Vor einigen Tagen verstarb eine junge Frau, die wegen politischer Anschuldigungen verhaftet worden war, wegen unzureichender medizinischer Versorgung in einem Gefängnis des iranischen Regimes.
Negar Jokar
Zum dritten Jahrestag des Todes von Jina Mahsa Amini und dem gewaltsamen Tod vieler anderer Bürger im Iran erleben die Menschen eine weitere Tragödie. Somayeh Rashidi, die vor einigen Monaten unter politischen Anschuldigungen verhaftet wurde, verstarb am 25. September wegen unzureichender medizinischer Versorgung und der Verzögerung bei ihrer Verlegung vom Gefängnis ins Krankenhaus. Ihr Tod ist ein politischer Akt, der zeigt, wie die Islamische Republik Gefangene durch mangelnde medizinische Versorgung in den Tod treibt.
Die Iranerin war wegen des Skandierens von Slogans in Teheran festgenommen worden und hatte den Angriff der israelischen Armee auf das Evin-Gefängnis miterlebt. Kurze Zeit darauf wurde sie gemeinsam mit anderen Inhaftierten in das Gharghak-Gefängnis in Varamin verlegt.
Verweigerung medizinischer Hilfe
Rashidi hatte sich bereits längere Zeit über körperliche Beschwerden beklagt, doch die Gefängnisbehörden nahmen ihre Situation trotz wiederholter Besuche in der Krankenstation nicht ernst und beschuldigten sie in einigen Fällen sogar der Simulation. Sie erhielt lediglich Nerven- und Beruhigungsmittel, was ihren körperlichen Zustand verschlimmerte.
Am Dienstag, dem 16. September, erlitt sie einen schweren Krampfanfall und wurde als Notfall in das Mofatteh-Krankenhaus in Varamin gebracht. Nach Angaben der Ärzte war die Verzögerung ihrer Verlegung die Hauptursache für die irreversible Verschlechterung ihres Zustands.
Das Medienzentrum der Justizbehörden bestätigte in einem Bericht den Tod der Gefangenen und behauptete, Somayeh Rashidi sei »bei ihrer Ankunft im Gefängnis süchtig nach industriellen Drogen« gewesen und hatte nach »eigenen Angaben« eine Vorgeschichte von psychischen Erkrankungen und Anfällen.« Die Nachrichtenagentur Mizan behauptete in ihrem Bericht, dass ihr die notwendigen Medikamente vom Gefängnisarzt verschrieben und zur Verfügung gestellt worden waren.
Laut den Justizbehörden sei Rashidi auch während ihrer Haftzeit achtmal von einem Allgemeinarzt und sechsmal von Fachärzten für Neurologie, Psychiatrie und Innere Medizin untersucht und zweimal zur Befundung ihres psychischen Zustands an die Gerichtsmedizin überwiesen worden.
Das der Justizbehörde angeschlossene Mizan konzentrierte sich in ihrem Bericht nicht auf die Ursachen und Umstände ihres Todes, sondern auf Rashidis angebliche Vergangenheit und behauptete, sie sei mit der Organisation der Volksmudschahedin in Verbindung gestanden und in der Vergangenheit bereits unter dieser Anschuldigung verhaftet worden. Der Bericht enthielt auch Behauptungen über angebliche Sabotageakte durch Rashidi, ohne den Behandlungsprozess, die Verzögerung der medizinischen Verlegung oder die rechtliche Verantwortung der Haftanstalt für ihre Gesundheit und ihr Leben auch nur zu erwähnen.
Krise der Gesundheitsversorgung
Wie ein ehemaliger Mitarbeiter des Gharchak-Gefängnisses in Varamin eingestand, sei eines der Hauptprobleme in der Haftanstalt die mangelhafte medizinische Versorgung der Insassen. So gebe es in der Krankenstation nicht einmal ein Blutdruckmessgerät, die Sauerstoffflaschen seien oft leer und EKG-Geräte außer Betrieb. Auch ein Defibrillator sei nicht verfügbar.
Die Verlegung ins Krankenhaus sei mit komplexen Prozeduren und wiederholten Ablehnungen verbunden. Medizinische Diagnosen seien oft falsch und Gefangene würden in vielen Fällen der Simulation beschuldigt. Außerdem herrsche ein ernster Mangel an Medikamenten. Wegen der Überfüllung sei es jedem Gefangenen nur einmal im Monat erlaubt, die Krankenstation aufzusuchen.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass am 19. September bereits Jamileh Azizi, eine wegen Finanzverbrechen inhaftierte Iranerin, unter Vernachlässigung der medizinischen Versorgung ihr Leben verlor. Azizi war mit Symptomen eines Herzinfarkts in die Krankenstation des Gefängnisses gebracht worden, aber die Ärzte erklärten ihr, kein Problem zu erkennen und schickten sie in ihre Zelle zurück, wo sie unmittelbar nach ihrer Rückkehr verstarb.
Verheerende Haftbedingungen
Das Gharchak-Gefängnis, das mindestens eintausend Gefangene beherbergt, ist von häufigen Wasser- und Stromausfällen betroffen und verfügt über kein angemessenes Kühlsystem. Dies hat zur weiten Verbreitung von Hautkrankheiten unter den Gefangenen geführt. Die Armaturen der Toiletten sind kaputt, die Gefangenen müssen lange in der Schlange stehen.
Im Gharchak-Gefängnis leiden viele der dort inhaftierten politischen Gefangenen, darunter Rahele Rahimi-Pour, Parvin Mirasan, Maryam Akbari-Monfared, Marzieh Farsi und Shiva Esmaili, an zahlreichen Krankheiten.
Nach den Angriffen der israelischen Armee auf das Evin-Gefängnis wurden Dutzende von politischen Gefangenen in das Gharchak-Gefängnis in Varamin verlegt, wo sich die Gefangenen im Block 11 (ehemals Quarantäne) mit zahlreichen Problemen konfrontiert sehen: Überbelegung, fehlende Belüftung, mangelnder Zugang zu lebensnotwendigen Gütern und diskriminierendes Verhalten der Gefängnisbeamten gehören dabei zu den Problemen, die den Inhaftierten und ihren Familien große Sorgen bereiten.
Negar Jokar ist Journalistin und Menschenrechtsaktivistin.






