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Tucker Carlson: Juden verüben Anschläge in Golfstaaten

Tucker Carlson auf dem Doha Forum in Katar
Tucker Carlson auf dem Doha Forum in Katar (© Imago Images / Anadolu Agency)

Indem Tucker Carlson antisemitische Verschwörungstheorien über Chabad erzählt, bringt er die Mitglieder der jüdischen Organisation in Lebensgefahr.

Der Antisemitismus sei »das Gerücht über die Juden«, schrieb Theodor W. Adorno in seinen Minima Moralia aus dem Jahr 1951. Eines der neuesten Gerüchte: Saudi-Arabien und Katar hätten israelische Mossad-Agenten festgenommen, die Bombenanschläge in diesen Ländern planten. Verbreitet wurde das in der vergangenen Woche von Tucker Carlson, einem amerikanischen politischen Kommentator und Journalisten. Bekannt wurde Carlson als Gastgeber der CNN-Debattensendung Crossfire, der MSNBC-Show Tucker und vor allem als Moderator der Sendung Tucker Carlson Tonight beim Sender Fox News, wo er von 2016 bis 2023 eine der meistgesehenen politischen Talkshows im US-Fernsehen moderierte.

»Warum sollten die Israelis Bombenanschläge in Golfstaaten verüben, die doch auch vom Iran angegriffen werden?«, fragte Carlson in seinem Video-Podcast. »Sind sie nicht auf derselben Seite?« Der Journalist behauptete, Israel schüre absichtlich Chaos unter den arabischen Verbündeten der USA. »Israel will dem Iran schaden – und Katar und den VAE und Bahrain und Saudi-Arabien und Oman und Kuwait.« Ziel Israels sei es, den gesamten Nahen Osten zu beherrschen. Irgendwelche Belege oder Quellen für seine Behauptungen – etwa Augenzeugen oder Whistleblower – führte er naturgemäß nicht an.

Nachrichtenmedien wie die türkische Agentur Anadolu News, der türkische Fernsehsender TRT oder die Website Pakistan Today griffen die Verleumdung auf und behandelten sie als Nachricht. Carlson machte sich dabei nicht einmal die Mühe, die fehlende Logik zu kaschieren. Das Mullah-Regime greift die Infrastruktur der Golfstaaten an und bestreitet das auch nicht. Warum sollte Israel das Gleiche tun? Wenn die Angriffe den strategischen Interessen des Iran nützen, wie können sie gleichzeitig Israel dienen? Das wäre etwa so, als würde man behaupten, Polen würde Anschläge auf die Ukraine verüben, um Russland zu bezichtigen.

Teherans Mann im Westen

Da Carlson weltweit ein Millionenpublikum hat, sah das Emirat sich tatsächlich genötigt, das Gerücht zu dementieren. Einen Tag nach der Sendung erklärte ein Sprecher des katarischen Außenministers laut Al-Jazeera, er habe keine Informationen über Mossad-Zellen innerhalb der Landesgrenzen. »In Katar ist es eine Straftat, so einen Unsinn zu verbreiten wie Tucker Carlson gestern. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe von umgerechnet etwa 28.000 US-Dollar. Es wird interessant sein, zu sehen, wie Katar reagiert, nachdem Tucker dort gerade ein Haus gekauft hat«, schrieb Ryan Saavedra, Reporter des konservativen US-News-Blogs The Daily Wire, in den sozialen Medien.

In Wahrheit teilten die katarischen Behörden mit, dass sie zwei Zellen festgenommen hätten, die mutmaßlich im Auftrag der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) operierten: Zehn Verdächtige wurden inhaftiert, denen Spionage und Sabotageakte gegen die kritische Infrastruktur des Landes vorgeworfen werden, wie die katarische Nachrichtenagentur QNA berichtet. Die Festnahmen seien im Anschluss an »präzise Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen der zuständigen Sicherheitsbehörden des Landes im Rahmen der laufenden Bemühungen zur Wahrung der nationalen Sicherheit und Stabilität« erfolgt.

Sieben der Verdächtigen sollen mit Spionagemissionen beauftragt gewesen sein, um Informationen über sensible militärische Infrastruktur in ganz Katar zu sammeln, während die übrigen drei Sabotageakte durchführen sollten. Laut den Behörden hatte die letztgenannte Gruppe eine Ausbildung im Einsatz von Drohnen erhalten.

