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Syrien verschleiert Ausmaß der Corona-Pandemie

Medizinisches Personal berichtet von Anweisungen zur systematischen Verschleierung von Corona-Fällen
Medizinisches Personal berichtet von Anweisungen zur systematischen Verschleierung von Corona-Fällen (© Imago Images / Xinhua)

Immer mehr Berichte gehen davon aus, dass das syrische Regime das Ausmaß der Pandemie systematisch verschleiert und herunterspielt.

Asser Khatab, Newsline Magazine

Interviews mit Ärzten und die Zeugenaussagen von Patienten und Einwohnern zeichnen ein düsteres Bild einer Bevölkerung, die bereits von neun Jahren Krieg heimgesucht wird, und nun mit einer Pandemie zu kämpfen hat, die viel mehr Menschenleben gekostet hat, als in den offiziellen Statistiken angegeben.

Sie sagen, die Regierung habe das Ausmaß der Pandemie unterschätzt oder sei aufgrund ihrer unzureichenden Vorbereitung nicht in der Lage gewesen, effizient zu reagieren. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus innerhalb des Landes – wie eine teilweise Ausgangssperre, die Schließung von Schulen und Unternehmen für einige Wochen und ein Versammlungsverbot – waren begrenzt und wurden von vielen missachtet.

Geprägt von einer zusammenbrechenden Wirtschaft, weit verbreiteter Armut, Sanktionen und einem Mangel an medizinischen Hilfsgütern und Schutzausrüstung scheint Syrien nach fast einem Jahrzehnt des Konflikts auf ein unkontrolliertes Experiment mit Herdenimmunität zuzusteuern.

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Qusai, ein 25 Jahre alter Pneumologe, sagte, er sei erleichtert gewesen, als das syrische Gesundheitsministerium am 22. März bekannt gab, dass es den ersten COVID-19-Fall des Landes registriert habe. Er und seine Kollegen hätten zunehmend befürchtet, dass die Regierung den Ausbruch ignorieren wollte, obwohl das Virus bereits im Land zirkulierte.

Qusais Hoffnungen verflüchtigten sich jedoch eine Woche später, als er und seine Kollegen von ihren Vorgesetzten die Anweisung erhielten, keine Tests zu machen und ihnen gesagt wurde, dass die Menschen „wahrscheinlich nur die Grippe haben“. Sie wurden auch davor gewarnt, der syrischen Bevölkerung durch die Andeutung , jemand könne sich mit COVID-19 infiziert haben, „Angst einzujagen“. Qusai erzählte, dass Freunde, die in anderen syrischen Bezirken tätig sind, von ihren Vorgesetzten ähnliche Hinweise oder Anweisungen erhalten hätten. (…)

Fast zwei Monate nachdem der erste Fall in Syrien bekannt geworden war, behaupteten offizielle Zahlen eine begrenzte Verbreitung des Virus mit weniger als 50 Fällen bis Mitte Mai. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels war die Zahl auf 4.457 Fälle in von der Regierung verwalteten Gebieten, auf 1.072 Fälle in von Rebellen kontrollierten Gebieten im Nordwesten Syriens und auf 1.998 Fälle im Nordosten Syriens angestiegen, wo eine überwiegend kurdische und de facto autonome Verwaltung zuständig ist. Nur 192 Todesfälle wurden vom Gesundheitsministerium registriert.

Die Besorgnis darüber, dass das tatsächliche Ausmaß des Ausbruchs in dem kriegsgebeutelten Land die offiziellen Zahlen weit übersteigt, hält nicht nur bis heute an, sondern hat sich von einem Gerücht unter Medizinern zu einer ausgewachsenen öffentlichen Panik entwickelt. Selbst einige Funktionäre des Regimes haben aufgehört, so zu tun, als sei die Situation unter Kontrolle. (…)

Einige Gesundheitsbeamte versuchten, das Ausmaß des Ausbruchs realistisch abzuschätzen. Auf Facebook schrieb der stellvertretende Leiter des Gesundheitsdirektorats von Damaskus, Ahmad Habas, in der ersten Augusthälfte, dass es allein in der Hauptstadt mindestens 112.500 Fälle geben müsse. Aus den Melderegistern gehe laut Habas hervor, dass in den ersten Tagen des August täglich hundert Menschen in Damaskus gestorben seien, im Vergleich zu 25 pro Tag im gleichen Zeitraum des Jahres 2019. Im Durchschnitt starben pro Tag also 75 Menschen an COVID-19, schloss er. Später löschte Habas sein Facebook-Posting wieder.

Eine Studie des britischen Imperial College schätzte, dass nur 1,25% der Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 in Damaskus gemeldet werden. Demnach könnten bis zum 2. September etwa 4.380 Todesfälle unregistriert geblieben sein.

Im August schätzte eine Untersuchung der unabhängigen Organisation „Syria in Context“, dass es allein in Damaskus 85.000 Fälle geben könnte. Satellitenbilder des Berichts zeigten die rasche Ausweitung des Friedhofs von Najha im Süden der Hauptstadt, auf dem nach Angaben des Damascus Mortuary Office die meisten COVID-19-Opfer begraben werden.

(Aus dem Artikel ‘It’s like Judgment Day’: Syrians Recount Horror of an Underreported COVID-19 Outbreak“, der im Newsline Magazin erschienen ist. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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