Die Welle von Anschlägen auf jüdische und israelische Ziele setzt sich fort. In Istanbul griffen am Dienstag drei Männer das israelische Konsulat mit Schusswaffen an. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einem »abscheulichen Terrorakt«.
Die Schützen wurden von den Behörden als Yunus E. sowie die beiden Brüder Unur und Enes Ç. identifiziert. Laut dem Sender CNN Türk versuchten die Männer, in das siebte Stockwerk des Gebäudes zu gelangen. Auf Videoaufnahmen der Nachrichtenagentur Reuters waren Polizisten mit gezogenen Waffen zu sehen. Einer der Täter feuerte über mehrere Minuten mit einem Schnellfeuergewehr und einer Handfeuerwaffe. Der Schusswechsel dauerte fünfzehn bis zwanzig Minuten.
E., der bei dem Schusswechsel getötet wurde, soll nach Behördenangaben Verbindungen zu einer terroristischen Organisation haben, die »Religion für ihre Zwecke ausnutzt«. Dies stellte offenbar eine Anspielung auf den Islamischen Staat (IS) dar, auch wenn keine Gruppe die Tat offiziell übernommen hat.
Das israelische Konsulat war zu diesem Zeitpunkt unbesetzt, da dort seit rund zweieinhalb Jahren keine israelischen Diplomaten mehr vor Ort sind. Das lässt Rückschlüsse auf die Täter zu, die offenbar nicht gut informiert waren. Das passt ins Bild der jüngsten Serie von Terroranschlägen, die – dem Anschein nach – mit wenig Vorbereitung durchgeführt wurden: mit Sprengstoff und Schusswaffen zwar, aber ohne sichtbare Organisation oder erkennbare akribische Planung. Keine bekannte Terrororganisation übernahm die Verantwortung.
Detonation vor christlicher Pro-Israel-Einrichtung
Am Karfreitag detonierte am Eingangstor eines evangelikalen Israel-Zentrums in der niederländischen Stadt Nijkerk ein Sprengsatz. Die Polizei sprach von einem lauten Knall und einem Lichtblitz. Zum Zeitpunkt der Detonation befand sich niemand im Gebäude, sodass keine Menschen verletzt wurden. Der entstandene Sachschaden blieb gering.
Das betroffene Zentrum gehört der Organisation Christenen voor Israël, die sich für Solidarität mit Israel einsetzt. Trotz der begrenzten materiellen Schäden wird die Wirkung des Vorfalls als sehr einschneidend beschrieben, da ein solcher Angriff als gezielte Einschüchterung wahrgenommen wird. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen. Gesucht wird unter anderem eine Person, die den Sprengsatz am Tor platziert haben soll.
Die Tat erinnert an den Anschlag auf eine Adventistenschule in Kalifornien vor anderthalb Jahren. Auch diese war von dem Täter offenbar ausgesucht worden, weil er die Evangelikalen wegen deren proisraelischer Einstellung hasst. Christliche Zionisten seien »Ketzer«, sagte auch der ehemalige Fernsehmoderator Tucker Carlson unlängst.
Im Internet tauchte ein Video auf, in dem zu sehen ist, wie es vor dem Gebäude in Nijkerk zu einer Explosion kommt, gefolgt von emporschießenden Flammen. Die Aufnahmen wurden von einer Gruppe verbreitet, die bereits zuvor Angriffe auf jüdische und pro-israelische Einrichtungen in den Niederlanden und Belgien für sich beansprucht hat.
In den vergangenen Wochen wurden in Rotterdam und Lüttich Sprengstoffanschläge auf Synagogen verübt. Im jüdischen Viertel von Antwerpen wurde ein Auto in Brand gesetzt. Ob ein direkter Zusammenhang besteht, ist noch unklar. Auch die Authentizität einer Gruppe, die für einige der Anschläge die Verantwortung übernahm und sich Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya (HAYI) nennt, ist für die Ermittler bislang zweifelhaft.
Dass es bei den genannten Fällen keine Verletzten gab und die Urheberschaft bislang nicht geklärt wurde, nutzen interessierte Kreise, um antisemitische False-Flag-Theorien zu verbreiten: Israel inszeniere diese Explosionen, um Stimmung gegen das Mullah-Regime zu machen, behaupten sie. Auf diese Weise profitiere der Iran doppelt, resümiert die niederländische Tageszeitung De Telegraaf: Es wird Angst in der jüdischen Gemeinde gesät und Israel die Schuld gegeben.
Denkmäler verschwunden
Die Australian Jewish Association berichtete am Montagabend von einem Vorfall im Caulfield Park in Melbourne, bei dem mehrere historische Gedenktafeln entwendet wurden, die im Zusammenhang mit dem Judentum oder jüdischem Engagement in den britischen Truppen des Ersten Weltkriegs stehen. Zu den verschwundenen Objekten gehört laut der Times of Israel unter anderem die Gedenktafel zur Schlacht von Beerscheba. Ebenfalls entfernt wurde die Tafel zu Ehren von Raoul Wallenberg, dem schwedischen Diplomaten, der in Budapest während des Zweiten Weltkriegs Zehntausende Juden vor der Deportation und Vernichtung bewahrte. Auch ein Baum, der in seinem Gedenken im Park gepflanzt wurde, ist betroffen. Schon 2020 in Los Angeles wurde eine Statue zu Ehren Wallenbergs beschmiert. Gewiss nicht identische Täter, aber mit dem gleichen Motiv: Judenhass.