Seit seinem Ausscheiden bei Fox benimmt sich Carlson wie ein rechtsextremer Aktivist. In einem Video-Podcast, in dem er sich mit dem Holocaust-Leugner Nick Fuentes unterhielt, konkurrierten die beiden vor einigen Monaten darum, wer Israel mehr hasst. Tucker Carlson ergänzte, dass er auch christliche Zionisten hasse – diese seien »Ketzer«, die von einem »Hirn-Virus« befallen seien.

In jüngster Zeit schießt sich Carlson immer mehr auf Israel ein. Dadurch kann er weit über seine rechte Klientel hinaus auch linke und muslimische Israelhasser als Publikum gewinnen. Dabei übernimmt er die Propaganda des Mullahregimes: Der Konflikt mit Iran sei eigentlich Israels Krieg. Die USA seien von pro-israelischen Kräften in den Krieg gezogen worden. Der Tod des iranischen Führers würde Chaos auslösen, sagt Carlson.

Dabei unterschlägt er, dass die USA aus Sicht des Mullahregimes der »Große Satan« sind. Der Anschlag auf die US-Marine-Kaserne in Beirut im Jahr 1983 gilt als einer der tödlichsten Angriffe auf US-Streitkräfte seit dem Zweiten Weltkrieg. Dabei wurden 241 amerikanische und 58 französische Soldaten getötet. Der Angriff wurde von einer Gruppe namens Islamischer Dschihad beansprucht, ein Alias der Hisbollah.

Wie die beiden amerikanischen Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer und Stephen L. Walt behauptet Carlson das Wirken einer hinter den Kulissen agierenden, mächtigen »Israel-Lobby«, die nicht etwa wie andere Lobbys für ihre Ziele werbe, sondern die amerikanische Politik völlig kontrolliere und Präsident Trump ihren Willen aufzwinge. Nicht Trump, sondern Netanjahu habe die Entscheidung zum Angriff auf den Iran getroffen, so Carlson. Die USA würden nicht von der eigenen Bevölkerung regiert, sondern von »Mossad-Agenten«, die im Pentagon und der CIA-Zentrale säßen, sagte er kürzlich in einem Podcast.

Vermeintlicher Drahtzieher

Bis hierhin würde Tucker Carlson wohl noch große Schnittmengen mit Mearsheimer und Walt finden – oder auch mit der US-Abgeordneten Ilhan Omar, die in der Vergangenheit behauptete, die israelfreundliche Haltung der Vereinigten Staaten sei auf Bestechung durch pro-israelische Organisationen zurückzuführen.

Carlson geht aber weiter: In einem Podcast führt er den amerikanisch-israelischen Angriff auf das Mullahregime auf Chabad zurück, eine große religiöse Bewegung innerhalb des chassidischen Judentums. Sie gehört zum orthodoxen Judentum und ist weltweit für ihre religiösen Zentren sowie Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bekannt. Carlson behauptet, Chabad führe einen Religionskrieg mit dem Ziel, die Al-Aqsa-Moschee und den Felsendom zu zerstören, um an ihrer Stelle den Dritten Tempel zu errichten. »Das geschieht schon seit Langem öffentlich, unter anderem durch die Bemühungen einer Gruppe namens Chabad. C-H-A-B-A-D«, sagte Carlson.

„Das ist das Absurdeste, was ich je gehört habe, einer chassidischen Bewegung aus Brooklyn die Schuld zuzuschieben – einer Gruppe, die um die Welt reist, um das Judentum, Liebe und Güte zu verbreiten«, sagte Yossi Farro, ein Mitglied der Chabad-Bewegung, in einem Telefoninterview mit dem linksliberalen jüdisch-amerikanischen Magazin Forward. »Er spricht Menschen an, die noch nie von Chabad gehört haben, und deren erste Meinung ist nun: Das ist schrecklich, diese Leute sind Kriegstreiber – genau das Gegenteil von dem, wofür wir stehen.«

Das ist nicht mehr nur säkularer Israelhass, sondern religiös motivierter Hass auf Juden. Hier kommt die antisemitische Querfront in Aktion: Die rechtsgerichtete antizionistische Podcasterin Candace Owens postete auf X einen Artikel des palästinensischen Quds News Networks, der Carlsons Aussage aufgriff, sowie die zustimmende Stellungnahme des linken antizionistischen Soziologen David Miller von der Universität Bristol.

