Teuerung in Ägypten: Romane auf Kredit?

Die ägyptische Zentralbank versucht durch Interventionen die Währung stabil zu halten
Die ägyptische Zentralbank versucht durch Interventionen die Währung stabil zu halten (© Imago Images / Zoonar)

Abseits eher skurril anmutender Vorschläge von Ratenzahlungen für Bücher hat die ägyptische Bevölkerung sehr viel größere Sorgen: Eine rapid fallende Landeswährung und die damit einhergehende Teuerung in allen Lebensbereichen.

Ägypten wird seit letztem Jahr von einer galoppierenden Inflation heimgesucht. Das hat gravierende Folgen im Alltag der hundert Millionen Ägypter. Viele Gewohnheiten ändern sich. Nicht ganz korrekt ist allerdings die kuriose Nachricht, die vor einigen Tagen verbreitet wurde. Ägypter, die ein Buch kaufen wollten, könnten dieses angeblich nun wie ein Auto oder eine Waschmaschine mit einem Ratenkredit finanzieren, behauptete die britische BBC. 

Der BBC-Artikel beschreibt die Nöte von Verlegern und Autoren. Die Preise für Tinte und Papier etwa hätten sich seit Beginn letzten Jahres vervielfacht. Eine Autorin von Jugendromanen berichtet, eines ihrer Bücher sei von hundert auf sechzig Seiten gekürzt worden, um Papier- und Druckkosten einzusparen und es billiger verkaufen zu können.

Und nun habe der Verband der ägyptischen Verlage die rettende Idee: Käufer könnten sich ab sofort mit dem Bezahlen neun Monate Zeit lassen und bräuchten nur 1,5 Prozent Zinsen zu zahlen. Die Nachricht wirft Fragen auf: Ist es nicht ein zu großer Verwaltungsaufwand, bei jedem Kauf eines Unterhaltungsromans einen Kreditvertrag zu unterzeichnen? Und wie prüfen die Buchhändler die Bonität der Käufer? 

Sucht man die Quelle für den BBC-Bericht, stellt sich heraus, dass sich die Sache etwas anders verhält. Mitte Januar hatte der Verband ägyptischer Verlage tatsächlich die Möglichkeit von Ratenzahlungen für Bücher angekündigt – allerdings nicht im normalen Buchhandel, sondern ausschließlich für die Besucher der Kairoer Buchmesse. Und dies auch nur, wenn sie mit einer Kreditkarte bezahlen.

Finanziert wird der Kredit dann von Ägyptens zweitgrößter Bank, der Banque Misr. Verlage, die noch keine Geschäftsbeziehung zur Banque Misr haben, könnten ein Konto eröffnen und bekämen für die Dauer der Messe ein Kreditkartenlesegerät zur Verfügung gestellt. Das berichtete Egypt Independent am 16. Januar, die englischsprachige Nachrichtenwebsite der ägyptischen Tageszeitung Al-Masry Al-Youm. Es handelt sich bei der Idee mit der Ratenzahlung um die Marketingmasche einer Bank, die sich nur an Verlage und Besucher der Buchmesse richtet.

Frühe Ramadan-Sonderangebote

Ein anderes Novum, das mit der Inflation zu tun hat, ist hingegen echt: Auf Anordnung von Präsident Abdel Fatah al-Sisi begannen dieses Jahr schon Anfang Januar die sogenannten Ahlan Ramadan (Willkommen Ramadan)-Lebensmittelmessen. 

Seit 2017 organisiert die Regierung in Zusammenarbeit mit dem Verband der Handelskammern einige Wochen vor Beginn des heiligen islamischen Fastenmonats in jedem der 27 ägyptischen Gouvernements Verkaufsveranstaltungen, bei denen Grundnahrungsmittel zu Preisen verkauft werden, die 30 bis 50 Prozent unter dem Marktpreis liegen. Dies soll vor allem finanziell schwache Haushalte bei den Lebensmitteleinkäufen vor den Feiertagen entlasten. 

Obwohl der diesjährige Ramadan erst am Abend des 22. März beginnt, ist der Ahlan-Ramadan-Verkauf bereits seit Anfang Januar im Gange. Al-Sisi weiß: Lebensmittelpreise sind in Ägypten ein heikles politisches Thema. Im Januar 1977 kam es zu schweren Ausschreitungen, den Brot-Unruhen, nachdem die Regierung einige Lebensmittelsubventionen gekürzt hatte. Während der weltweiten Lebensmittelpreiskrise 2007/08 drohte sich dies zu wiederholen. Zu Beginn des Arabischen Frühlings verstärkten hohe Lebensmittelpreise die seit Langem schwelende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den autoritären Herrschern der Region.

Auch die Gegenwart ist schwierig. Von den Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine ist Ägypten besonders betroffen. Russische Touristen bleiben aus. Die Lebensmittelpreise steigen. Die Ukraine ist der weltweit fünftgrößte Exporteur von Weizen, Ägypten der zweitgrößte Importeur. Zwischen Februar und Juni 2022 verdoppelten sich die Weizenpreise auf dem Weltmarkt. Seit dem Sommer sind sie, in US-Dollar gerechnet, wieder auf das Vorkriegsniveau zurückgekehrt. 

Nicht aber in ägyptischen Pfund: Denn der Kurs der ägyptischen Landeswährung ist seit März 2022 gegenüber dem Dollar um fünfzig Prozent gefallen. Der Rückgang der Rohstoffpreise ist somit an allen vorbeigegangen, die in ägyptischen Pfund zahlen. Für sie sind die Preise für Grundnahrungsmittel – so sie nicht von der Regierung subventioniert sind – teurer als je zuvor. »Für viele sind Eier ein Luxusgut, und Fleisch kommt nicht mehr auf den Tisch«, berichtet die Korrespondentin der New York Times, Vivian Yee, aus Kairo.

