Mit dem Ende der jahrzehntelangen Machtordnung in Damaskus ist die bisherige Stabilität an Israels Nordostgrenze verschwunden. An ihre Stelle tritt ein fragmentiertes Gefüge neuer Akteure, das die regionale Sicherheitslage grundlegend verändert.
Tal Leder
Seit Jahrzehnten war Israels Grenze zu Syrien eine der paradoxesten Frontlinien des Nahen Ostens: Formal herrschte Kriegszustand, praktisch war die Situation aber von einer gewissen Berechenbarkeit geprägt. Selbst in den Jahren des syrischen Bürgerkriegs blieb die Logik klar: auf der einen Seite ein geschwächtes, aber gegenüber Israel rational handelndes Regime in Damaskus, auf der anderen ein jüdischer Staat, der seine roten Linien konsequent durchsetzte. Doch diese Ordnung beginnt zu erodieren. Mit dem Sturz von Baschar al-Assad verlor die Grenze ihren bisherigen Charakter – nicht, weil Frieden in Sicht wäre, sondern weil die alte Struktur zerfällt.
Seit jeher waren die politischen Landkarten des Nahen Ostens krisenanfällig und von kurzer Dauer. Was nach dem Ersten Weltkrieg unter französischem Mandat als Syrien entstand, war nie ein stabiler Staat, sondern ein Gefüge aus konkurrierenden Identitäten, zusammengehalten von wechselnden Machtzentren, zuletzt von der brutalen Klammer der Assad-Dynastie. Mit ihrem Schwinden entsteht kein klarer Nachfolger, sondern ein Flickenteppich aus Milizen, islamistischen Gruppen und regionalen Akteuren – ein Raum, in dem Macht nicht mehr organisiert ist, sondern ständig neu ausgehandelt wird.
Risiken …
Für Israel ist das keine ferne Entwicklung. Die Nordostgrenze, lange berechenbar in ihrer Feindseligkeit, wird unübersichtlicher und damit gefährlicher. Wo einst ein Regime stand, das seine Konfrontationen kalkulierte, entstehen neue Akteure, deren Ziele, Loyalitäten und Risikobereitschaft sich kaum vorhersagen lassen. Die Frage ist nicht mehr, ob sich das Kräfteverhältnis verändert. Sondern, wer in diesem neuen Syrien die Regeln setzt und welchen Preis Israel dafür zahlen muss. Wie grundlegend dieser Wandel ist, zeigt ein Blick auf die innere Struktur Syriens selbst.
»Syrien war nie ein klassischer Nationalstaat«, sagt Prof. Eyal Zisser vom Moshe-Dayan-Center für Nahoststudien an der Universität von Tel Aviv. »Das Land war von Beginn an ein fragiles Gleichgewicht konkurrierender Gruppen, das durch ein starkes Regime zusammengehalten wurde. Wenn dieses Zentrum schwächer wird, tritt sofort die eigentliche Natur des Systems zutage – Fragmentierung, Machtkampf und die Rückkehr jener Kräfte, die das Regime jahrzehntelang unter Kontrolle hielt.« Der Syrienkenner beschreibt das Assad-System nicht als stabilen Staat im westlichen Sinne, sondern als ein über Jahrzehnte gewachsenes Machtgefüge, das sich auf Loyalitäten, Kontrolle und gezielte Repression stützte. Diese Ordnung ermöglichte es, tiefsitzende Konflikte zu überdecken, ohne sie je zu lösen.
Mit dem Zerfall staatlicher Autorität treten diese Bruchlinien nun offen zutage. Lokale Milizen, externe Mächte und ideologisch geprägte Gruppierungen besetzen Räume, die zuvor zentral kontrolliert wurden. Das Resultat ist kein abruptes Ende, sondern ein schleichender Übergang in ein System konkurrierender Machtzentren. Für den Politologen liegt darin die eigentliche Dynamik des heutigen Syriens: nicht der Kollaps, sondern die Transformation in ein dauerhaft zersplittertes Gefüge. »Wir sehen heute kein Syrien mehr, wie wir es kannten. Es ist eine Arena, in der unterschiedliche Kräfte gleichzeitig um Einfluss ringen. Diese Dynamik macht Entwicklungen nicht nur schwer vorhersehbar, sondern erhöht auch das Risiko von Eskalationen, gerade für Israel an seiner Nordostgrenze, die sich zunehmend zu einem strategisch schwer kalkulierbaren Raum entwickelt.«
Was diese veränderte Lage konkret bedeutet, zeigt sich nicht nur im Rückzug staatlicher Kontrolle, sondern vor allem in der Vielfalt der Akteure, die das entstehende Machtvakuum füllen. Neben vom Iran unterstützten Milizen und schiitischen Netzwerken treten zunehmend auch sunnitisch-dschihadistische Gruppen in Erscheinung, die eigene Ordnungsansprüche formulieren und sich zugleich gegen Teherans Einfluss positionieren. Mit Figuren wie dem aktuellen Interimspräsidenten Ahmed al-Sharaa hat sich zudem ein neuer Machtpol herausgebildet, der aus dem jihadistischen Milieu stammt, sich aber zunehmend als politischer Akteur inszeniert.
