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Tanzen im Schutzraum: Miklat-Partys und die Kultur der Resilienz in Tel Aviv

Israelis machen Yoga in einer zum Schutzraum umfunktionierten Garage in Tel Aviv
Israelis machen Yoga in einer zum Schutzraum umfunktionierten Garage in Tel Aviv (© Imago Images / UPI Photo)

Die öffentlichen Schutzräume, in die sich die Bewohner bei Angriffen auf die Stadt flüchten, dienen zwar hauptsächlich der Sicherheit, sind aber auch soziale Räume, in denen Gemeinschaft und kulturelle Identität sichtbar werden.

Während in Tel Aviv regelmäßig Sirenen ertönen und über der Stadt Raketen abgefangen werden, spielt sich unter der Erde ein bemerkenswertes Phänomen ab. In den sogenannten Miklat, den öffentlichen Schutzräumen der Stadt, entstehen während des Kriegs gegen den Iran spontane Zusammenkünfte: improvisierte Purim-Feiern, queere Tanzpartys, gemeinsames Singen oder auch Schabbat-Gebete am Freitagabend.

Was zunächst paradox wirkt, nämlich zu feiern während eines Kriegs, verweist bei genauerer Betrachtung auf tiefere gesellschaftliche Mechanismen. Die Schutzräume werden in diesen Momenten nicht nur zu Orten physischer Sicherheit, sondern auch zu sozialen Räumen, in denen Gemeinschaft und kulturelle Identität sichtbar werden.

Der Schutzraum als sozialer Ort

Die Schutzräume sind vollkommen in die israelische Alltagsarchitektur integriert. Nahezu jedes Wohnhaus verfügt über einen solchen Sicherheitsraum, und in vielen Vierteln existieren öffentliche Bunker oder unterirdische Parkgaragen, die im Ernstfall als Zufluchtsorte dienen. Diese Infrastruktur ist Ausdruck der sicherheitspolitischen Realität eines Landes, das seit seiner Gründung immer wieder militärischen Bedrohungen ausgesetzt ist.

Während der aktuellen Raketenangriffe wurden diese Räume einmal mehr zum zentralen Bestandteil des urbanen Lebens. Und während die Menschen dort auf die Entwarnung warten, entsteht häufig mehr als nur eine vorübergehende Ansammlung Schutzsuchender. Ein Bericht der Times of Israel schilderte etwa, wie sich ein öffentlicher Schutzraum im Norden Tel Avivs während wiederholter Raketenalarme zu einer improvisierten Nachbarschaftsversammlung entwickelte, in der Familien Matratzen ausbreiteten, Kinder spielten und Fremde miteinander ins Gespräch kamen.

Der Schutzraum wird damit zu einem temporären sozialen Raum, in dem Menschen, die sich im Alltag oft kaum begegnen würden, plötzlich eine intensive Form von Gemeinschaft erleben. Besonders sichtbar wurde dieses Phänomen während des jüdischen Feiertags Purim.

Normalerweise verwandelt sich Tel Aviv an diesem Tag in eine riesige Straßenparty: Menschen ziehen in Kostümen durch die Stadt, Clubs und Bars veranstalten Feiern bis in die frühen Morgenstunden. Doch während der Raketenangriffe mussten viele dieser Feiern in unterirdische Schutzräume verlegt werden. Statt auf offenen Plätzen feierten Israelis in Parkgaragen und Miklat-Bunkern, verkleidet als Superhelden, Tiere oder Fantasiefiguren. Einige Gruppen lasen gemeinsam die Purim-Megillah, andere verwandelten die Räume in improvisierte Tanzflächen.

Berichte der Nachrichtenagentur Associated Press beschreiben, wie Menschen trotz der angespannten Lage bewusst entschieden, den Feiertag nicht ausfallen zu lassen, sondern ihn unter veränderten Umständen weiterzuführen. Gerade Purim, jener Feiertag, der an die Rettung der Juden im antiken Perserreich erinnert, erhielt dadurch eine zusätzliche symbolische Bedeutung.

Neben religiösen oder familiären Treffen entstanden auch neue Formen urbaner Kultur in den Schutzräumen. In einigen Fällen entwickelten sich improvisierte Bunker-Partys, bei denen junge Menschen Musik spielten und tanzten, während sie auf die Entwarnung warteten. Videos und Berichte aus Tel Aviv zeigen, wie Schutzräume für einige Stunden zu provisorischen Clubs werden.