Notenbank zögert

Der Zusammenhang zwischen dem sinkenden Außenwert der Währung und den steigenden Preisen ist offensichtlich: Wenn das ägyptische Pfund gegenüber dem US-Dollar oder dem Euro an Wert verliert, werden Importe entsprechend teurer. Insofern ähnelt die Lage jener in der Türkei. Der Unterschied liegt darin, dass Ägypten im Einklang mit den Anweisungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) handelt. Die Freigabe der Währung ist eine zentrale Bedingung, an die der IWF die Verlängerung eines Drei-Milliarden-Dollar-Darlehens geknüpft hat.

Zu einer völligen Liberalisierung des Wechselkurses der Währung hat sich Ägyptens Regierung in der Vergangenheit nicht durchringen können, da sie die ökonomischen, sozialen und politischen Folgen fürchtet. Stattdessen gab es immer wieder jähe Abwertungen, denen aber längere Seitwärtsbewegungen folgten.

Ausgelöst wurden die Abwertungen für gewöhnlich durch Verlautbarungen der Zentralbank. Früher war das die Ankündigung eines neuen Zielkurses des ägyptischen Pfunds, der immer wieder ein Stück tiefer fixiert wurde, um wirtschaftlichen Gegebenheiten wie dem hohen Außenhandelsdefizit Rechnung zu tragen. Die letzten beiden Abwertungen wurden von Meldungen der Zentralbank begleitet, dass das ägyptische Pfund nun »frei floatet« – der Umtauschkurs also ganz dem Spiel von Angebot und Nachfrage übergeben wird.

Der Logik nach wäre die Freigabe des Wechselkurses nur einmal möglich: Wo es bereits freie Wechselkurse gibt, können sie ja nicht mehr freigegeben werden. Der Umtauschkurs des ägyptischen Pfunds ist aber anderslautenden Ankündigungen zum Trotz bislang nie völlig freigegeben worden, sondern wird immer noch von der Zentralbank gelenkt, durch Interventionen am Devisenmarkt, also Käufe und Verkäufe, die darauf abzielen, den Umtauschkurs zu beeinflussen und eine Weile lang stabil zu halten. Zuletzt ähnelte der Devisenchart des ägyptischen Pfunds darum einer Treppe. Starke Abwertungen gab es im März 2022, dann wieder im Oktober und zuletzt Anfang Januar 2023. Nach jeder Stufe folgt eine Ebene, auf der der Kurs stabil gehalten wird.

IWF ist zuversichtlich – Russland auch 

Welche Vorteile das vom IWF verordnete System freier Wechselkurse für Ägypten haben soll, beschreibt der IWF auf seiner Website. »In der Vergangenheit hat ein stark gesteuerter Wechselkurs Ägypten keinen guten Dienst erwiesen«, heißt es dort. Dieser habe zum Aufbau von Ungleichgewichten geführt, die wiederum einen Verlust an Devisenreserven nach sich gezogen hätten, wodurch die Zentralbank gezwungen worden sei, das ägyptische Pfund gegenüber anderen Währungen abrupt abzuwerten. »Diese Abwertungen haben zu Inflationsspitzen geführt und die Wirtschaftstätigkeit untergraben, da Verbraucher und Investoren das Vertrauen in die Gesundheit der ägyptischen Wirtschaft verloren.«

Das Ziel der Politik im Rahmen des vom IWF unterstützten Programms bestehe daher darin, einen flexiblen Wechselkurs zu schaffen, wodurch »der Aufbau chronischer Ungleichgewichte vermieden« werde. Dies bringe mehrere Vorteile mit sich: »Es würde der ägyptischen Binnenwirtschaft helfen, sich leichter an externe Schocks anzupassen, ägyptischen Unternehmen helfen, ihre Waren und Dienstleistungen im Ausland zu verkaufen, und größere Investitionstätigkeit unterstützen, da die Wahrscheinlichkeit abrupter Schwankungen des Wechselkurses verringert wird. Außerdem würde es dazu beitragen, den Devisenpuffer der Zentralbank zu schonen.«

Das mag in der Theorie richtig sein. Das Problem liegt darin, dass sich diese Vorteile erst im Lauf von Jahren manifestieren können. Zudem kann niemand sagen, wo das ägyptische Pfund einen Boden finden wird – wenn überhaupt. Eine weiter rapide fallende Landeswährung und die damit einhergehende Teuerung könnten aber eine schwerere Bürde sein, als die Ägypter bereit sind zu tragen. Sollte das Regime sehen, dass die Politik des IWF zu gefährlichen sozialen Spannungen führt, wird es nicht eine Revolution riskieren, sondern Alternativen suchen. 

Der Kreml hat schon einen Fuß in der Tür, stellte im Januar günstige Konditionen für den bilateralen Handel in Aussicht. Zur gleichen Zeit traf in der ägyptischen Hafenstadt Damietta der unter panamaischer Flagge fahrende Frachter Oxana V ein: geladen hatte er 42.000 Tonnen Weizen.

Was übrigens die Kairoer Buchmesse betrifft, gibt es für die Besucher verlockendere Möglichkeiten als den Ratenkauf. Der Generaldirektor der Buchmesse, Eslam Bayoumi, erklärt: »Die Öffentlichkeit wartet auf die letzten Tage der Messe.« Dann würden die Verlage große Preisnachlässe gewähren.

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