Syrien wird damit zu einem Schauplatz konkurrierender ideologischer Projekte, die nicht nur gegeneinander stehen, sondern auch situativ kooperieren können. Für Israel entsteht daraus eine Lage, die sich nicht mehr entlang klassischer Frontlinien beschreiben lässt. Die Grenze ist nicht länger nur eine militärische Kontaktzone, sondern Teil eines vielschichtigen regionalen Gefüges, in dem lokale Dynamiken unmittelbare strategische Auswirkungen entfalten. Unter diesen Bedingungen ist Stabilität kein fester Zustand mehr, sondern eine Momentaufnahme, abhängig von Akteuren, deren Verhalten sich nur begrenzt kalkulieren lässt.
»Die größte Herausforderung für Israel ist heute nicht eine einzelne Bedrohung, sondern die zunehmende Unübersichtlichkeit der Akteure in Syrien«, erklärt Carmit Valensi vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. »Für Israel bedeutet das ganz konkret: Es gibt immer seltener einen klar identifizierbaren Gegner, gegen den sich Abschreckung gezielt richten kann. Stattdessen haben wir es mit einem Raum zu tun, in dem staatliche und nicht staatliche Kräfte parallel agieren und sich gegenseitig überlagern. Klare Verantwortlichkeiten verschwimmen dabei zunehmend, was eine gezielte Abschreckung erheblich erschwert.«
Valensi analysiert seit Jahren die Entwicklungen an Israels Nordgrenze und beschreibt die Lage als Übergang von einer strukturierten Konfrontation hin zu einem dynamischen Sicherheitsumfeld. Während früher staatliche Akteure dominierten, prägen heute flexible Bündnisse und lokale Machtzentren das Geschehen. Diese Veränderung zwingt Israel, Bedrohungen nicht mehr langfristig zu definieren, sondern situativ zu bewerten. Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden, oft auf Basis unvollständiger Informationen.
Gleichzeitig steigt die Bedeutung taktischer Reaktionsfähigkeit gegenüber langfristiger Planung. Die Grenze wird so zu einem Raum permanenter Anpassung, in dem klassische militärische Logiken nur noch eingeschränkt greifen. »Diese Realität zwingt Israel, seine Sicherheitsstrategie kontinuierlich neu auszurichten«, betont Valensi. »Denn Risiken entstehen heute nicht nur aus gezielten Operationen, sondern zunehmend aus lokalen Dynamiken, die sich schnell verselbstständigen und regionale Auswirkungen entfalten können. Gerade diese Unberechenbarkeit macht die Lage so gefährlich.«
… und Chancen
Diese wachsende Dynamik bleibt jedoch nicht auf militärische Dimensionen beschränkt, sondern greift zunehmend in den politischen Raum über. Wo staatliche Strukturen zerfallen, entstehen nicht nur neue Gewaltakteure, sondern auch andere politische Ansätze, oft außerhalb klassischer diplomatischer Kanäle. Gerade im Schatten aufgesplitterter Machtverhältnisse formieren sich Stimmen, die nicht aus etablierten Institutionen sprechen, sondern aus Erfahrung von Exil, Umbruch und persönlichem Verlust. Sie blicken anders auf Syrien – weniger aus der Perspektive geopolitischer Ordnung, sondern aus der eines Landes, das sich neu erfinden muss.
In dieser Perspektive verschiebt sich auch der Blick auf Israel: nicht mehr ausschließlich als Gegner, sondern zunehmend als möglicher Faktor in einer künftigen regionalen Stabilisierung. Diese Sichtweise bleibt umstritten, gewinnt aber in Teilen der syrischen Opposition an Gewicht. Sie markiert einen Bruch mit bisherigen Denkmustern und eröffnet zugleich einen Raum für politische Ideen, die unter anderen Umständen kaum denkbar gewesen wären.
