoeffekt sofort spürbar. Dies würde die kurdischen Bewegungen in Syrien, im Irak und – was für Erdoğan am gefährlichsten wäre – innerhalb der Türkei selbst ermutigen.«
Die Ironie ist auffällig: Um den Aufstieg einer staatenlosen ethnischen Gruppe zu verhindern, fungierte der NATO-Partner Türkei als strategischer Schutzschild für das iranische Regime, gegen das sich sowohl Jerusalem als auch Ankara in unterschiedlichen Kontexten aussprechen.
Türkische Eskalation
Diplomatisch gesehen hat sich das Verhältnis zwischen Jerusalem und Ankara von einem bloß eingefrorenen Status zu Bedrohlicherem entwickelt. Analysten haben eine kalkulierte Verschiebung im Vokabular von Erdoğan – und anderen türkischen Amtsträgern – festgestellt. Er bezeichnet Israel nicht mehr durchweg als den »Staat Israel«, ein Begriff, der Rechtsstatus und Zugehörigkeit zur Staatengemeinschaft impliziert. Stattdessen spricht er vom »zionistischen Projekt«.
Dieser sprachliche Schwenk ist kein Zufall. Er spiegelt die Sprache der Hamas und der Hisbollah wider und stellt einen bewussten Versuch dar, die bloße Existenz des jüdischen Staates zu delegitimieren. Indem er Israel als »Projekt« statt als Land darstellt, signalisiert Erdoğan seiner Basis – und der gesamten muslimischen Welt –, dass Israels Präsenz vorübergehend ist: eine historische Anomalie, die korrigiert werden muss.
»Das ist die Bruchlinie«, sagt Adiri. »Wenn man aufhört, die Legitimität eines Mitglieds der Staatengemeinschaft anzuerkennen, markiert man damit eine Abkehr von den Normen der internationalen Diplomatie. Erdoğan signalisiert, dass er nicht länger daran interessiert ist, eine Brücke zu schlagen. Vielmehr will er der Anführer einer panislamischen Allianz sein, die Israels Existenz als Hindernis betrachtet.«
Trotz der von der Türkei gegen israelische Amtsträger erlassenen Haftbefehle und der Rhetorik, die die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) mit den Nazis und Netanjahu mit Hitler vergleicht, sprechen sich einige Stimmen in Jerusalem gegen einen vollständigen Bruch mit der Türkei aus. »Israel und die Türkei befinden sich an der Spitze der Pyramide im Nahen Osten«, schließt Yanarocak. »Wenn zwei sehr starke Länder denselben engen Raum einnehmen, sind Reibungen unvermeidlich. Beide müssen sich äußerst verantwortungsbewusst verhalten, um eine unerwünschte Kollision zu vermeiden.«






