Sprengstoff-Angriffe quer durch Europa, professionelle Bekennervideos im Netz und ein Name, den man sich leider merken muss: HAYI eröffnet mit dem jüngsten Münchener Brandanschlag eine neue Front in Deutschland.
»Es hätte tagsüber passieren können, und die Zionisten wären dabei getötet worden«, so lautet die Warnung. »Nähern Sie sich niemals zionistischen Einrichtungen.« Die ebenso kaltblütig kalkulierende wie beklemmende Aussage beinhaltet im Grunde ein Geständnis und bildet die Kernbotschaft eines Videos, das jüngst im Internet aufgetaucht ist. Die Drohung bezieht sich auf den Brandanschlag auf das israelische Restaurant »Eclipse« vom vergangenen Freitag in München.
Am Donnerstag dieser Woche gaben die Ermittler Details zu dem knapp dreißig Sekunden langen Manifest bekannt, in welchem die von Teheran aus gesteuerte Gruppierung HAYI die Verantwortung für die Tat beansprucht. HAYI ist die Abkürzung für Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya, was auf Deutsch »Islamische Bewegung der Leute der rechten Hand« bedeutet.
Untermalt von einer aggressiv-treibenden Klangkulisse erscheint in dem mutmaßlichen Bekennervideo ein Fadenkreuz mit dem Schriftzug »The Target« auf der Bildfläche. Die Sequenz mündet schließlich in eine Montage aus tagesaktuellen Pressebildern der kriminaltechnischen Spurensicherung am Tatort des »Eclipse«. Den makabren Abschluss des Videos bildet das Emblem der Gruppierung, das als visuelles Siegel unter den dokumentierten Angriff gesetzt wird.
Diese Inszenierung dient als brutales Geständnis und strategische Einschüchterung zugleich. Während deutsche Sicherheitsbehörden die Authentizität des Materials prüfen, verrät der Verbreitungsweg schon die ideologische Urheberschaft. Das Video kursiert primär auf Telegram-Kanälen, die der »Achse des Widerstands« der Islamischen Republik Iran zugeordnet werden. Es handelt sich hier um die Handschrift einer neuen, islamistischen Bedrohung, die ebenso einprägsam wie erschütternd daran erinnert, dass das Mullah-Regime den Kampf gegen den Westen mitnichten aufgegeben hat.
Europa im Visier
Das Fadenkreuz der Täter nimmt einen ganzen Kontinent ins Visier. Mit jedem neuen Terrorangriff wird klar: Die Anschlagswelle hat System. Seit dem Frühjahr weitet sich eine Gewaltserie gegen jüdische, israelische und westliche Einrichtungen in Europa massiv aus.
Den Anfang bildete eine Detonation in einer belgischen Synagoge in Lüttich am 9. März, gefolgt von einem Brandanschlag auf eine weitere Synagoge in Rotterdam nur vier Tage später. Die niederländischen Sicherheitsbehörden nahmen in diesem Zusammenhang vier Jugendliche aus Tilburg wegen des Verdachts auf terroristische Absichten fest. In Amsterdam kam es am 14. März ebenfalls zu einem Zwischenfall, als Unbekannte auf einem Motorroller einen Sprengsatz an einer Schule im Stadtteil Buitenveldert deponierten.
Ein neuerlicher Eskalationsschritt erfolgte innerhalb der darauffolgenden 48 Stunden im Amsterdamer Geschäftsviertel Zuidas. Vor einer Filiale der Bank of New York Mellon nahe dem World Trade Center Amsterdams detonierte ein improvisierter Sprengsatz im Eingangsbereich eines Büros an der Strawinskylaan, einem Zugang zum Atrium-Komplex.
Herman Loonstein, Leiter der jüdischen Schule Cheider in Amsterdam, äußerte sich nach einem Treffen mit Premierminister Riob Jetten tief ernüchtert. Loonstein kritisierte, dass die Regierung die akute Bedrohungslage für die jüdische Bevölkerung bagatellisiere und die Vorfälle nicht als Terrorakte einstufe. Sein Appell verdeutlicht die prekäre Lage der Juden in den Niederlanden.
Zu dem Anschlag beim Amsterdamer World Trade Center gab es, wie bei den vorigen Anschlägen, ein HAYI-Bekennervideo. Das am Ende des Bildmaterials eingeblendete Emblem weist allerdings einige Abweichungen zu früheren Veröffentlichungen auf. Während das Motiv des Gewehrs im Griff einer rechten Hand beibehalten wurde, ersetzten die Urheber den Hintergrund: Anstelle der zuvor dort befindlichen Erdkugel flankieren nun eine rote Fahne sowie Olivenzweige das Symbol. Die grafische Darstellung wird von der Inschrift »Dschihad, Standhaftigkeit, Sieg« bekrönt.
Der begleitende Text, eingeleitet durch die religiöse Anrufung Gottes, richtet sich in Form einer »letzten Warnung« an die Weltöffentlichkeit und explizit an die Bürger der Europäischen Union. Darin ergeht die Aufforderung, sich unverzüglich von sämtlichen »amerikanischen sowie zionistischen Einrichtungen, Interessenvertretern und assoziierten Objekten« fernzuhalten.
Die Gruppierung wird dem Umfeld des »Islamischen Widerstands« im Irak zugerechnet, einem Netzwerk schiitischer Milizen, die dem Mullah-Regime in der Islamischen Republik nahestehen. Nach Recherchen der Jerusalemer Post kursieren Propagandavideos der Organisation in beträchtlichem Umfang auf Telegram-Kanälen der schiitischen Achse, insbesondere im Umfeld der Hisbollah und der iranischen Revolutionsgarde (IRGC). Darüber hinaus wurde das Videomaterial über Kanäle mit Verbindungen zu den jemenitischen Huthi-Milizen sowie über weitere IRGC-nahe Plattformen verbreitet.
Die Anschlagswelle setzte sich am 23. März in London fort, wo in Golders Green vier Ambulanzen des Rettungsdienstes Hatzolah durch Brandstiftung zerstört wurden. Die Hitzeentwicklung führte dabei zur Explosion von Sauerstoffbehältern an Bord. Fast zeitgleich brannte im jüdischen Viertel von Antwerpen ein Auto aus.
Die ausführenden Täter
Wer im Gesamten hinter der Anschlagserie steckt, scheint angesichts all dessen klar. Aber wer genau führt die erschreckenden Taten aus? Ob es sich bei den Akteuren um bloße Trittbrettfahrer, um autonom agierende »einsame Wölfe« oder im Freelance-Modus operierende Erfüllungsgehilfen handelt, bleibt derzeit Gegenstand der Ermittlungen. Vieles spricht jedoch dafür, dass die Grenzen hier fließend verlaufen – womöglich bildet die Serie eine Melange aus all diesen Phänomenen.
In der asymmetrischen Kriegsführung verschwimmen die Grenzen zwischen festen Zellen und einem diffusen Milieu von Gelegenheitsattentätern. Das Label HAYI fungiert dabei als ideologisches Franchise für einen stochastischen Terror: Hierbei wird Gewalt durch permanente Agitation so lange provoziert, bis sie irgendwann auch zur Praxis wird. Auch wenn die endgültigen Ermittlungsergebnisse in München noch ausstehen, ist es durchaus annehmbar, dass der Anschlag auf das »Eclipse« kein isolierter Akt, sondern der gezielte Vorstoß einer Ideologie war, die den Terror nun mitten in die Städte Europas trägt.






