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Tschechische Luftabwehr aus Israel

Die Tschechische Republik bezieht ihr Luftabwehrsystem aus Israel
Die Tschechische Republik bezieht ihr Luftabwehrsystem aus Israel (© Imago Images / CTK Photo)

Mit israelischer Unterstützung modernisiert die Tschechische Republik ihre noch aus Sowjet-Zeiten stammende Luftabwehr mit einem Radarsystem und Flugabwehrraketen.

Mit israelischer Hilfe modernisiert die Tschechische Republik seine bislang noch aus sowjetischer 1970er-Jahre-Produktion stammende Luftabwehr. Vor dem Hintergrund des russischen Überfalls auf die Ukraine scheint das besonders dringlich, doch die Pläne dazu wurden schon vor Jahren gefasst.

Wie das israelische Luftfahrt- und Militärtechnikunternehmen Israel Aerospace Industries (IAI) Anfang April mitteilte, hat es der Tschechischen Republik über ihren tschechischen Partner RETIA und VTU im Rahmen eines im Dezember 2019 von den Verteidigungsministerien beider Länder unterzeichneten Vertrags das erste Luftverteidigungs-Multimissionsradar (MMR) geliefert. In der Pressemitteilung heißt es:

»Das Radar, das in Israel einsatzbereit und kampferprobt ist, bietet Kunden auf der ganzen Welt sowohl Überwachungs- als auch Verteidigungsfähigkeiten und ist in NATO-Systeme integrierbar.«

Das Radar erkenne und klassifiziere Bedrohungen und versorge Waffensysteme mit jenen Daten, die erforderlich seien, um mehrere dieser Bedrohungen gleichzeitig zu neutralisieren.

Laut IAI ist das Radar in der Lage, auch Ziele »mit niedrigen Signaturen« zu erkennen und zu identifizieren. Gemeint sind beispielsweise kleine Drohnen. Sie bestehen hauptsächlich aus Kunststoff und Kohlenstofffaser, dazu ein wenig Elektronik, aber nur aus wenig Metall. Darum sind herkömmliche Radarsysteme, die darauf ausgelegt sind, Metall oder größere Objekte zu orten, für diesen Zweck kaum geeignet.

Das MMR ist in der Lage, mehrere Missionen gleichzeitig bewältigen. Es kann laut Angaben des Herstellers nicht nur Flugzeuge und Drohnen orten, sondern auch Artillerie, Mörser und Raketenstarts. Zudem lassen sich mit ihm Abfangraketen steuern. Daher wird es u.a. bei dem bekannten israelischen Raketenabwehrsystem Iron Dome eingesetzt. IAI hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 150 solcher Systeme an Kunden auf der ganzen Welt verkauft.

Yoav Tourgeman, Vizepräsident von IAI und CEO von ELTA, sagt:

»IAI ist stolz darauf, in Zusammenarbeit mit unseren lokalen tschechischen Partnern das tschechische Verteidigungsministerium pünktlich und gemäß dem Projektplan mit diesen modernen Radarsystemen zu beliefern.«

Trotz der Herausforderungen der letzten zwei Jahre während der COVID-19-Pandemie hätten die Projektteams sowohl in Israel als auch in der Tschechischen Republik erfolgreich zusammenarbeiten können und seien dem Ziel einer gemeinsamen Produktion verpflichtet geblieben.

»Das moderne Radar, das jetzt an die Tschechische Republik geliefert wurde, ist in der Lage, Hunderte von Zielen gleichzeitig zu identifizieren und zu klassifizieren sowie die Identifizierung von unbemannten Flugkörpern, Raketen und anderen neuen Bedrohungen im Einsatzgebiet durchzuführen.

Wir glauben, dass die Fähigkeit des Systems zur Integration mit NATO-Systemen eine neue Ära der Operationen für das tschechische Verteidigungsministerium einläuten wird.«

1948: Tschechische Waffen retten Israel

Die heutige israelisch-tschechische Militärzusammenarbeit hatte Vorläufer in den späten 1940er Jahren. Nach dem Überfall von fünf arabischen Armeen auf den neu gegründeten Staat Israel im Mai 1948 half die Tschechoslowakei, Israels Überleben zu sichern. Mit Geld, das die spätere Ministerpräsidentin Golda Meir bei Juden in den USA gesammelt hatte, kaufte Israel zwischen 1947 und 1949 von der Tschechoslowakei Waffen.

