Wenn islamischer Extremismus bekämpft werden soll, muss auch der Westen gegen Strukturen der Muslimbruderschaft vorgehen.
Khaled Abu Toameh
Viele Menschen im Westen scheinen nach wie vor einer Lüge Glauben zu schenken: dass die Muslimbruderschaft eine politische und gesellschaftliche Bewegung sei, mit der man in Dialog treten, die man mäßigen und die man sicher in demokratische Systeme integrieren könne. Diese Annahme ist sowohl falsch als auch gefährlich. Die jüngsten Entwicklungen in Ägypten offenbaren eine alarmierende Realität, die nicht nur die Ägypter, sondern auch die USA und andere westliche Länder erschüttern sollte.
Ende März gab das ägyptische Innenministerium bekannt, dass Sicherheitskräfte erfolgreich eine bedeutende terroristische Infrastruktur zerschlagen hätten, die mit dem bewaffneten Flügel der Muslimbruderschaft, HASM (Harakat Sawaid Misr, »Bewegung der Waffen Ägyptens«), in Verbindung stand. Die Details, die aus den jüngsten Ermittlungen hervorgehen, sind erschreckend.
Mehrere Anschläge
Im Zentrum des Komplotts stand Mahmoud Mohamed Abdel Wanis, ein prominentes Mitglied der HASM, der gestand, eine fortgeschrittene militärische Ausbildung erhalten zu haben, unter anderem in Scharfschützentaktiken, Sprengstoff und Flugabwehrwaffen. Der Plan sah vor, die Terroristen Ahmed Mohamed Abdel Razek, Ahmed Ghoneim und Ihab Abdel Latif Mohamed Abdel Qader anzuweisen, eine Reihe von Anschlägen auf Sicherheitseinrichtungen in ganz Ägypten zu verüben.
Nach Angaben der ägyptischen Behörden wurde Abdel Wanis in mehreren Fällen im Zusammenhang mit Terrorismus verurteilt, darunter zu lebenslanger Haft wegen des Versuchs, 2022 das Präsidentenflugzeug anzugreifen. Abdel Wanis hatte es auf mehrere prominente Persönlichkeiten abgesehen, darunter das Attentat auf den verstorbenen Richter Nagy Shehata im Jahr 2015. Er war zudem an den Morden an Armeegeneralmajor Adel Ragaey im Oktober 2016 und Polizeioberstleutnant Maged Abdel Razek im April 2019 beteiligt.
Abdel Wanis tötete zudem drei Menschen und verletzte vier weitere bei einem Angriff auf den Kontrollpunkt Agizi in Monufia im August 2016. Fast ein Jahr später ermordete er zwei Polizeibeamte und verletzte 17 weitere bei einem Bombenanschlag auf ein Polizeiausbildungszentrum in Tanta, Gharbia, im April 2017. Das Innenministerium erklärte, dass Abdel Wanis auch an einem Autobombenanschlag beteiligt war, bei dem im August 2019 vor dem Nationalen Krebsinstitut in Kairo 20 Menschen getötet und weitere 47 verletzt wurden.
Der HASM-Gründer Hossam Menoufi wurde von den ägyptischen Behörden festgenommen, nachdem sein Flug vom Sudan in die Türkei 2022 in Luxor notlanden musste.
Diese Männer sind keine „politischen Aktivisten“. Sie sind Terroristen, die in ein organisiertes Netzwerk eingebunden sind.
Umfassende Strategie
Die Strategie der Muslimbruderschaft geht weit über Bomben und Kugeln hinaus. Sie stützt sich auch auf Propaganda, Täuschung und langfristige Unterwanderung. Ägyptische Behörden haben die umfangreichen Bemühungen der Bewegung dokumentiert, Online-Nachrichtenportale und Social-Media-Plattformen als Waffen einzusetzen, um Unruhen anzustacheln, Desinformation zu verbreiten und den Staat von innen heraus zu destabilisieren.
Offiziellen Erkenntnissen zufolge haben Terroristen der Muslimbruderschaft Medienplattformen eingerichtet, die darauf abzielen, die öffentliche Wut zu schüren, Anhänger zu rekrutieren und den Boden für Gewalt zu bereiten. Die Midan-Stiftung, die von den Behörden als »politischer und medialer Arm« von HASM beschrieben wird, verbreitete nachweislich Fake News, falsche und irreführende Informationen sowie Gerüchte über Ägyptens innere Angelegenheiten. Dies geschieht in der Absicht, die Ägypter dazu anzustacheln, Gewalt gegen den Staat anzuwenden.
