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Eklat zwischen Türkei und Iran – wegen einem Gedicht

Erdogans Wagen auf der „Siegesparade“ in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku
Erdogans Wagen auf der „Siegesparade“ in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku (© Imago Images / ITAR-TASS)

Ein Gedicht, dass Präsident Erdogan auf einer Siegesparade in Aserbaidschan vorgetragen hatte führte zu diplomatischen Verstimmungen zwischen den beiden Ländern.

Die Türkei und der Iran streiten um die richtige Interpretation von Lyrik. Beide Regierungen bestellten letzte Woche die Botschafter der jeweils anderen ins Außenministerium ein. Anlass der Verstimmung: Ein Gedicht, das der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einem Staatsbesuch in Aserbaidschan rezitiert hatte, und das das iranische Regime als Angriff auf seine territoriale Integrität wertete.

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP geschah dies anlässlich einer „Siegesparade“ in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Im jüngsten Krieg um die armenische Exklave Bergkarabach in Aserbaidschan unterstützte die Türkei Aserbaidschan, der Iran Armenien. In den von Erdogan vorgelesenen Versen ist laut dem AP-Bericht davon die Rede, „mit Gewalt“ eine Grenze niederzureißen, die das historische Azeri-Land (d.h. das aserbaidschanische Land) zerschneide. Andere Quellen berichten hingegen, die inkriminierten Verse lauteten:

„Sie haben den Fluss Aras abgetrennt und ihn mit Sand gefüllt. Ich werde nicht von dir getrennt sein. Sie haben uns mit Gewalt getrennt.“

Der Aras ist ein tausend Kilometer langer Fluss im Kaukasus, der die iranischen Provinzen, die das iranische Aserbaidschan bilden, vom Staat Aserbaidschan trennt. Etwa 20 Prozent der iranischen Bevölkerung sind Schätzungen zufolge Aserbaidschaner.

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Im 16. und 17. Jahrhundert führten das Osmanische Reich und das persische Safawidenreich zahlreiche Kriege gegeneinander. Im Zuge des Osmanisch-Safawidischen Krieges von 1578 bis 1590 wurde Aserbaidschan kurzzeitig osmanische Provinz. Die Rivalität zwischen beiden Reichen wurde dadurch verschärft, dass der persische Schah Ismail I., der aus Aserbaidschan stammende Begründer der Safawiden-Dynastie, den Schia-Islam zur Staatsreligion machte und alle Sunniten verfolgen ließ.

Die Aserbaidschaner stehen einerseits den Türken nahe, weil sie eine Turksprache sprechen (das Aserbaidschanische wird auch als Aserbaidschan-Türkisch bezeichnet), andererseits den Iranern, weil die aserbaidschanische Bevölkerung zu fast 90 Prozent schiitisch ist.

„Zudringlich und inakzeptabel“

Erdogans Gedichtrezitation fand am Donnerstag, den 10. Dezember statt. Am folgenden Freitag bestellte das iranische Außenministerium den türkischen Botschafter, Dery Örs, ein. Laut einem Bericht der türkischen regierungsnahen Website Daily Sabah sagte der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Saeed Khatibzadeh, Örs sei aufgrund der „zudringlichen und inakzeptablen Bemerkungen“ Erdogans einbestellt worden.

Irans Außenminister Javad Zarif sagte laut Daily Sabah, das Gedicht beziehe sich „auf die gewaltsame Trennung der Gebiete nördlich des Aras vom iranischen Mutterland“. Was wohl heißen sollte, dass nicht das Gedicht an sich das Problem sei, sondern dass es am falschen Ort von der falschen Person rezitiert wurde. Teheran drückte „starken Protest“ aus und drängte die türkische Regierung, „so schnell wie möglich“ eine „Erklärung“ zu geben.

Am Samstag dann bestellte die türkische Regierung den iranischen Botschafter ins Außenministerium ein, um sich über die „aggressive“ Reaktion der iranischen Regierung zu beschweren. Fahrettin Altun, der Pressesprecher der türkischen Regierung, sagte, die iranische Regierung habe die Bedeutung des Gedichts „verzerrt“ und „sinnlose Spannungen geschürt“.

Später am Samstag telefonierten die Außenminister beider Länder. Der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu sagte seinem iranischen Gegenüber Javad Zarif, die iranischen Äußerungen entbehrten „jeder Grundlage“ und seien „inakzeptabel“. Man hätte auch „andere Kanäle“ wählen können, um über das Gedicht zu reden, so Cavusoglu.

Cavusoglu versicherte, dass Erdogan die Souveränität und territoriale Integrität des Iran völlig akzeptiere. Er sei sich über die Empfindlichkeiten, die das Gedicht berühre, nicht im Klaren gewesen, so Pressesprecher Altun. Altun sagte, das Gedicht „spiegelt leidenschaftlich die emotionale Erfahrung eines geschädigten Volkes wider, die durch die Besetzung Aserbaidschans durch Armenien verursacht ist. Es enthält keine Bezüge zum Iran.“

Cavasoglu habe Zarif erklärt, dass es in dem Gedicht vielmehr um die Stadt Laçın in Bergkarabach gehe. Die iranische Regierung akzeptierte diese Erklärung, beide Seiten erklärten, das „Missverständnis“ sei „aufgeklärt“.

Ein Leben mit Gedichten

Gedichte haben im Leben Erdogans immer eine große Rolle gespielt. Als Jugendlicher soll er oft allein mit einem Boot aufs Meer gefahren sein und Gedichte auswendig in den Wind gesprochen haben. Am 6. Dezember 1997, als Bürgermeister von Istanbul, zitierte er in einer Rede, die er in der ostanatolischen Stadt Siirt hielt, ein Gedicht des nationalistischen Dichters Ziya Gökalp (1876-1924):

„Unsere Minarette sind unsere Bajonette, die Moscheen unsere Kasernen und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Wegen „Anstachelung zu Hass auf der Grundlage der Religion“ verurteilte ihn das Staatssicherheitsgericht Diyarbakir am 12. April 1998 deshalb zu zehn Monaten Haft und einem lebenslangen Politikverbot.

Am 31. März 2016 sorgte ein obszönes Gedicht über Erdogan, das der deutsche Unterhaltungskünstler Jan Böhmermann im deutschen Fernsehen vortrug, für heftige Proteste der türkischen Regierung und der türkischen Medien (Böhmermann-Affäre). Als Reaktion darauf gab es Wettbewerbe, bei denen der Dichter ausgezeichnet wurde, der Erdogan am stärksten beleidigt. Einen dieser Wettbewerbe gewann der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson.

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