Carlson habe, was Chabad betreffe, recht, so Miller: »Das ist eine ultra-zionistische, genozidale Sekte mit 5.000 Büros weltweit (davon 1.300 in den USA). Sie glauben, Nichtjuden hätten nur tierische Seelen und es sei legitim, palästinensische Kinder zu töten. Sie sind ein transnationales, organisiertes Verbrechernetzwerk. Jared Kushner hat ihnen Millionen gespendet. Auch Trump hat sie unterstützt. Jedes einzelne ihrer Büros, Wohltätigkeitsorganisationen und Unternehmen sollte sofort geschlossen werden.«

Ziel des Terrors von Mumbai

Die von Carlson im Verbund mit muslimischen und linken Antizionisten losgetretene Lawine bringt Menschen in Lebensgefahr. Das Chabad-Haus in Mumbai, das Nariman-Haus, war bei den Terroranschlägen im November 2008 eines der Ziele. Es wurde von Rabbi Gavriel Holtzberg und seiner zu diesem Zeitpunkt schwangeren Frau Rivka betrieben. Zwei Terroristen der pakistanischen Terrorgruppe Lashkar-e Taiba stürmten das Gebäude und nahmen die Anwesenden als Geiseln. Neben dem Ehepaar Holtzberg töteten sie Bentzion Kruman, Rabbi Leibish Teitelbaum, Yoheved Orpaz und Norma Shvarzblat Rabinovich.

Indem Tucker Carlson und seine Geistesverwandten die Chabad-Bewegung zu einer jüdischen Verschwörung gegen die Menschheit stilisieren und dazu auffordern, gegen ihre Einrichtungen vorzugehen, schüren sie nicht nur den Antisemitismus, sondern stiften auch zu Gewalt an.

Dass Personen der äußersten Rechten und der äußersten Linken zusammen mit Organisationen aus der muslimischen Anti-Israel-Szene agieren, macht es besonders gefährlich. Zum einen wegen des gigantischen Netzwerk-Effekts, den sie gemeinsam entfalten; zum anderen, weil es ihnen in manchen Kreisen zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht: Wenn Menschen, die politisch und kulturell sonst völlig gegensätzliche Auffassungen vertreten, sich in einer Frage einig sind, dann »muss« ja wohl was dran sein, so die verquere Logik.

Aus Sicht des Mullahregimes ist Tucker Carlson auch deshalb so wertvoll, weil er einmal zum konservativen Establishment gehörte. Er kann sich nun als jemand stilisieren, der ausgestoßen wurde, weil er vermeintlich die Wahrheit sagt. Zusätzlich zu denen, die ihn früher auf Fox News gesehen haben, erreicht er nun auch die, die den Sender hassen, aber einen »Abtrünnigen« lieben. Der Antisemitismus schafft gemeinsame Bande.

Wie bei vielen, die als vermeintlich gewöhnliche Kritiker Israels starteten, zeigt sich auch bei Tucker Carlson, dass er beinahe von Woche zu Woche extremer wird. Nachdem er für seine antisemitischen Aussagen Widerspruch geerntet hatte, fügte er vor einigen Tagen hinzu: »Israel ist eines der hässlichsten Länder der Welt. Sie haben seit 1948 nichts Schönes gebaut.« Damit ist er bei Richard Wagner angekommen, der in seiner Schrift Das Judenthum in der Musik (1869) formulierte, die Juden seien von ihrem Wesen her gar nicht in der Lage, etwas Schönes zu schaffen, weder in der Architektur noch in der Bildhauerei, Malerei oder Musik.

Alles, was Judenfeinde im Hinblick auf die Juden sagen und fordern, so Jean-Paul Sartre, diene der »Erniedrigung, Demütigung und Verbannung« als »Ersatz für den Mord, den sie im Sinn haben. Es sind symbolische Morde.«

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