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Sudan: Sexuelle Gewalt als Kriegsstrategie

Selbst noch in Flüchtlingslagern werden Frauen im Sudan zu Opfern systematischer sexueller Gewalt
Selbst noch in Flüchtlingslagern werden Frauen im Sudan zu Opfern systematischer sexueller Gewalt (© Imago Images / Anadolu Agency)

Wie sexuelle Gewalt im Sudan zur Methode wurde – und warum das Strategie und kein Kollateralschaden ist.

Peter Laskowski

Es sind nicht nur Kämpfe, die den Sudan seit April 2023 prägen. Es sind systematische Übergriffe auf Zivilisten, vor allem auf Frauen und Kinder, dokumentiert von den Vereinten Nationen, NGOs und Journalisten. Bewaffnete Gruppen – insbesondere die Schnellen Eingreiftruppen (RSF) – setzen Vergewaltigung, Entführung und sexuelle Versklavung gezielt ein. Die Gewalt konzentriert sich auf Städte, Fluchtrouten und Flüchtlingslager, trifft ethnische Minderheiten besonders häufig und folgt einem Muster, das sich nicht mehr als Begleiterscheinung erklären lässt.

»Das Ausmaß der von uns im Sudan dokumentierten sexuellen Gewalt ist erschreckend«, erklärte Mohamed Chande Othman von der UN-Untersuchungskommission. Der Satz wirkt nüchtern. Er beschreibt eine Praxis, die längst Routine geworden ist. Die Berichte widersprechen der bequemen Annahme, sexuelle Gewalt sei ein Nebenprodukt des Krieges. Sie legen nahe, dass sie Teil seiner Logik ist. Laut UNO bestehen »hinreichende Gründe für die Annahme«, dass es sich um Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt, darunter »Vergewaltigung, sexuelle Versklavung und Verfolgung«.

Gewalt als System, nicht als Ausnahme

Die RSF stehen im Zentrum der Vorwürfe. In den meisten dokumentierten Fällen werden ihre Kämpfer als Täter identifiziert. Die Gewalt folgt dabei einem Muster: Überfälle in Wohnhäusern, Angriffe auf Flüchtende, systematische Übergriffe in besetzten Gebieten. Human Rights Watch beschreibt, wie RSF-Kämpfer Frauen »aus ihren Häusern, von der Straße und von ihren Arbeitsplätzen verschleppten« und sie in Haft »fortwährender sexueller Gewalt« aussetzten.

Der Begriff »sexuelle Sklaverei« ist dabei keine Metapher. Er beschreibt konkrete Verhältnisse: Entführung, Gefangenschaft, wiederholte Vergewaltigung. Der Besitz wird nicht erklärt, sondern praktiziert. Auch andere Konfliktparteien sind beteiligt. Berichte dokumentieren sexuelle Gewalt durch die sudanesischen Streitkräfte (SAF), wenn auch in geringerem Umfang.

Mit fortschreitendem Krieg verschiebt sich die Wahrnehmung. Was zunächst als Eskalation galt, wird zur Normalität. Die Ärzte ohne Grenzen sprechen davon, dass sexuelle Gewalt in Teilen des Sudan zum »Alltag« geworden sei. Diese Normalisierung zeigt sich nicht nur in der Häufigkeit, sondern auch im Kontext der Taten. Frauen werden vergewaltigt, während sie Wasser holen, Felder bestellen oder auf Märkte gehen. »Jeden Tag … vier oder fünf Vergewaltigungen«, zitiert der Bericht eine Betroffene.

Die Angriffe sind eine soziale Strategie und oft kollektiv organisiert. Gruppenvergewaltigungen sind keine Ausnahme, sondern ein wiederkehrendes Muster. Sie dienen nicht nur der physischen Gewalt, sondern der Inszenierung von Macht. In vielen Fällen finden sie vor Familienangehörigen statt. Die Botschaft richtet sich nicht nur an das Opfer, sondern an die Gemeinschaft. Dabei trifft die Gewalt nicht nur Frauen, sondern auch Kinder und sogar Babys. Die UNICEF dokumentierte Fälle, in denen »Kinder, die erst ein Jahr alt sind«, vergewaltigt wurden. Während es 221 dokumentierte Vergewaltigungen an Kindern seit 2024 gibt, dürfte dies nur einen Bruchteil darstellen.

Insgesamt dürfte die Zahl der gemeldeten Fälle gering sein im Verhältnis zur vermuteten Realität. So werden auch Männer und Jungen Opfer, deren Leid jedoch oft unsichtbar bleibt. Soziale Tabus verhindern, dass diese Fälle gemeldet werden. Die Berichte sprechen von »besonderen Herausforderungen« für männliche Überlebende. Das ist eine vorsichtige Formulierung für ein strukturelles Schweigen. Die sexuelle Gewalt wirkt hier doppelt: einerseits als physischer Angriff und andererseits als soziale Auslöschung.

