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Trumps Pressekonferenz zum Tod des IS-Chefs: Geschichten aus einer anderen Welt

Am Sonntag verkündete der US-Präsident vor der versammelten Weltöffentlichkeit den Tod von Abu Bakr al-Baghdadi. Der Auftritt zeigte Trump in Reinform: kaum zusammenhängende Ausführungen, Eigenlob, Gejammer und reine Erfindungen.

Von Florian Markl

Der Tod von Abu Bakr al-Baghdadi am vergangenen Wochenende stellt ohne Zweifel einen Erfolg für US-Präsident Donald Trump dar. Aber Trump wäre nicht er selbst, wenn es ihm nicht gelungen wäre, diesem Ereignis seinen unverkennbaren Stempel aufzudrücken. So wurde die Pressekonferenz, auf der er die Nachricht vom Tod des islamischen Terrorpaten bekanntgab, zu einem weiteren seiner denkwürdigen Auftritte.

Bemerkenswert war weniger der gewissermaßen offizielle Teil, in dem es dem US-Präsidenten unter Aufbietung all seiner Konzentrationsfähigkeit einigermaßen gut gelang, seine vorbereitete Erklärung über den Delta-Force-Einsatz in Syrien nahe der türkischen Grenze zu verlesen – auch wenn der Name des zur Strecke gebrachten IS-Führers ihm nicht immer richtig über die Lippen kam. Interessant wurde es vielmehr in dem Abschnitt danach. Anders als Präsident Obama, der sich Anfang Mai 2011 nach dem Verlesen seiner Erklärung zum Tod von Osama bin Laden gleich wieder zurückzog, genoss Trump sichtlich das Scheinwerferlicht und beantwortete Fragen der anwesenden Journalisten.

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Trump in Hochform

Und was es da zu sehen gab, war Trump pur. Wie immer, wenn er sich nicht mehr an einen vorformulierten Text hält, regredierte seine sprachliche Ausdrucksfähigkeit auf das Niveau eines Volksschülers. Selten steht das Ende eines Satzes dann noch in sinnvollem Zusammenhang mit seinem Beginn, kaum einem Gedanken wird die Ehre zuteil, in vollständigen Sätzen ausformuliert zu werden, und oftmals bezieht sich ein „they“ als Subjekt im Laufe eines Satzes auf ganz verschiedene Akteure, auch wenn die nicht immer genau identifizierbar sind.

Gespickt sind die Sätze darüber hinaus mit einer Vielzahl von bombastischen Adjektiven, deren Verwendung oft eher deplatziert wirkt und bisweilen gänzlich zufällig anmutet. Eine kleine Auswahl: brilliant, absolutely perfect, unbelievable, great, excellent, terrific, very great, very strongly, very monstrous, fantastic, flawless etc. Das Loch, das die Soldaten bei ihrem Angriff in die Umgrenzungsmauer des Geländes sprengten, wurde so zu einem „beautiful, big hole“.

Erneut wurde Trumps Unfähigkeit offenkundig, sich länger als ein paar Worte lang auf einen Sachverhalt zu konzentrieren. Er springt von einem Thema zu nächsten, als ob er frei vor sich hin assoziieren würde, und landet typischerweise bei der Erörterung offener Rechnungen mit Widersachern seiner Politik in den USA. Binnen Sekunden wechselte er beispielsweise von der aberwitzigen Behauptung, Russland würde die USA lieber in Syrien sehen als draußen, zu dem von ihm verkündeten Einreiseverbot gegen Bürger einiger mehrheitlich muslimischer Staaten („the ban“), um sodann zu einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten abzuschweifen. Und bietet sich im Zuge dessen auch nur entfernt eine Gelegenheit, die eigene Großartigkeit zu preisen, ergreift Trump sie gerne – wenn er nicht gerade darüber jammert, dass ihm nicht die Wertschätzung entgegengebracht werde, die er verdient habe.

Heraus kommen dabei Monologe wie dieser, wobei mit „they“ in diesem Fall die Terroristen des IS gemeint waren. Ich gebe ihn auf Englisch wieder, um einen besseren Eindruck zu vermitteln, als das in deutscher Übersetzung möglich wäre:

„You know these people are very smart, they are not into the use of cellphones anymore, they are very tactically brilliant. They use the internet better than almost anybody in the world, perhaps other than Donald Trump. But they use the internet incredibly well, and what they’ve done with the internet through recruiting and everything. And that’s why he died like a dog, he died like a coward.”

