Türkei bastelt an der demographischen Neuordnung der Kurdengebiete

„Abzuwarten bleibt, wie die Türkei das Konzept der syrischen ‚Schutzzonen‘, deren Einrichtung Ankara seit Jahren fordert, in der Praxis durchsetzen will. In der Türkei leben nach staatlichen Angaben aus Ankara etwa 3,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Etwa 100.000 staatenlose ‚Flüchtlingsbabys‘ werden jedes Jahr geboren und vergrößern diese Bevölkerungsgruppe. Erdogan und andere türkische Politiker haben immer wieder deutlich gemacht, dass die syrischen ‚Gäste‘ eines Tages in ihre Heimat zurückkehren sollen.

Plant die Türkei nun, arabische Flüchtlinge in den ‚Schutzzonen‘ anzusiedeln, wie das kurdische Quellen behaupten? Tatsächlich hätte eine solche Politik aus türkischer Sicht den Vorteil, den kurdischen Bevölkerungsanteil dieser Gebiete an ihrer Grenze zu senken. Solch ein ‚demographisches Engineering‘ durch staatlich betriebene Ansiedlungen wäre nichts Neues – die Kurden in Syrien kennen das noch aus der Zeit von Hafez al-Assad, des Vaters des jetzigen syrischen Diktators.

Abgesehen von dem Zweifel, ob sich ganze Bevölkerungsgruppen heutzutage noch wie Schachfiguren auf dem Spielbrett verschieben lassen, stellt sich allerdings auch die Frage, ob die kurdische Bevölkerung in Afrin und den beiden weiter östlich gelegenen nordsyrischen Kantonen eine solche Politik einfach so hinnehmen würde. Das gälte besonders, wenn die Türkei Araber in mehrheitlich kurdischen Städten wie Afrin ansiedeln wollte. (…)

Beachtung verdient auch das Vorgehen der türkischen Katastrophenschutzbehörde Afad, die für die Verwaltung der Flüchtlingslager in der Türkei zuständig ist. Afad hat angekündigt, in der Provinz Idlib sowie in den Gebieten, die während der Operation ‚Schutzschild Euphrat‘ unter türkische Kontrolle gebracht wurden, insgesamt neun Flüchtlingslager errichten zu wollen. Zudem habe man den Generalstab der türkischen Armee informiert, dass bei Bedarf auch im Kanton Afrin ein Lager aufgebaut werden könne. In Idlib betreiben Afad und der türkische ‚Rote Halbmond‘ bereits ein Lager für 3000 Binnenvertriebene. Ist das eine Vorstufe von einem ‚Türkisch-Afrin‘?“ (Michael Martens: „Auf dem Weg nach Türkisch-Afrin“)

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