Seit Ende April steht der verhinderte Attentäter eines Taylor-Swift-Konzerts in Wien vor Gericht. Der Prozess ist ein erschütternder Blick in den islamistischen Abgrund.
In Handschellen, eskortiert von fast einem Dutzend vermumten Beamten der Justizwache, werden Beran A. und Arda K. von ihren Zellen in den großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Wiener Neustadt geführt. Mit Mappen versuchen die beiden Angeklagten, ihre Gesichter zu verdecken. Vor dem Saal stehen zahlreiche Medienvertreter, um einen ersten Blick auf Beran und seinen mutmaßlichen Komplizen zu erhaschen. Der Andrang ist beachtlich. Neben allen heimischen Medien sind auch große internationale Netzwerke wie CNN und AP nach Wiener Neustadt gereist, um über den wichtigsten Terrorprozess der vergangenen Jahre zu berichten.
Als die Handschellen gelöst sind, nehmen die beiden jungen Männer auf der Anklagebank Platz. Beran A. richtet sein blaues Hemd und blickt aufmerksam in den Saal. Er lässt den Blick immer wieder über die Reihen der Zuhörer schweifen und lächelt. Später wird er erklären, er tue dies, »damit ich sympathisch rüberkomme«. Der Mitangeklagte Arda K. wirkt hingegen nervös, blickt zu Boden. Es sieht so aus, als hätte er Tränen in den Augen.

Beran A. hingegen zeigt zumindest äußerlich keine Reue. Die beisitzende Richterin wird ihn später fragen, ob er den Prozess als Bühne sieht und dass sie verwundert sei, dass er immerzu lächelt. Dem Bild, das nach der Absage des Taylor-Swift-Konzerts im Sommer 2024 von ihm um die Welt ging, entspricht sein erster Auftritt vor Gericht nicht mehr. Damals posierte er als Kämpfer der IS-Terrormiliz, mit überkreuzten Armen, Messern und Macheten. Nun wirkt er fülliger, weniger trainiert, er hat den Bart geschoren, die Haare sind kürzer. Von der martialischen IS-Inszenierung ist nur mehr wenig übrig.
Der Prozess beginnt mit einer Verzögerung. Die Anklageschrift des Staatsanwalts lässt sich zunächst nicht auf den Bildschirm übertragen, die Vorsitzende unterbricht. Ein technischer Defekt. Die Angeklagten werden wieder in die Zelle gebracht. Nach einer Stunde startet die Verhandlung erneut. Die Anklage wird verlesen.
Die Anklageschrift des Staatsanwalts listet die Tatpläne und die Radikalisierung von Beran A. detailliert auf. Neben einem geplanten Attentat auf das Taylor-Swift-Konzert im August 2024 soll er einen Anschlag in Dubai im März 2024 vorbereitet und ein durchgeführtes Attentat in Mekka durch seinen engsten Freund und mutmaßlichen Komplizen Hasan E. mitgeplant haben. Schritt für Schritt sei Beran A. extremer geworden: Er habe Kontakte zum IS gesucht, radikale Inhalte konsumiert und schließlich begonnen, konkrete Anschläge vorzubereiten.
Dubai, Istanbul, Mekka
Die Vorwürfe wiegen schwer: Vorbereitung eines terroristischen Anschlags, Beschaffung von Waffen, Herstellung von Sprengstoff sowie die Einbindung in ein Netzwerk, das Anschläge in mehreren Städten plante. Die Anklage sieht in Beran A. keinen Mitläufer, sondern einen aktiven Teil dieser Planungen.
Beran A. bestätigt auf Fragen der Richterin zentrale Punkte der Anklage und bekennt sich schuldig. Er habe sich nach Maschinengewehren und Handgranaten erkundigt, im Elternhaus mit Sprengstoff experimentiert und eine Bombe bauen wollen. Auch die Reise nach Dubai und den Anschlagsversuch räumt er ein. An der Planung der Messerattacke in Saudi-Arabien will er hingegen nicht beteiligt gewesen sein. Auch der Mitangeklagte Arda K. gesteht Teile der Vorwürfe ein. Er gab zu, in Istanbul einen Anschlag geplant zu haben. Zu Mekka bekennt auch er sich für nicht schuldig.
