Die Türkei will die Nukleartechnologie ausschließlich für zivile Zwecke nutzen, aber die Infrastruktur, die es aufbaut, könnte den Weg für militärische Anwendungen ebnen.
Noa Lazimi
Während die Türkei gemäß ihren Verpflichtungen aus dem 1969 unterzeichneten Atomwaffensperrvertrag keine Atomwaffen besitzt, verlässt sie sich seit ihrem Beitritt zur NATO im Jahr 1952 auf den nuklearen Schutzschild des Verteidigungsbündnisses und gestattet die Stationierung mehrerer Dutzend Atombomben auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik durch die USA.
In den letzten Jahren haben hochrangige Politiker jedoch regelmäßig öffentlich das »Recht« der Türkei auf die Entwicklung und den Erwerb von Atomwaffen eingefordert. In einer Rede im September 2019 argumentierte Präsident Recep Tayyip Erdogan, es sei unfair, dass sein Land keine Atomwaffen entwickeln dürfe, während andere Staaten solche besäßen oder daran arbeiteten, sie zu erwerben.
Im Juli 2025 äußerte Außenminister Hakan Fidan seine Unzufriedenheit mit dem Atomwaffensperrvertrag, der seiner Meinung nach »strukturelle Ungerechtigkeit« zementiere, da er die strategische Vorherrschaft der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, die alle über Atomwaffen verfügen, aufrechterhält. Seiner Ansicht nach werde nur ein Aspekt des Vertrags in der Praxis umgesetzt, nämlich die Verhinderung der Verbreitung von Atomwaffen, während keine Fortschritte bei der nuklearen Abrüstung erzielt und keine Unterstützung anderer Länder, die Atomenergie für friedliche Zwecke entwickeln, gewährt wird.
Erdogans und Fidans Äußerungen wurden vor dem Hintergrund der türkischen Besorgnis über das Streben ihres Nachbarn und langjährigen Rivalen Iran nach Atomwaffen getätigt und stehen laut Berichten auch im Zusammenhang mit den bestehenden atomaren Ressourcen Israels.
Doch Ankara hat nicht tatenlos zugesehen. Im Jahr 2018 wurde mit dem Bau des Kernkraftwerks Akkuyu begonnen, das von der russischen staatlichen Atomgesellschaft Rosatom finanziert und betrieben wird. Im Rahmen des mit Russland geschlossenen Vertrags, dessen Wert auf zwanzig Milliarden Euro geschätzt wird, soll das Kraftwerk vier Reaktoren umfassen und etwa zehn Prozent des jährlichen Stromverbrauchs der Türkei decken.
Es ist wichtig, festzuhalten, dass es sich hierbei um ein ziviles Atomprogramm zur Stromerzeugung handelt und nicht um ein militärisches Programm, das einen höheren Grad an Urananreicherung erfordern würde. Dennoch bedeutet dies den Aufbau einer Infrastruktur, die unter bestimmten Bedingungen in Zukunft dazu beitragen könnte, den Weg für eine militärische Nutzung zu ebnen.
Beziehungen zu Pakistan
Die Verbesserung der türkischen Beziehungen zu Pakistan, dem einzigen islamischen Land mit Atomwaffen, scheint ebenfalls darauf abzuzielen, die Stützpfeiler Ankaras im Nuklearbereich zu diversifizieren. Die Annäherung spiegelt sich unter anderem in der bedeutenden Unterstützung wider, welche die Türkei Islamabad in seiner Konfrontation mit Indien gewährt hat. Engere Beziehungen zu Pakistan könnten der Türkei helfen, Wissen und Fähigkeiten zu erwerben, die es ihr im Laufe der Zeit ermöglichen würden, eigenständig Kernkraftwerke zu errichten.
Die nuklearen Ambitionen sind eng mit dem Selbstverständnis der Türkei als Regionalmacht verbunden, die bestrebt ist, einen Einflussbereich im Stil des Osmanischen Reichs wiederzubeleben. Die Türkei investiert enorme Ressourcen in ihre Verteidigungsindustrie und es ist kaum vorstellbar, dass sie freiwillig auf die Entwicklung von Atomwaffen verzichtet, die eines Tages einen bedeutenden Beitrag zu ihrer Machtprojektion und Abschreckung leisten könnten.
Im Inland sind nicht alle von den von der Regierung vorangetriebenen Kernenergieprojekten begeistert. Oppositionspolitiker haben ernsthafte Bedenken hinsichtlich der mit dem Betrieb von Kernkraftwerken verbundenen Risiken geäußert, darunter ökologische Schäden und Umweltprobleme sowie die Befürchtung einer zunehmenden Abhängigkeit der Türkei von Russland.
Dennoch ist davon auszugehen, dass die Türkei ihre Bemühungen zum Aufbau nuklearer Fähigkeiten fortsetzen wird, solange Erdogan an der Macht bleibt; wahrscheinlich aber auch unter seinen Nachfolgern.
Der Westen wäre gut beraten, das Szenario eines Fortschritts der Türkei in Richtung nuklearer Fähigkeiten in seine strategische Planung und regionale Risikobewertung einzubeziehen, auch wenn sich dieser Prozess über einen langen Zeitraum hinweg allmählich vollziehen wird. Selbst wenn ein solcher Prozess nicht schnell zu erwarten ist, könnte allein die Existenz eines gesammelten Wissensschatzes, einer nuklearen Infrastruktur und entsprechenden Beziehungen das regionale Abschreckungsgleichgewicht verändern und das Verhalten Ankaras in den Krisenherden des Nahen Ostens beeinflussen.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