Der erste Vertrag wurde am 14. Januar 1948 vom tschechoslowakischen Außenminister Jan Masaryk unterzeichnet. Er umfasste 200 MG 34-Maschinengewehre, 4.500 P 18-Gewehre und 50,4 Mio. Schuss Munition. Neben Rüstungsgütern erhielt Israel von der Tschechoslowakei auch militärische Ausbilder. Jan Fingerland, Redakteur beim Tschechischen Rundfunk, sagt:

»Am interessantesten damals war vielleicht die militärische Ausbildung von künftigen israelischen Soldaten. Die begann bereits einige Zeit vor Entstehen des Staates und wurde geführt von tschechoslowakischen Soldaten, die frische Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg mitbrachten.

Einer von ihnen war zum Beispiel Oberleutnant Antonín Sochor, ein damaliger Kriegsheld, der in den tschechoslowakischen Legionen gekämpft hatte. Er kam später unter ungeklärten Umständen ums Leben. Bis heute wird spekuliert, dass er umgebracht wurde.«

Die militärische Ausbildung habe vor allem in der Schulung von Kampfpiloten bestanden, so Fingerland:

»Diese fand in der Tschechoslowakei statt. Aber gerade Sochor leitete auch Übungen unmittelbar in Palästina. Vermittelt wurde dabei nicht nur, wie man ein Flugzeug steuert, sondern auch praktische Kriegstaktik. Einer der künftigen israelischen Piloten war Ezer Weizman, der spätere siebte Präsident des Landes.«

Die Hilfe der Tschechoslowakei hatte wirtschaftliche Gründe: So kam das Land zu Devisen. Ohne Stalins Billigung – der 1947/48 ein kurze proisraelische Phase hatte, weil er ein sozialistisches Israel als potenziellen Verbündeten sah – wäre sie allerdings nicht möglich gewesen. Anders als die Sowjetunion konnte die Tschechoslowakei Israel Waffen verkaufen, die, weil sie während des Zweiten Weltkriegs für die deutsche Wehrmacht gefertigt worden waren, nicht direkt mit der Sowjetunion in Verbindung gebracht werden würden.

Israel liefert auch Flugabwehrraketen

Neben dem Radarsystem wird Tschechien in Zukunft auch Flugabwehrraketen von einem israelischen Unternehmen erhalten. Ein entsprechendes Abkommen mit Rafael Advanced Defense Systems wurde im September 2021 unterzeichnet. Vier Luftabwehrsysteme des Typs »Spyder« sollen bis 2026 geliefert werden.

Das Besondere an dem Vertrag ist, dass Israel die Waffen nicht fertig liefert, sondern – wie auch beim Radarsystem MMR – tschechische Wirtschafts- und Militärunternehmen in die Produktion miteinbezieht. Der tschechische Militärblog CZ Defense beschreibt die Zusammenarbeit so:

»Auf der untersten Ebene werden tschechische Unternehmen den Kauf und die Montage gewöhnlicher kommerzieller Komponenten übernehmen, auf der mittleren Ebene wird die tschechische Industrie Spyder-Komponenten gemäß israelischen Produktionsplänen anfertigen und auf der höchsten Ebene wird der israelische Hersteller spezifizieren, was das erforderliche Subsystem erfüllen soll, und tschechische Ingenieure werden es selbst entwerfen.«

Dreißig Prozent der Wertschöpfung soll in der Tschechischen Republik stattfinden. Zudem soll Tschechien durch diese Beteiligung in die Lage versetzt werden, die Waffensysteme auch im Kriegsfall ohne ausländische Hilfe zu warten und Ersatzteile selbst herzustellen.

Für die Tschechische Republik ist es wichtig, keine Waffen aus russischer Produktion mehr zu verwenden – und das hat nicht nur mit der aktuellen Lage zu tun. 2014 explodierten in der tschechischen Stadt Vrbětice im Abstand von sechs Wochen zwei Munitionslager der Armee. Die tschechische Regierung mutmaßt, dass es sich um Anschläge gehandelt haben könnte, die vom russischen Militärgeheimdienst GRU verübt wurden, der auf diese Weise den Nachschub für die ukrainische Armee habe stören wollen.

Abgesehen davon sind die sowjetischen Systeme veraltet. Wie CZ Defense schreibt, war der jetzige tschechische Generalstabschef bei ihrer Anschaffung elf Jahre alt. Es war das Jahr 1975.

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