Auch Teile der LGBTQ-Community der Stadt nutzen diese Räume, um Treffen zu organisieren und Gemeinschaft zu erleben. Tel Aviv gilt seit Jahren als eine der wichtigsten queeren Metropolen weltweit und selbst während militärischer Eskalationen versuchen viele Aktivisten, die sozialen Räume der Begegnung aufrechtzuerhalten. Diese spontanen Zusammenkünfte zeigen, wie stark kulturelle Praktiken selbst unter extremen Umständen fortbestehen können.

Rituale gegen die Angst

Sozialwissenschaftlich lässt sich dieses Verhalten auch theoretisch erklären. Der französische Soziologe Émile Durkheim beschrieb bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, dass Gemeinschaften in Krisensituationen durch gemeinsame Rituale eine besondere emotionale Energie entwickeln können, die er als »kollektive Efferveszenz« oder »kollektive Überschwänglichkeit« bezeichnete. Gemeinsames Tanzen, Singen oder Feiern stärkt demnach den sozialen Zusammenhalt und reduziert individuelle Angst.

Gerade in Situationen existenzieller Bedrohung erfüllen solche Rituale eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie verwandeln eine passive Erfahrung – das Warten auf Entwarnung im Schutzraum – in eine aktive soziale Handlung. Musik, Tanz oder gemeinsames Essen strukturieren die Zeit, geben dem Moment Bedeutung und erzeugen ein Gefühl kollektiver Kontrolle in einer Situation, die objektiv von Unsicherheit geprägt ist. Die spontanen Feiern in den Schutzräumen Tel Avivs lassen sich daher weniger als bloße Ablenkung verstehen denn als soziale Praxis, durch die Gemeinsamkeit hergestellt und Angst verarbeitet wird.

In der sozialwissenschaftlichen Forschung wird dieses Verhalten häufig im Zusammenhang mit dem Konzept der »gesellschaftlichen Resilienz« beschrieben. Darunter versteht man die Fähigkeit einer Gesellschaft, trotz wiederholter Krisen und Bedrohungen funktionsfähig zu bleiben und soziale Stabilität aufrechtzuerhalten.

Gerade Israel gilt in der Forschung als Beispiel für eine solche Resilienz-Kultur, da große Teile der Bevölkerung gelernt haben, Alltag und Gemeinschaft auch unter Sicherheitsrisiken fortzuführen. Studien des Institute for National Security Studies in Tel Aviv beschreiben gesellschaftliche Resilienz als eine Kombination aus sozialem Zusammenhalt, Vertrauen in Gemeinschaften und der Fähigkeit, trotz Gefahr eine Form von Normalität zu bewahren. Die improvisierten Zusammenkünfte in den Schutzräumen Tel Avivs lassen sich vor diesem Hintergrund auch als Ausdruck dieser Resilienz-Kultur verstehen. Der Schutzraum wird nicht nur zum Ort des Schutzes, sondern auch zu einem Raum, in dem Gemeinschaft und Alltag – zumindest für einen Moment – weiterleben.

Alltag im Ausnahmezustand

Die Miklat-Partys zeigen damit eine paradoxe Realität des israelischen Alltags. Der Schutzraum ist zugleich Ort der Gefahr und des Trostes, der Angst und des Feierns. Während die Raketenalarme weiterhin den Rhythmus der Stadt bestimmen, entscheiden sich viele Bewohner Tel Avivs bewusst dafür, das Leben nicht vollständig zum Stillstand kommen zu lassen. Stattdessen wird der Alltag an die Umstände angepasst: Feiern finden im Schutzraum statt, Schabbat-Abende werden unter der Erde gefeiert, und selbst spontane Tanzpartys entstehen zwischen Betonwänden und Notausgängen.

Gerade in diesem Spannungsfeld zwischen Bedrohung und Normalität wird sichtbar, was viele Beobachter als charakteristische Stärke der israelischen Gesellschaft beschreiben: Die Fähigkeit, selbst im Schatten des Kriegs Momente von Gemeinschaft, Humor und kultureller Kontinuität zu bewahren.

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