Die Kombination aus Terrorismus und der jüngsten Flut von Informationskriegsführung ist genau das, was die Muslimbruderschaft so gefährlich macht. Seit ihrer Gründung im Jahr 1928 verfolgt die Organisation ein konsequentes Ziel: die Umgestaltung der Gesellschaft gemäß ihrer ideologischen Vision, die Welt für den Islam zu erobern und ein Kalifat zu errichten. Durch eine Mischung aus religiöser Öffentlichkeitsarbeit, sozialen Diensten, medialem Einfluss und politischem Aktivismus – sowie Terrorismus – strebt sie die Errichtung einer islamistischen Herrschaft auf der Grundlage der Scharia an. Der Slogan der Muslimbruderschaft »Der Islam ist die Lösung« ist nicht bloße Rhetorik. Es ist eine Strategie zur Machterlangung, die Schritt für Schritt verfolgt wird.
Terrororganisation
Ägypten stufte die Muslimbruderschaft 2013 als terroristische Organisation ein. Seitdem haben die staatlichen Sicherheitsdienste wiederholt Netzwerke aufgedeckt, die an der Finanzierung, Planung und Durchführung von Terroranschlägen beteiligt waren.
Im Jahr 2019 nahmen die ägyptischen Behörden 19 wirtschaftliche Einrichtungen ins Visier. Diese wurden heimlich von den Führern der Muslimbruderschaft geleitet, ihr Wert wurde auf 250 Millionen ägyptische Pfund (damals etwa 15 Millionen US-Dollar) geschätzt. Diese sollen zur Finanzierung von Aktivitäten zur Destabilisierung des Staates genutzt worden sein. Die ägyptischen Behörden vereitelten zudem ein Komplott, das von Führern der Muslimbruderschaft in der Türkei mit Hilfe von Komplizen in Ägypten orchestriert worden war. Es zielte darauf ab, die Sicherheit und Stabilität in Ägypten zu untergraben.
Was die Muslimbruderschaft in Ägypten tut, breitet sich jedoch schnell aus. Mit der Muslimbruderschaft verbundene Netzwerke sind seit langem in ganz Europa und den USA tätig, oft unter dem Deckmantel von Interessenverbänden sowie zivilgesellschaftlichen und kommunalen Organisationen.
Die Muslimbruderschaft und ihre Anhänger vertreten eine Weltanschauung, die zentrale westliche Prinzipien wie säkulare Regierungsführung, individuelle Freiheiten und die Trennung von Religion und Staat ablehnt. Darüber hinaus hat die Organisation eine lange Tradition darin, sich in Bildungseinrichtungen, Wohltätigkeitsorganisationen und politischen Interessenvertretungsnetzwerken zu verankern, um den öffentlichen Diskurs und die Politikgestaltung zu beeinflussen und ihre Ideologie schrittweise zu normalisieren – basierend auf der Vorstellung, dass der Islam ein umfassendes, weltweites System ist, das alle Aspekte des Lebens regelt.
Westen muss handeln
All dies ist kein Zufall. So funktioniert die Organisation. Die jüngsten Enthüllungen aus Ägypten sollten als Weckruf dienen. Die Muslimbruderschaft ist nicht bloß eine politische Bewegung. Sie ist eine disziplinierte, ideologische Organisation, die politischen Aktivismus, Propaganda und Gewalt kombiniert, um ihre Ziele zu erreichen. Sie beherrscht seit Langem die Kunst der doppelten Botschaft. Dem Westen präsentiert sie sich als Netzwerk aus Wohltätigkeitsorganisationen, Aktivisten, Gemeindevorstehern und politischen Organisatoren. Doch dieselbe Organisation ist in Ägypten und anderswo mit Terrorzellen, Attentätern und Versuchen verbunden, Anschläge mit zahlreichen Opfern zu verüben. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Strategie.
Indem westliche Regierungen es versäumen, die Muslimbruderschaft in ihrer Gesamtheit als terroristische Organisation einzustufen, ermöglichen sie ihr, sich politisch, finanziell und sozial in westlichen Gesellschaften zu verankern.
Wenn die USA und ihre Verbündeten es wirklich ernst meinen mit der Bekämpfung des Extremismus, müssen sie der Muslimbruderschaft in all ihren Formen entschlossen entgegentreten – nicht erst, wenn sie in Gewalt ausartet. Eine vollständige Einstufung der Muslimbruderschaft als terroristische Organisation würde ihre Finanzierungsnetzwerke zerschlagen, ihre Aktivitäten einschränken und eine klare Botschaft senden, dass Extremismus – ob als politischer Aktivismus getarnt oder durch Terrorismus zum Ausdruck gebracht – nicht toleriert wird.
(Der Artikel ist auf Englisch vom Gatestone Institute veröffentlicht worden. Übersetzung von Florian Markl.)






