Statt über den Anstieg des Antisemitismus in Australien und die Warnungen der jüdischen Gemeinde zu berichten, war es Urs Wälterlin, die jüdischen Opfer und Israel als Hass schürende Täter darzustellen.
Am vergangenen Sonntag ermordete ein dschihadistisches Vater-Sohn-Gespann am Bondi Beach in Sydney fünfzehn Menschen, die nichts anderes getan haben, als Juden zu sein. Das Massaker hat deutlich vor Augen geführt, wozu antisemitischer Hass führt.
Hass hat auch ein gewisser Urs Wälterlin ausgemacht, der für den Standard einen Lokalaugenschein am Bondi Beach am Tag nach dem Blutbad verfasst hat. Über die Attentäter und deren Motivation hatte Wälterlin nichts zu sagen, stattdessen schrieb er, wie viele andere auch, lieber über die australischen Waffengesetze, als ob dies das brennende Thema wäre. Dann kam er doch noch auf Hass zu sprechen: »Trotz der melancholischen Stimmung«, schrieb Wälterlin, sei in Bondi »das Gefühl des Hasses nicht weit entfernt«. Und wo hat er dieses Gefühl entdeckt? »Es steht in den Gesichtern der jungen Männer mit den Kippas.«
Sie haben richtig gelesen: Über den Hass der Attentäter verlor Wälterlin kein Wort, dafür aber über jenen, den er in Gesichtern der jüdischen Angehörigen und Freunde der Ermordeten gesehen haben will.
Und noch in einem weiteren Zusammenhang kam Wälterlin auf Hass zu sprechen. »Die Frage für Australien ist jetzt, ob es dem Land gelingen wird, diese Debatte [über die Schuld an den Morden, F. M.] zu führen, ohne weiteren Hass zu schüren.« Dafür stünden die Zeichen aber schlecht, denn: »Ausgerechnet aus Israel kam eine Salve von Beschuldigungen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warf Australien vor, zu wenig gegen Antisemitismus getan zu haben.«
Das hatte zwar mit einem Lokalaugenschein am Ort des Massakers nichts zu tun, aber es war Wälterlin offenbar ein großes Bedürfnis, darauf hinzuweisen, wer den Hass schüre: Israel und dessen Premier.
Judenhass verschwiegen
Mit keinem Wort erwähnte der Standard-Autor dagegen, dass Australiens Juden seit zwei Jahren vor dem zunehmenden Hass gewarnt haben, der ihnen seit dem 7. Oktober 2023 entgegenschlägt. Hass, nicht versteckt in irgendwelchen Hinterzimmern oder virtuellen Chatgruppen, sondern vor aller Augen.
Die Zahl antisemitischer Vorfälle hat sich im Vergleich zur Zeit vor dem Hamas-Massaker in Israel verfünffacht, und dabei ist nicht »nur« von Beschimpfungen oder Beleidigungen die Rede. Im Oktober 2024 wurde das Geschäft eines koscheren Catering-Services in Bondi, unweit des Strands, in Brand gesteckt. Im November wurden in einem anderen Bezirk Sydneys, in dem ebenfalls viele Juden wohnen, ein Auto angezündet und mehrere andere mit israelfeindlichen Graffitis beschmiert.
Im Dezember wurde in Sydney eine Synagoge in Brand gesetzt und ebenfalls mit antisemitischen Parolen beschmiert. Im heurigen Januar wurden zwei weitere Synagogen in anderen australischen Städten mit antisemitischen und israelfeindlichen Slogans verunstaltet sowie mehrere Autos in Brand gesteckt bzw. mit israelfeindlichen Parolen beschmiert. Das ist nur ein kurzer Ausschnitt aus dem jüngsten Bericht der australischen jüdischen Gemeinden über antisemitische Vorfälle; die Aufzählung ließe sich mühelos noch verlängern.
Begleitet wurde das von ständigen Aufmärschen, auf denen die Verbrechen der Hamas bejubelt und fanatischer Hass gegen Israel propagiert wurde. Und von einer Regierung, die nichts gegen die alltäglichen Hassveranstaltungen unternahm, stattdessen in die beinahe rituelle Verdammung von Israels Krieg gegen die Hamas einstimmte und »Palästina« als Staat anerkannte.
Noch am Sonntagabend, wenige Stunden nach dem Massaker am Bondi Beach, schrieb die Australisch-Jüdische Vereinigung (AJA) auf Facebook: »Wir haben so oft davor gewarnt, dass es so kommen würde. Wir hatten nie das Gefühl, dass die Regierung die Warnungen ernst genommen hat.«
Über all das hätte Urs Wälterlin schreiben können. Hat er aber nicht, weil es ihm wichtiger war, angeblich hasserfüllte jüdische Gesichter und das Hass schürende Israel in den Vordergrund zu rücken. Wie geht noch einmal die Redewendung? – Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich …






