Die schwerste Dürre seit Jahrzehnten zerstört Syriens Ernten und bedroht die Ernährungssicherheit von Millionen von Menschen.
Die Auswirkungen der Dürre seien enorm und beträfen drei Viertel der landwirtschaftlichen Anbauflächen, bestätigte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Laut der UN-Organisation hat das Land seit sechzig Jahren keine so schlechten klimatischen Bedingungen mehr erlebt. Wegen einer kurzen Winterregenzeit mit geringen Niederschlägen im vergangenen Jahr – sie lagen rund 40 Prozent unter dem Durchschnitt – sind die Wasserstände in Syrien stark gesunken.
Ursachen und Historie
In den Jahren 2006 bis 2010 gab es die letzte große Dürrewelle in Syrien. Die Dürre erfasste damals weite Teile des sogenannten Fruchtbaren Halbmonds am Oberlauf von Euphrat und Tigris in der Türkei, dem Irak und in Syrien. Verschärft wurde sie in Syrien durch mangelhaftes Wassermanagement: Die Landwirtschaftspolitik des damaligen Präsidenten Baschar al-Assad ermutigte zum Anbau von exportfähigen Produkten wie Baumwolle, die viel Wasser benötigen. Das führte zu einem Anstieg an – teils illegalen – Brunnenbohrungen, was ein Absinken des Grundwasserspiegels bewirkte.
Zum hohen Wasserverbrauch in der Landwirtschaft kam eine starkes Bevölkerungswachstum hinzu: Zwischen 1950 und 2010 wuchs die Bevölkerungszahl in Syrien von vier auf mehr als zwanzig Millionen, was den Druck auf natürliche Ressourcen wie Wasser massiv erhöhte. Infolgedessen wanderten Hunderttausende aus ihren Siedlungsgebieten ab, vor allem aus den nordöstlichen Provinzen Hassakah und Deir ez-Zour, um sich in den großen Städten anzusiedeln. Zahlreiche Beobachter nennen die damalige Dürre und daraus resultierende Flucht und wirtschaftliche Not als einen von mehreren Faktoren, die den Aufstand im Jahr 2011 begünstigten.
Bezüglich der Hauptursache für die Dürreperioden gehen die Meinungen der Experten auseinander. Mit Blick auf die gesamte Region wird die zunehmende Wasserknappheit mit dem globalen Anstieg der Temperaturen erklärt. Traten Dürren früher im Schnitt nur alle 250 Jahre auf, gibt es sie nun alle zehn Jahre. Die Zunahme solcher extremer Wetterereignisse sei auf den Klimawandel zurückzuführen.
Ganze Region betroffen
Die Auswirkungen für die Region sind verheerend: Wasserkraftwerke im Einzugsgebiet der Flüsse Euphrat und Tigris leiden unter der zunehmenden Trockenheit. Beide Flüsse entspringen in der Osttürkei und fließen durch Syrien und den Irak, bevor sie in den Persischen Golf münden. Die anhaltende Dürre mit hoher Verdunstung und geringeren Niederschlägen macht diese Wasserressourcen immer knapper. Die Anrainerstaaten haben daher zunehmend Probleme, Landwirtschaft und Kraftwerke mit Wasser zu versorgen.
Das Magazin Deutsche Welle berichtete, dass bei drei Wasserkraftwerken, die vor etwa dreißig Jahren an den Quellen von Euphrat und Tigris in der Türkei erbaut wurden, die Stromerzeugung seitdem um fünfundzwanzig Prozent zurückging. Nehmen Niederschläge und Schneefälle weiterhin ab, könnten bis Ende des Jahrhunderts im Euphrat dreißig bis vierzig Prozent der derzeitigen Wassermenge verloren gehen.
Unabhängig von der Ursache verschärft die anhaltende Dürre die soziale Lage in Syrien dramatisch. Die Trockenheit lässt das Korn auf den Feldern verdorren. Laut Al-Monitor rechnet man in Syrien mit einer Lücke von 2,5 bis 2,7 Millionen Tonnen bei der Weizenernte. Der lokale Bedarf wird sich daher nicht decken lassen. Mehr als sechzehn Millionen Menschen könnten daher in diesem Jahr von Ernährungsunsicherheit bedroht sein.
Um den Ernteausfall auszugleichen, ist das Land von Importen abhängig. Bereits Baschar al-Assad war auf seinen Verbündeten Russland angewiesen. Nach Assads Sturz setzte Moskau die Getreidelieferungen zunächst aus. Im April meldeten die neuen Behörden in Damaskus, dass die erste Weizenlieferung seit Assads Absetzung im Hafen von Latakia eingetroffen war. Weitere russische Lieferungen folgten. Auch der Irak schickte mehr als 220.000 Tonnen Weizen nach Syrien.
Die FAO kündigte im Juni ein Soforthilfeprogramm an, das unter anderem Saatgutverteilung und technische Beratung umfasst. Auch die Weltbank prüft eine Notfinanzierung zur Sanierung beschädigter Bewässerungsinfrastruktur.
Wasserknappheit und Waldbrände
In Damaskus muss das Wasser rationiert werden. Ausgetrocknete Böden und Wälder führten in den vergangenen Monaten laut New York Times zu über 3.500 Waldbränden. Die jüngsten Brände brachen Anfang Juli in der Küstenregion aus. Die Brandbekämpfung ist durch das zerklüftete Gelände, aber auch durch Minen und nicht explodierte Sprengkörper – Überreste des dreizehnjährigen Kriegs – erheblich erschwert.
Tausende Syrer sind von den Bränden betroffen und nach Angaben der Vereinten Nationen aus ihren Häusern geflohen. Die Krise hat einen multinationalen Einsatz ausgelöst. Nachbarländer, darunter Jordanien, Libanon und die Türkei haben Feuerwehren und Löschflugzeuge entsandt. Die syrischen Behörden baten auch die Europäische Union um Hilfe, berichtet die New York Times.
Die Verwundbarkeit des Landes zeigt sich nicht nur in der Landwirtschaft. Auch die Infrastruktur leidet unter der Dauerbelastung durch Krieg und Ressourcenmangel. Der UN-Welternährungsbericht prognostiziert aufgrund der anhaltender Dürre für 2025/26 eine weitere Reduktion der syrischen Eigenproduktion auf unter zwei Millionen Tonnen (bei einem Jahresbedarf von etwa 2,5 Millionen Tonnen).
Die neue syrische Verwaltung drängt inzwischen auf Sanktionserleichterungen für den Agrarsektor – ein Vorstoß, der im Mai von der EU unterstützt und potenziell durch US-Lockerungen flankiert wird. Dadurch könnten internationale Finanzmittel gezielter in Wiederaufbauprogramme einschließlich der Reparatur von Bewässerungssystemen fließen. Fehlt diese Basis, droht Syrien langfristig von Getreidelieferungen abhängig zu bleiben mit weitreichenden Konsequenzen für soziale Stabilität und Ernährungssicherheit.