Der Staatsanwalt widerspricht dieser Darstellung. Er will beweisen, dass beide Angeklagten mit Hasan E. Tage vor den geplanten Anschlägen telefoniert hätten. Beran A. habe nach seiner Rückkehr nach Österreich mehrmals Begriffe wie »mekka attack« oder »istanbul bomb« gegoogelt, obwohl es in Saudi-Arabien keine Berichterstattung über den Vorfall gegeben habe, erläutert der Staatsanwalt. Das belege »eindeutiges Täterwissen«. Für ihn bildeten die beiden Angeklagten mit Hasan E. eine IS-Terrorzelle, die koordinierte Anschläge im Ausland geplant haben soll.
»Er war mein Lehrer«
Die Verteidigung versucht, ein anderes Bild zu zeichnen. »Mein Mandant ist mehr als dieses schreckliche Bild. Er ist Sohn, Bruder, ein junger Mensch«, sagt die Anwältin von Beran A., Anna Mair. Nach einer »schönen Kindheit« habe es »erste Brüche« in der Wiener Handelsakademie gegeben. Sie erzählt von Mobbing durch Mädchen, die sich über den damals 15-Jährigen lustig gemacht hätten.
Hasan E., den Beran A. aus der Schule kennt, wurde sein bester Freund; er unterstützte und schützte ihn. Es sei aber eine toxische Beziehung gewesen, so die Anwältin in ihrem Plädoyer. Hasan E. wird als Drahtzieher dargestellt, als ideologischer Motor, der die beiden Angeklagten »verführt« und radikalisiert habe. »Er war mein Lehrer«, sagt Beran A. Er habe ihn durch Videos von Online-Predigern wie dem deutschen Salafisten Abul Baraa, später durch IS-Enthauptungsvideos, in die Szene eingeführt. Ab einem gewissen Punkt habe er dann selbst alles über den »richtigen« Islam lernen wollen, sagt Beran A. »Ich wollte in den Dschihad.«
Damit wird Hasan E. zur zentralen Figur der Verteidigung. Sie will beweisen, dass Beran A. und Arda K. Opfer von Hasan gewesen seien und deshalb für das Attentat in Mekka nicht belangt werden könnten. Es ist ein entscheidender Punkt in diesem Prozess. »Mein Mandant ist schuldig für das, was er gemacht hat, aber nicht für das, was Hasan gemacht hat«, sagt die Anwältin von Beran A. Es ist der Strohhalm ihrer Verteidigungstaktik. Folgen die Geschworenen dieser Strategie nicht, drohen beiden Angeklagten wegen Beteiligung am Anschlag in Mekka zusätzlich mehrere Jahre Haft.
»Schlagen, nicht schlachten«
Zu Beginn der Befragung geht die Richterin mit Beran A. seine Chats durch. Es ist ein Blick in einen islamistischen Abgrund. Beran A. zeigt sich gut vorbereitet, kennt den Akt, weiß, wo welche Chats stehen. Seine Nachrichten zeigen eine radikale Gedankenwelt, die nur schwer erträglich ist. Es finden sich im Ermittlungsakt tausende Chatbeiträge, vor allem Gespräche zwischen Beran A. und Hasan E.
Erschütternd sind dabei die brutale Sprache und die Gewaltfantasien gegenüber Frauen. Seine Ex-Freundin bezeichnet Beran A. als Verräterin, weil sie ihn verlassen habe. Er fantasiert, sie als Sklavin zu halten und töten zu wollen. Auf Nachfrage der Richterin relativiert er: Vieles sei »nur so geschrieben« gewesen, er habe es nicht so gemeint. Er liebe Frauen, sagt er – seine Mutter, seine Schwester. Die Richterin hält ihm vor, dass er davon schrieb, »eine Frau wie ein Tier schlachten« zu wollen. Beran A. antwortet, sichtbar nervöser werdend, er habe »schlagen, nicht schlachten« gemeint.