»Während viele weiterhin Israel als Hauptgegner sehen, liegt Syriens eigentliches Problem im eigenen Zerfall«, sagt Kamal al-Labwani, syrischer Dissident, Arzt und ehemaliger politischer Gefangener, der heute in Schweden lebt. »Solange wir unsere inneren Konflikte nicht lösen, wird es keine Stabilität geben – weder für Syrien noch für die Region.« Der 68-Jährige, der auch als Künstler tätig ist, gehört zu den wenigen Stimmen der syrischen Opposition, die offen für einen Dialog mit Israel eintreten. »Wir müssen anfangen, realistisch zu denken«, betont er. »Frieden ist kein Verrat, sondern eine Notwendigkeit, wenn Syrien eine Zukunft haben soll.«
Seine Positionen sind innerhalb der syrischen Opposition hochumstritten, markieren jedoch eine bemerkenswerte Verschiebung politischer Denkmuster. Als langjähriger Regimegegner und mehrfach inhaftierter Aktivist steht er für eine Generation von Dissidenten, die den Zerfall Syriens nicht nur analysieren, sondern aktiv nach Auswegen suchen. Nach Jahren im Exil hat er wiederholt versucht, neue Gesprächsformate anzustoßen, auch mit Blick auf Israel, das er im Jahre 2014 sogar für eine Woche besuchte. Dabei geht es ihm weniger um kurzfristige politische Lösungen als um die langfristige Neuordnung regionaler Beziehungen.
Al-Labwanis Ansatz speist sich aus der Überzeugung, dass ein zersplittertes Syrien ohne externe Stabilisierungsfaktoren kaum überlebensfähig ist. In diesem Kontext versteht er den jüdischen Staat nicht nur als sicherheitspolitischen Akteur, sondern als möglichen Partner in einem zukünftigen regionalen Arrangement. Dass er für diese Positionen Kritik bis hin zur offenen Ablehnung erntet, nimmt er bewusst in Kauf. »Wenn wir weiterhin in alten Feindbildern denken, wird Syrien ein gescheiterter Staat bleiben«, warnt er und plädiert für einen pragmatischen Ansatz im Umgang mit Israel. »Die Region verändert sich und wir müssen uns mit ihr verändern. Es geht nicht um Ideologie, sondern um Interessen, und diese liegen in Stabilität, Wiederaufbau und einem Ende der Isolation.«
Doch so plausibel diese Ansätze klingen mögen, sie bleiben vorerst Teil eines politischen Möglichkeitsraums, der von Unsicherheit geprägt ist. Die Realität vor Ort wird weiterhin von aufgesplitterten Machtstrukturen bestimmt, in denen kurzfristige Interessen oft schwerer wiegen als langfristige Visionen. Für Israel bedeutet das, dass selbst potenziell konstruktive Entwicklungen stets im Schatten latenter Eskalationsrisiken stehen.
Gleichzeitig zeigt sich, dass sich mit dem Zerfall alter Ordnungen auch neue Denkansätze herausbilden, die jenseits klassischer Feindbilder operieren. Ob daraus tragfähige politische Perspektiven entstehen können, hängt weniger von einzelnen Akteuren ab als von der Fähigkeit, Stabilität in einem grundsätzlich instabilen Umfeld neu zu definieren. »Was wir derzeit beobachten, ist keine Übergangsphase im klassischen Sinne, sondern die Herausbildung eines neuen, dauerhaft komplexen Systems«, erklärt Zisser. »In einem solchen Umfeld wird Stabilität nicht durch klare Hierarchien garantiert, sondern durch ein fragiles Gleichgewicht konkurrierender Kräfte. Für Israel bedeutet das, dass es sich auf eine langfristige Realität einstellen muss, in der Unsicherheit der Normalzustand ist.«
Zukunft offen
Zwischen vorsichtiger Öffnung und struktureller Instabilität bleibt Syriens Zukunft damit offen. Für Israel wird entscheidend sein, wie flexibel es auf dieses neue Gefüge reagieren kann, ohne dabei strategische Orientierung zu verlieren.
Die Entwicklungen an der Nordostgrenze sind dabei weniger ein isoliertes Sicherheitsproblem als ein Spiegel tiefgreifender regionaler Umbrüche. Ob sich aus der gegenwärtigen Unordnung neue Formen von Stabilität ergeben oder bestehende Konfliktlinien weiter verhärten, wird sich erst im Zusammenspiel der beteiligten Kräfte zeigen. »Die größte Gefahr liegt nicht in der Stärke einzelner Akteure, sondern in der Unvorhersehbarkeit ihres Zusammenspiels«, warnt Zisser. »Gerade, weil sich Allianzen schnell verändern können, besteht immer das Risiko unbeabsichtigter Eskalationen. Israels Herausforderung wird es sein, in diesem dynamischen Umfeld handlungsfähig zu bleiben, ohne sich auf vermeintliche Gewissheiten zu verlassen.«