Darüber hinaus ist ein zentraler Gedenkstein verschwunden. Auf dem Stein waren die Namen von 298 Einwohnern der Region Caulfield verzeichnet, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Er galt als ein wichtiger Ort des Gedenkens für die lokale Gemeinschaft. »Die Entfernung dieser Denkmäler stellt einen erheblichen Verlust sowohl für das lokale als auch für das nationale Kulturerbe dar. Die Monumente spiegelten die historischen Verbindungen zwischen der jüdischen Gemeinschaft, der militärischen Geschichte Australiens und Ereignissen im Zusammenhang mit dem Land Israel wider«, kommentiert der israelische Nachrichtensender i24.
Unterdessen sind ebenfalls in Australien sieben Frauen im Alter zwischen 34 und 71 Jahren festgenommen worden, die eine Statue der prominenten jüdischen Feministin Zelda D’Aprano in Melbourne beschädigt haben sollen. Ob die Täterinnen auch mit jenen anderen Taten in Verbindung stehen, ist unklar. Nach Angaben der Ermittler hätten die Frauen die Statue mit roter Sprühfarbe beschädigt, während sie die Tat mit Regenschirmen vor den Überwachungskameras verborgen hätten. Die Statue erinnert an eine führende Persönlichkeit der australischen Frauenbewegung, deren Aktivismus von den 1950er- bis in die 1980er-Jahre maßgeblich Kampagnen für gleichen Lohn und Arbeitsrechte vorantrieb. Das Denkmal für D’Aprano wurde 2023 enthüllt.
Sympathisanten der festgenommenen Gruppe erklärten, diese habe nicht das Denkmal besprüht, sondern »nur den Boden«. Auf Fotos ist erkennbar, dass das Podest besprüht wurde, auf dem die Statue steht – und das ein Teil des Denkmals ist. Die Behörden erklärten, dass die Verdächtigen mit einer Reihe von Anklagen konfrontiert sind, darunter Sachbeschädigung, Störung der öffentlichen Ordnung und unerlaubtes Graffiti.
Pakistaner wollte in Brooklyn Juden töten
In New York hat sich ein Pakistaner am Mittwoch in einem Terrorismusverfahren für schuldig erklärt; es sei eine »moralisch verwerfliche Idee« gewesen, den Islamischen Staat (IS) zu unterstützen, indem er plante, mit automatischen Waffen Juden in einem Zentrum in Brooklyn zu töten. Der 21-jährige Muhammad Shahzeb Khan sagte, er habe auf den Aufruf der Gruppe reagiert, Muslime sollten Juden töten.
Das erinnert an den Anschlag von Michigan im vergangenen Monat. Am 12. März war ein Libanese, der offenbar mit der Hisbollah in Verbindung stand, mit einem mit Sprengstoff gefüllten LKW in eine der größten örtlichen Reformsynagogen gefahren. Dort befanden sich etwa 106 Kinder und dreißig Mitarbeiter zum Unterricht für Kleinkinder. Der Täter eröffnete das Feuer und verletzte einen Wachmann. Er wurde angeschossen und starb in seinem brennenden LKW.
Betrachtet man die genannten Sprengstoff- und Schusswaffenangriffe in der Zusammenschau, fällt auf, dass es alles Taten sind, die mit relativ einfachen Mitteln verübt wurden. Große Terroranschläge, wie der auf das jüdische Kulturzentrum AMIA in Buenos Aires 1994, der Anschlag auf die israelische Botschaft in London im selben Jahr oder der Anschlag auf die Al-Ghriba-Synagoge von Dscherba 2002, waren glücklicherweise – bislang – nicht dabei.
Das ist einerseits ermutigend, weil es ein Indiz dafür sein könnte, dass der organisierte antisemitische Terrorismus derzeit nicht bzw. nicht mehr in der Lage ist, große Anschläge zu planen und auszuführen. Dafür sind Ressourcen notwendig und ein Netz von Tätern, die koordiniert handeln. Möglicherweise sind die einschlägigen Terrororganisationen zu geschwächt oder zu eng von den Nachrichtendiensten überwacht, um solche Aktionen durchführen zu können. Andererseits sind spontane und mit primitiven Mitteln durchgeführte Anschläge fast unmöglich vorherzusehen und kaum zu verhindern. Das ist die schlechte Nachricht. Auch ein nur leicht bewaffneter Einzeltäter kann ein Massaker anrichten.
In den vergangenen Jahren wurden im Internet immer wieder Stadtpläne verbreitet, in denen jüdische Einrichtungen markiert waren, die es anzugreifen gelte: in Boston, in New York und jüngst in Barcelona. Falls irgendjemand Zweifel gehabt haben sollte, ob diese Karten wirklich zu Terrorangriffen anstiften und dabei Hilfestellung leisten sollen, dann sind die jüngsten Fälle eine Erinnerung, dass wirklich jede jüdische oder proisraelische Einrichtung zum Ziel werden kann.






