Das mehrheitlich von Kurden bewohnte Afrin wurde zum Schauplatz bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften der Regierung und Milizen der von Ankara unterstützten Syrian National Army.
In der im Norden des Landes gelegenen Stadt Afrin, die im Jahr 2018 von türkischen Truppen besetzt wurde, die dort eine ethnische Säuberung von Kurden durchführten, ist es erstmals zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Einheiten der Regierung und der berüchtigten Suleiman-Shah-Brigade unter Führung von Mohammad Hussein al-Jassim (Abu Amsha) gekommen. Diese Miliz, die auf der Terrorliste der USA steht und erst jüngst wegen schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen von der Europäischen Union mit Sanktionen belegt wurde, gehört zu den von der Türkei in Nordwestsyrien gegründeten Einheiten der Syrian National Army (SNA).
Die meisten dieser SNA-Einheiten, bestehend aus Dschihadisten und Kriminellen, haben sich in den vergangenen Jahren vor allem durch eine Vielzahl von Übergriffen auf Kurden bemerkbar gemacht. Außerdem wird der Suleiman-Shah-Brigade vorgeworfen, bei den Massakern an Alawiten im heurigen März beteiligt gewesen zu sein.
Nach dem Sturz von Präsident Baschar al-Assad gliederte Syriens neuer Interimspräsident Ahmed al-Sharaa diese Milizen in die neue nationale Armee ein, was von verschiedenen Seiten scharf kritisiert wurde. Wie sich jedoch rasch herausstellte, operieren diese weitgehend selbstständig und zeichnen sich weiterhin durch äußerste Brutalität gegenüber Zivilisten aus.
Afrin, das früher mehrheitlich von Kurden bewohnt war, liegt bis heute außerhalb des Zugriffs der kurdischen Selbstverwaltungsregion in Nordostsyrien und sollte, so das Kalkül, ein Beispiel für den Umgang der Zentralregierung mit den kurdischen Gebieten werden. So wurde die Rückkehr der zuvor systematisch Vertriebenen gefördert und die von den türkischen Besatzungsbehörden dort angesiedelten Araber dabei unterstützt, in ihre angestammte Heimat zurückzukehren.
Zudem insistierte die neue Regierung auf die Übernahme der alleinigen Kontrolle über Afrin, das zuvor von einem von der Türkei eingesetzten Gouverneur verwaltet worden wurde. Schon mehrmals kam es deshalb zu Spannungen zwischen Damaskus und Ankara.
Herausforderung
Letzte Woche nun rückten der Regierung unterstehende Truppen in größerer Zahl in Afrin ein, um die Kontrolle zu übernehmen. Zeitgleich wurde Abu Amsha aufgefordert, die noch unter seiner Kontrolle stehenden Basen zu übergeben. Nachdem dieser sich geweigert hatte, kam es zu Schießereien in einem Subdistrikt:
»Ibrahim Shekho, ein Rechtsaktivist aus Afrin, berichtete Rudaw, dass es im Zentrum des Stadtteils Shiye in Afrin zu Zusammenstößen zwischen den Sicherheitskräften von Damaskus und der von der Türkei unterstützten Milizgruppe gekommen sei. Die Suleiman-Shah-Brigade ist eine von der Türkei unterstützte bewaffnete Gruppe unter der Führung von Mohammad Hussein al-Jassim (Abu Amsha). Das US-Finanzministerium hat sie wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen in Afrin, darunter ›Entführungen und Erpressungen‹, vor allem gegen kurdische Einwohner, mit Sanktionen belegt.
Laut Shekho drangen mehr als 200 Militärfahrzeuge der General Security aus Afrin, Idlib und Azaz, ausgerüstet mit mittelschweren Waffen, in Shiye ein, ein Gebiet unter der Kontrolle von Amsha. ›Als die Sicherheitskräfte in die Stadt einmarschierten, forderten sie die bewaffneten Männer von Amsha auf, ihre Stützpunkte zu übergeben, aber Saif Jassim, der Bruder von Abu Amsha, weigerte sich und stellte sich ihnen entgegen, was zum Ausbruch von Kämpfen führte‹, sagte er. Die Zusammenstöße verschärften sich im Laufe des Abends, bevor sie sich nach Verhandlungen zwischen den beiden Seiten gegen Mitternacht beruhigten. Es wurde eine vorläufige Vereinbarung getroffen, die Amsha eine Woche Zeit gab, das Gebiet zu verlassen.«
Es wird sich nun zeigen, ob die Brigaden freiwillig Afrin verlassen oder dieser Konflikt neu aufflammt. Abu Amsha wird von der Türkei unterstützt, die zugleich auch einer der engsten Verbündeten von Syriens Übergangspräsident al-Sharaa ist. Will aber Damaskus Afrin befrieden, müssen die von der kurdischen Bevölkerung gehassten Abu-Amsha-Milizen entfernt werden.
Der Konflikt könnte aber auch eine weitere Dimension haben, denn will al-Sharaa, dessen Image inzwischen im Ausland nach den Massakern an der Küste und in Suwayda ziemlich angeschlagen ist, demonstrieren, die Armee und die Sicherheitskräfte tatsächlich unter Kontrolle zu haben, müsste er die weiterhin eigenständig agierenden SNA-Einheiten auflösen. Das allerdings könnte durchaus zu weiteren internen Kämpfen führen, die seine Position in Syrien zusätzlich schwächen würden.






