Von der Welt ignoriert, hat sich im Sudan die größte Flüchtlingskrise der Welt entwickelt. Nun warnen Hilfsorganisationen vor einer Wiederholung des syrischen Szenarios.
Es war im Jahr 2014, also noch bevor die Flüchtlingskrise Europa erreichte, als die Vereinten Nationen zum ersten Mal erklärten, der Bürgerkrieg in Syrien habe die »größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg« verursacht. Die tragischen Folgen davon sind weitgehend bekannt. Als im Dezember 2024 das Assad-Regime in Damaskus gestürzt wurde, waren dreizehn Millionen Syrer entweder Flüchtlinge im Ausland oder lebten als Binnenvertriebene unter meist elenden Bedingungen im eigenen Land. Das war in etwa die Hälfte der Bevölkerung, die 2011, also zu Beginn der Massenproteste gegen das Regime, in Syrien gelebt hatten.
Syrien galt schon 2018 als ein »episches Versagen des Westens«, wie Simon Tisdall damals in der britischen Tageszeitung Guardian schrieb. Und selbstredend gab es seitdem viele Beteuerungen, dass Ähnliches nie wieder geschehen dürfe und man unbedingt verhindern müsse, dass es erneut zu einer solchen Katastrophe komme. Wie üblich waren die Erklärungen das Papier kaum wert, auf dem sie gedruckt wurden.
Denn noch während Baschar al-Assad, der Verursacher der so wortreich beklagten Krise, weiter foltern und morden ließ, zeichnete sich die nächste Katastrophe ab. Diesmal im Sudan, wo vor fast genau drei Jahren, im April 2023, der Bürgerkrieg zwischen der Armee und den Milizen der Schnellen Eingreiftruppen (RSF) ausbrach. Er sollte sich zu einem der blutigsten und brutalsten Kriege der jüngsten Zeit entwickeln. Unbeschreiblich und eigentlich in Zahlen kaum adäquat ausdrückbar, welches Elend und Leid in diesen drei Jahren über die Menschen im Sudan gebracht wurde:
»Die beiden verfeindeten Fraktionen liefern sich weiterhin einen blutigen Machtkampf. Die Schätzungen der Todesopferzahlen variieren stark. Der ehemalige US-Sondergesandte für den Sudan geht von bis zu 400.000 Toten seit Beginn des Konflikts am 15. April 2023 aus. Mehr als elf Millionen Menschen wurden vertrieben, was die größte Flüchtlingskrise weltweit ausgelöst hat. Über vier Millionen Sudanesen sind in instabile Gebiete im Tschad, in Äthiopien und im Südsudan geflohen und haben dort die Flüchtlingslager überfüllt. Die Vereinten Nationen bitten weiterhin dringend um mehr Unterstützung, da mehr als dreißig Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen und die sich verschärfende Ernährungslage gerade die ›größte Hungerkrise der Welt‹ auslöst.«
Deshalb kam die UNICEF im Herbst 2025 auch zu dem Schluss, es handele sich beim Sudan um die »größte humanitäre Katastrophe« unserer Zeit. Es ging also recht schnell, dass Syrien auf Platz zwei der weltweiten Elendscharts rutschte.
Verweis auf Syrien
Am 25. März meldete die UNO erneut, dass der »Sudan vor der weltweit größten Vertreibungs- und Hungerkrise steht. … Über 24,6 Millionen Menschen sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen; in El Fasher (Nord-Darfur) und Kadugli (Süd-Kordofan) herrscht bereits eine Hungersnot, und über zwanzig weitere Distrikte in Darfur und Kordofan sind ernsthaft gefährdet.« Anfang des Jahres warnte die Welternährungsorganisation (WFP), dass die zur Verfügung gestellten Hilfsgelder in keiner Weise ausreichen, obwohl die Rationen schon auf ein Minimum reduziert seien. Ohne weitere Unterstützung drohe sogar ein baldiges Ende der Hilfsprogramme.
All das beschäftigt Europa so gut wie gar nicht. Ganz im Gegenteil schauen europäische Regierungen seit nunmehr drei Jahren weitgehend untätig zu, wie das drittgrößte Land Afrikas immer tiefer in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt. Der Sudan scheint sehr weit weg zu sein und die Tatsache, dass der Konflikt inzwischen auch zunehmend auf die Nachbarländer, etwa auf Äthiopien, übergreift, stößt ebenfalls kaum auf Interesse.
Das dürfte sich, so die Erfahrungen aus der Vergangenheit, erst ändern, wenn größere Gruppen aus dem Land als Flüchtlinge nach Europa kommen. Dies ist bislang nicht der Fall, nicht zuletzt, weil die Fluchtrouten lang und extrem gefährlich sind. Ägypten verschärft das Vorgehen gegen sudanesische Flüchtlinge und Libyen ist seit Jahren bekannt dafür, dass Flüchtlinge systematisch misshandelt, sexuell missbraucht und oft auch getötet werden. Schleuser, ohne die man nicht mehr nach Europa kommt, sind teuer und für viele Sudanesen deshalb unbezahlbar.
Aber auch nach 2011 in Syrien hat es einige Jahre gedauert, bis es zur Massenflucht nach Europa kam. Daran erinnert nun der Chef der International Organisation for Migration (IOM) im Sudan, Mohamed Refaat, gegenüber dem Nachrichtenportal Politico. Auch 2014 mussten Hilfsorganisationen Gelder für syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern drastisch kürzen, weil ihre Hilfsappelle ungehört verklangen. Dies sei, meinte ein Vertreter des UN-Flüchtlingswerks UNHCR zehn Jahre später, vermutlich sogar einer der Hauptgründe gewesen, warum sich ein Jahr später Millionen Menschen auf den Weg nach Europa aufmachten.
Vergleiche man »diesen [Sudan-]Konflikt mit den Ereignissen in Syrien«, meint Refaat deshalb, müsse man feststellen, dass die damalige Massenfluch recht plötzlich ausbrach und dann nachhaltige Konsequenzen nicht nur für die Länder in der unmittelbaren Nachbarschaft, sondern eben auch für Europa hatten. Vor einer ähnlichen Entwicklung warnt er ausdrücklich. Er hofft, in Brüssel wenigstens so auf offene Ohren zu stoßen und weitere Hilfsgelder locker machen zu können, schließlich hat man in Europa vor kaum etwas anderem solche Angst wie vor einer neuen Flüchtlingswelle.
Noch ist, vermutlich auch aufgrund der extrem repressiven Grenzpolitik vieler Länder in der Region, die Zahl von Sudanesen, die Europa erreichen, überschaubar. 2025 waren es knapp 13.000, eine verschwindend geringe Zahl angesichts der Millionen Flüchtlinge in den Nachbarländern des Sudans. In Syrien hat es damals, wie gesagt, vier Jahre gedauert, bis es zum Massenexodus kam, der sich allerdings schon im Jahr 2014 mit stetig steigenden Ankünften in Griechenland und Italien angekündigt hatte.