Viele Berichte weisen auch auf eine ethnische Dimension hin. Nicht-arabische Gruppen wie die Zaghawa, Massalit und Fur werden »systematisch ins Visier genommen«. Gewalt wird hier zum Instrument der Vertreibung. Das ist kein neues Muster. Darfur hat eine Geschichte solcher Verbrechen. Neu ist die Konsequenz, mit der es wiederholt wird. Alte Strategien werden nicht überwunden, sondern reproduziert. Die Sprache der Täter spiegelt das wider. Berichte dokumentieren rassistische und sexistische Beleidigungen während der Übergriffe. Die Gewalt wird begleitet von einer Sprache, die sie rechtfertigt.

Der Körper als Schlachtfeld

Ein Satz aus einem Al-Jazeera-Bericht bringt das Prinzip auf den Punkt: Der Körper der Frau wird »Teil des Schlachtfelds«. Das klingt abstrakt, ist aber konkret gemeint. Vergewaltigungen dienen der Demütigung des Gegners, der Zerstörung sozialer Strukturen und der Einschüchterung von Gemeinschaften. Sie trifft Individuen, zielt aber auf Kollektive.

Die Täter handeln dabei nicht im Verborgenen. Im Gegenteil: Die Gewalt wird sichtbar gemacht. Familien werden gezwungen zuzusehen. Gemeinschaften werden Zeugen. Das unterscheidet strategische Gewalt von bloßer Brutalität. Sie will gesehen werden.

Dass diese Praxis anhält, hat Gründe. Einer davon ist die faktische Straflosigkeit. »Ohne Rechenschaftspflicht wird sich der Kreislauf von Hass und Gewalt fortsetzen«, warnte die UN-Expertin Joy Ngozi Ezeilo. Die institutionellen Voraussetzungen für Strafverfolgung existieren kaum noch. Polizei und Justiz sind weitgehend kollabiert. Internationale Mechanismen greifen nur begrenzt.

Die RSF bestreiten die Vorwürfe oder sprechen von »einzelnen Verstößen«. Diese Formulierung ist weniger eine Verteidigung als eine Strategie: Sie reduziert die Systematik auf eine Ausnahme. Doch die Berichte widersprechen: Sie zeigen Wiederholung, Struktur, Muster.

Zweite Gewalt: Stigma

Neben der physischen Gewalt wirkt eine zweite, soziale Gewalt. Überlebende werden stigmatisiert, ausgeschlossen, beschuldigt. In einem Fall verstieß ein Ehemann seine Frau nach einer Vergewaltigung und nahm ihr die Kinder weg. Das ist keine Randerscheinung. Es ist Teil des Problems. Die Angst vor Stigmatisierung verhindert, dass Opfer Hilfe suchen. Viele Fälle bleiben ungemeldet. Die bekannten Zahlen sind daher keine Bilanz, sondern ein Minimum. Die Gesellschaft wird so zum Verlängerungsarm der Gewalt.

Hinzu kommt der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung. Krankenhäuser wurden zerstört, geplündert oder besetzt. Überlebende haben oft keinen Zugang zu Behandlung, Medikamenten oder psychologischer Hilfe. »Mehr als siebzig Prozent der Gesundheitseinrichtungen« sind laut Human Rights Watch nicht funktionsfähig. Das bedeutet: Die Gewalt endet nicht mit dem Angriff. Sie setzt sich fort – und bleibt unbehandelt. Die Frist für lebenswichtige Behandlungen nach Vergewaltigungen beträgt oft 72 Stunden. Viele erreichen keine Hilfe in dieser Zeit. Das hat Folgen: Infektionen, ungewollte Schwangerschaften, langfristige Traumata.

Die internationale Gemeinschaft dokumentiert. Sie verurteilt und stellt Forderungen, doch sie greift kaum ein. Das ist kein Versagen im klassischen Sinne. Es ist eine Form der Distanz, in der Beobachtung die Handlung ersetzt.

Die UNO fordert Schutzmaßnahmen und spricht von einer möglichen Schutztruppe. Doch zwischen der Forderung und der Umsetzung liegt ein politischer Raum, der selten gefüllt wird. Die Gewalt im Sudan ist bekannt. Sie ist dokumentiert, sie ist beschrieben; gestoppt ist – bislang – nicht.

Sexuelle Gewalt im Sudan ist kein Nebeneffekt eines zerfallenden Staates. Sie ist Teil seiner Kriegsführung. Sie dient der Kontrolle von Territorium, der Vertreibung von Bevölkerungen und der Zerstörung sozialer Strukturen. Wer sie als »Gräueltat« beschreibt, verfehlt ihre Funktion. Wer sie als »Einzelfall« darstellt, verkennt ihre Systematik. Die Frage ist daher nicht nur, wie diese Gewalt entsteht. Die Frage ist daher, warum diese Gewalt weiterhin möglich ist.

Die Antwort liegt nicht allein im Sudan. Sie liegt auch in der internationalen Ordnung, die dokumentiert, aber selten etwas durchsetzt. In Institutionen, die benennen, aber nicht handeln. In einer Öffentlichkeit, die informiert ist und doch wenig verändert. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Krieges: dass seine brutalsten Methoden sichtbar sind – und gerade deshalb bestehen bleiben.

Der Artikel erschien zuerst beim Jungleblog.

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