Ankaras Balanceakt wird immer schwieriger, da wirtschaftlicher Druck, Instabilität an den Grenzen und strategische Spannungen die Position der Türkei im Nahen Osten neu definieren.
Shimon Sherman
Inmitten der militärischen Offensive der USA und Israels gegen den Iran bewegt sich die Türkei in einem zunehmend unsicheren geopolitischen Umfeld. Als NATO-Mitglied, regionale Militärmacht und eurasischer Wirtschaftsknotenpunkt hat Ankara lange Zeit Geschick bei der Nutzung regionaler Krisen zur Durchsetzung seiner nationalen Interessen bewiesen. Seit dem Start der Operation Roaring Lion am 28. Februar sieht sich die Türkei jedoch weitgehend an den Rand gedrängt und versucht, eine fragile Neutralität aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig mit steigenden strategischen Kosten zu kämpfen hat.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan unterstrich Ankaras vorsichtigen Ansatz und erklärte, die Türkei sei zwar militärisch bereit, »unser vorrangiges Ziel besteht jedoch nicht darin, in diesen Krieg hineinzuraten«. Trotz dieser neutralen Haltung verschärft der Konflikt die Schwachstellen der Türkei an mehreren Fronten, darunter die wirtschaftliche Stabilität, die Grenzsicherheit, die Beziehungen zu Washington und der regionale Einfluss insgesamt.
Laut der leitenden Forscherin am Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS), Gallia Lindenstrauss, betrachtet Ankara den Krieg gar als »die Verwirklichung einiger seiner schlimmsten strategischen Szenarien«.
Ökonomischer Druck
Die durch den amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran ausgelöste Volatilität auf den globalen Energiemärkten hat den Druck auf die ohnehin schon fragile türkische Wirtschaft verstärkt. Die Brent-Rohölpreise stiegen über hundert Dollar pro Barrel, während die europäischen Erdgas-Termingeschäfte ebenfalls in die Höhe schossen, was Ankaras Leistungsbilanzdefizit aufgrund seiner starken Abhängigkeit von Energieimporten vergrößerte.
Steigende Energiekosten haben den Inflationsdruck erhöht und erschweren die türkische Geldpolitik. Da die jährliche Inflationsrate im Februar 31,5 Prozent erreichte, sah sich die Zentralbank gezwungen, den Leitzins bei 37 Prozent zu belassen. Der Chefökonom für Schwellenländer bei Capital Economics, William Jackson, warnte: »Selbst, wenn der Konflikt nur von kurzer Dauer ist, wird die [Zentralbank] Schwierigkeiten haben, die Zinsen so schnell zu senken wie ursprünglich geplant.«
Gleichzeitig hat die Instabilität im Iran die Besorgnis entlang der östlichen Grenze der Türkei verstärkt. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen schätzt, dass bis zu 3,2 Millionen Iraner vorübergehend vertrieben wurden, wobei täglich etwa 1.300 über den Grenzübergang Kapiköy in die Türkei einreisen. »So wie die Kriege im Irak und in Syrien in dieser Hinsicht negative Folgen für die Türkei hatten, könnte dies auch bei diesem Krieg der Fall sein«, schrieb Lindenstrauss und verwies auf die Befürchtung, dass die Instabilität im Iran einen erneuten Migrationsdruck auslösen könnte.
Die Sicherheitsbedenken werden durch verstärkte Aktivitäten iranisch-kurdischer Oppositionsgruppen noch verschärft. Kurz vor Kriegsbeginn bildeten fünf iranisch-kurdische Exilfraktionen eine gemeinsame politische und militärische Koalition mit dem Ziel, die Islamische Republik Iran zu stürzen. Zu dem Bündnis gehört die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK), die Ankara als Ableger der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) betrachtet, einer Gruppe, die seit Jahrzehnten einen Aufstand gegen den türkischen Staat führt. Das türkische Verteidigungsministerium erklärte, »die Aktivitäten der PJAK aufmerksam« zu verfolgen und warnte davor, dass solche Gruppen die regionale Stabilität bedrohten.
Diplomatischer Druck
Auch der diplomatische Balanceakt der Türkei ist komplizierter geworden. Obwohl Ankara historisch gesehen ein Rivale des Irans ist, unterhielt es pragmatische Beziehungen zu Teheran, das seine regionalen Ambitionen unterstützte. Iranische Raketenstarts, die den türkischen Luftraum durchquerten und von NATO-Verteidigungssystemen abgefangen wurden, haben die Beziehungen jedoch belastet. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan warnte davor, dass Verletzungen des türkischen Luftraums »unter keinen Umständen entschuldbar« seien und unterstrich damit die Spannungen zwischen den beiden Ländern.
Auch die Beziehungen zu Washington sind unter Druck geraten. Berichte, wonach US-Beamte erwogen hätten, iranisch-kurdische Gruppen zu unterstützen, alarmierten türkische Politiker, auch wenn US-Präsident Donald Trump später klarstellte, eine kurdische Beteiligung im Iran nicht zu unterstützen. »Der Versuch, die iranischen Kurden einzubinden, erzürnte die Türkei«, sagte Lindenstrauss und deutete an, dass Ankaras Bedenken Washingtons Haltungsänderung beeinflusst hätten.
Die Türkei hatte sich entschieden gegen eine Militäraktion gegen den Iran ausgesprochen und diplomatische Bemühungen zur Lösung der Frage des iranischen Atomprogramms bevorzugt. Washingtons Entscheidung, trotz dieser Bedenken fortzufahren, legte die Differenzen zwischen den Verbündeten offen. Dennoch stellen für Lindenstrauss diese Spannungen keinen grundlegenden Bruch in den Beziehungen dar, da »beide Seiten die strategische Bedeutung des jeweils anderen anerkennen«, wobei die Trump-Regierung der Türkei gegenüber generell eine wohlwollende Haltung eingenommen habe.
Um die Spannungen mit Washington zu bewältigen, hat Ankara einen Großteil seiner Kritik auf Israel gerichtet und die Interpretation unterstützt, Israel hätte die Vereinigten Staaten in den Konflikt hineingezogen. Dieser Ansatz ermöglicht es der Türkei, sich öffentlich gegen den Krieg zu stellen und gleichzeitig ihre übergeordneten strategischen Beziehungen zu Washington zu wahren.
Militärischer Druck
Die Schwächung des regionalen Stellvertreternetzwerks des Irans hat zudem die türkischen Bedenken hinsichtlich einer sich verändernden regionalen Dynamik verstärkt. Israelische Operationen gegen die »Achse des Widerstands« werden in Ankara als potenziell geeignet angesehen, das Kräfteverhältnis in einer Weise zu verändern, die den türkischen Interessen zuwiderläuft. Türkische Beamte haben davor gewarnt, dass Israel, sobald der iranische Einfluss geschwächt ist, sich zunehmend auf die Türkei als regionalen Konkurrenten konzentrieren könnte. Devlet Bahçeli, ein hochrangiger türkischer Politiker, deutete kürzlich an, dass »nach dem Iran die Türkei an der Reihe sein wird«.
Die Beziehungen zwischen Jerusalem und Ankara haben sich seit dem 7. Oktober 2023 erheblich verschlechtert, wobei sich die Türkei zu einem der stärksten internationalen Unterstützer der Hamas und zu einem ausgesprochenen Kritiker Israels entwickelt hat. Israelische Politiker betrachten die Türkei zunehmend als strategischen Rivalen. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Naftali Bennett erklärte im Februar, dass »die Türkei der neue Iran« sei und drängte auf eine Verlagerung hin zu einer aktiveren strategischen Doktrin. Auch Israels Ex-Verteidigungsminister Yoav Gallant identifizierte Syrien als wahrscheinlichen Schauplatz künftiger Spannungen zwischen den beiden Ländern.
Türkische Politiker weisen solche Einschätzungen zurück und argumentieren, die israelische Politik sei expansionistisch. Außenminister Hakan Fidan warf der israelischen Führung vor, territoriale Ambitionen zu verfolgen und argwöhnt, Israel werde neue Gegner identifizieren, um seine Regionalpolitik zu rechtfertigen. Lindenstrauss merkte an, die Türkei fürchte die Möglichkeit, ein geschwächtes iranisches Regime könnte letztendlich durch eine Regierung ersetzt werden, die mit den Vereinigten Staaten und Israel verbündet ist, was Jerusalems regionale Position weiter stärken würde. »Als Folge dieser Herausforderungen treibt die Türkei ihren militärischen Aufbau voran, während die Diskussionen über die Notwendigkeit von Atomwaffen als Abschreckungsmittel zunehmen.«
Trotz der aktuellen Verschlechterung der Beziehungen argumentierte Lindenstrauss, dass die Schwächung oder Zerstörung des schiitischen Halbmondes auch zu einer pragmatischen Annäherung zwischen Jerusalem und Ankara führen könnte. »Wenn die ›Achse des Widerstands‹ erheblich geschwächt wird, könnte dies auch Möglichkeiten für ein konstruktiveres regionales Engagement eröffnen. Daher ist es keine ausgemachte Sache, dass die Türkei und Israel aufgrund dieses Kriegs auf eine Eskalation zusteuern.«
Shimon Sherman ist Kolumnist und berichtet über globale Sicherheit, Angelegenheiten des Nahen Ostens und geopolitische Entwicklungen. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)