Warum die brillante Verwendung des Internets der Grund dafür sein sollte, dass „er“ – gemeint ist al-Baghdadi – gestorben sei „wie ein Hund“, blieb das Geheimnis des US-Präsidenten. Genauso übrigens wie die Antwort auf die Frage, warum der Terrorchef „wie ein Hund“ gestorben sein soll, als er sich in die Luft sprengte – ist das Zünden von Sprengstoffgürteln eine unter Hunden übliche Todesart?

Geheimdienstinformationen

Anders als bisher üblich war Trump dieses Mal voll des Lobes für die Arbeit der US-Geheimdienste: „We have incredible intelligence officials and they did a great job. That’s what they should be focused on.” Die dem Lob hinzugefügte Mahnung verwies auf das gelinde gesagt gespannte Verhältnis Trumps zu den Geheimdiensten. Dass diese nur ihre Arbeit machten, als sie etwa Spuren in der sogenannten Russland-Affäre verfolgten und Hinweisen auf die Beeinflussung amerikanischer Wahlen durch fremde Mächte nachgingen, grenzte aus Sicht des Präsidenten an Hochverrat. Geheimdienstliche Erkenntnisse über russische Aktivitäten wischte er einfach beiseite. Statt Lob setzte es bis dato vor allem Angriffe und Beschimpfungen.

Es mag sein, dass man sich in Geheimdienstkreisen kurz über das unerwartete Lob durch Trump gefreut hat. Vermutlich wurde diese Freude aber sogleich vom Schrecken überdeckt, dass der Präsident ohne jede Not vor der versammelten Weltöffentlichkeit über geheimdienstliche Informationen und operationelle Details des Kommandoeinsatzes gegen al-Baghdadi zu plaudern begann. Es war keineswegs das erste Mal, dass Trump fahrlässig mit derartigen Informationen umging. In einem Fall veröffentlichte er auf Twitter ein als streng geheim eingestuftes Satellitenphoto einer Raketenbasis im Iran. Auch wenn er das als Präsident machen darf, löste sein freigiebiger Umgang mit geheimdienstlichen Informationen verstörte Reaktionen aus. Jeder andere, so kommentierte ein ehemaliger CIA-Agent die Geschichte, würde sich sofort mit einer langen Haftstrafe in einem Bundesgefängnis wiederfinden. Als so unzuverlässig hat Trump sich erwiesen, dass US-Geheimdienste einen internationalen Partner wie Israel sogar vor der Weitergabe brisanter Informationen gewarnt haben sollen, wenn er nicht wolle, dass diese sozusagen gleich brühwarm an Russland weitergegeben oder einfach aus Unachtsamkeit öffentlich gemacht werden.

Die Abertausenden getöteten Türken

Zu guter Letzt wäre der Auftritt von Trump unvollständig gewesen, wenn er nicht auch noch die eine oder andere grobe Unwahrheit oder glatte Lüge verbreitet hätte. So behauptete er, „niemand“ habe von Osama bin Laden gehört, bis Trump ihn ein Jahr vor 9/11 in einem seiner Bücher erwähnt habe – „ich habe zwölf Bücher geschrieben, alle haben sich gut verkauft“. Nach den Anschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Daressalam, nach der Attacke auf die USS Cole im Hafen von Aden, nach den Militärschlägen gegen al Qaida unter Präsident Clinton hat noch „niemand“ den Namen bin Laden gekannt? Das ist so absurd, dass sich jeder Kommentar erübrigt.

Der bislang in der Berichterstattung völlig ungewürdigte Höhepunkt war allerdings die folgende Passage, die mit Zynismus gegenüber den Kurden begann, um dann bei der Erörterung der von der Türkei gewünschten „safe zone“ ins Reich der Fantasie abzuschweifen:

“Let’s put it in all fairness: It was much easier dealing with the Kurds after they went through three days of fighting, because that was a brutal three days. And we would have said to the Kurds, hey, do you mind moving over seven miles, because, you know, they were in the middle, mostly, so you would have seven or eight miles, could you mind moving over?

Because, I have to say, Turkey has taken tremendous deaths from that part of the world. You know, we call it a safe zone, but it was anything but a safe zone. Turkey has lost thousands and thousands of people from that safe zone. So they’ve always wanted that safe zone, for many years. I am glad I was able to help them get it.”

Abertausende Türken sollen Trump zufolge also aufgrund von Aktivitäten getötet worden sein, die irgendwie auf das von den Kurden kontrollierte syrische Grenzgebiet zurückzuführen gewesen wären. Falls Sie nicht wissen, wovon er hier sprach, so gibt es dafür einen einfachen Grund: Das ist eine reine Erfindung, nichts dergleichen ist geschehen. Die Geschichten, die Trump erzählt, sind buchstäblich nicht von dieser Welt.

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