Radikalisierung
Beran A. erklärt, dass er erst im Jänner 2024 den Entschluss gefasst habe, selbst Anschläge zu begehen. Er sagt auch immer wieder, dass Hasan der Treiber war, dass er selbst am IS immer gezweifelt habe und niemals töten habe wollen. Hasan habe deshalb auch gedroht, den Kontakt abzubrechen, er wollte aber seinen besten Freund nicht verlieren. Der Staatsanwalt widerspricht: Die Chats würden zeigen, dass er schon zuvor islamistisches Gedankengut verbreitet und Gewalt befürwortet habe. Die beisitzende Richterin meint, dass offenbar alle anderen schuld an seiner Radikalisierung gewesen seien, nur nicht er.
Auch der 7. Oktober habe in seiner Radikalisierung eine Rolle gespielt. In Chatnachrichten an seine mutmaßlichen Komplizen schreibt Beran A., dass er sich bestätigt fühle. Muslime würden weltweit unterdrückt und getötet, sie seien Opfer. Daraus leite sich eine Pflicht ab – er müsse handeln. Das sagt er auch in einem Abschiedsvideo, das er kurz vor seinem geplanten Anschlag in Dubai aufgenommen hat und das an seine Eltern gerichtet war. Das Video wird im Gerichtssaal vorgeführt. Beran A. bittet darin seine Eltern um Entschuldigung, erklärt aber, er habe nicht anders handeln können, um auf das Leid der unterdrückten Muslime aufmerksam zu machen.
Später zeigt die Richterin ein weiteres Video, das im Gerichtssaal für Entsetzen sorgen sollte. Das Video zeigt gefangene türkische Soldaten, die vom »Islamischen Staat« bei lebendigem Leib verbrannt werden. Für Beran A. ist das kein Schock. Auf seinem Smartphone finden sich Hunderte solcher Aufnahmen. In Chats schreibt er, sie würden ihn »geil« machen. Vor Gericht meint er hingegen, dass ihn diese Videos nur »interessiert« hätten.
Von Dubai nach Wien
Die Richterin befragt ihn später zu seinem Anschlagsplan in Dubai. Beran A. erzählt, wie er sich einen E-Scooter ausborgte und zum Wahrzeichen der Stadt, dem 800 Meter hohen Burj Khalifa, fuhr. Unter seinem Gewand führte er zwei lange Messer bei sich, die er in einem lokalen Supermarkt gekauft hatte Sein Auftrag: Menschen töten, um diese Stadt der Sünde, die Alkohol für Touristen erlaubt, ins Chaos zu stürzen.
Er heftete sich an eine Person, die er niederstechen wollte. Er habe aber Panikattacken bekommen und konnte nicht zuschlagen. Dabei habe er immer die Stimme seines Freundes Hasan im Ohr gehabt, der ihm sagte, wer einen Rückzieher vom Dschihad macht, komme ins Höllenfeuer. Dennoch brach er ab. »Ich konnte keinen Menschen umbringen«, sagt er.
Zurück in Wien setzt sich der Gedanke fort. Er beginnt systematisch zu planen, recherchiert Sprengstoff, erstellt Listen und prüft Möglichkeiten für weitere Attentate. Auf einer Liste stehen mögliche Anschlagsorte, darunter die Taylor-Swift-Konzerte im Ernst-Happel-Stadion. Die Termine stehen in seinem Kalender. Wenige Tage später entscheidet er sich dafür. An Details will er sich auf Fragen der Richterin nicht mehr erinnern. »Es war für mich eine schlimme Zeit, über die ich nicht mehr nachdenken möchte«, sagt er. »Es war mir nur wichtig, stark dazustehen.« Der Angeklagte wirkt erschöpft. »Ich habe es schwer zu denken«, sagt er.
Der nächste Termin ist für den 12. Mai angesetzt, ein weiterer für den 28. Mai. Ein Urteil wird Anfang Juni erwartet.






