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Bürgerkrieg im Sudan droht gesamte Region zu destabilisieren

Im März gab es starke Kämpfe um die sudanische Stadt Omdurman
Im März gab es starke Kämpfe um die sudanische Stadt Omdurman (© Imago Images / Xinhua)

Die Kämpfe rivalisierender Generäle um die Macht im Sudan haben den drittgrößten afrikanischen Staat in eine Katastrophe gestürzt.

Der Bürgerkrieg, geführt von den Sudanesischen Streitkräften (SAF) und der Schnellen Eingreiftruppe (RSF), begann vor über einem Jahr in Khartum. Von der Hauptstadt breiteten sich die Kämpfe rasch auf das ganze Land aus – mit katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung. Laut UN-Organisationen gibt es Berichte über Massengräber, Gruppenvergewaltigungen und Angriffe in dicht besiedelten Gebieten. Bisher forderte der Bürgerkrieg rund 16.000 Todesopfer. Mehr als ein Drittel der 47 Millionen Menschen im Sudan ist nach Angaben der Vereinten Nationen von einer verheerenden Hungersnot betroffen.

6,5 Millionen Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben, rund 1,8 Millionen flohen in die Nachbarstaaten, die zu den ärmsten und instabilsten der Welt zählen wie Ägypten, das mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, und der Tschad, wo sich bereits eine halbe Million Sudanesen aufhält, die vor früheren kriegerischen Konflikten flohen. Aber auch die Zentralafrikanische Republik, der Südsudan und Äthiopien sind nicht in der Lage, Flüchtlinge menschenwürdig aufzunehmen. Der Bürgerkrieg im Sudan und die damit einhergehende Vertreibungswelle drohen daher die gesamte Region zu destabilisieren.

Besonders betroffen von den Kämpfen ist die Zivilbevölkerung in Darfur. In dem westlichen Bundesstaat kam es in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder zu Gewaltexzessen, denen etwa 300.000 Menschen zum Opfer fielen

Damals wie heute sind die sogenannten Dschandschawid-Milizen Hauptverantwortliche für die Massaker. Diesen Kämpfern arabischer Stämme werden ethnische Säuberungen vorgeworfen, mit dem Ziel, nicht-arabische Ethnien zu vertreiben. Die Entdeckung von Massengräbern im Juli 2023 weckte Befürchtungen über ein Wiederaufleben ethnisch motivierter Gewalt in Darfur. Der Internationalen Strafgerichtshof leitete daraufhin eine neue Untersuchung zu den Vorwürfen von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Region ein.

Putschgeneräle ringen um Macht

Nach intensiven Protesten wurde im Frühjahr 2019 Sudans Präsident Omar al-Bashir gestürzt. Das Ende seiner 30-jährigen autokratischen Herrschaft leitete den Kampf um die Nachfolge ein. Der Versuch, eine zivile Regierung zu bilden, scheiterte. Seit einem Jahr tobt nun ein blutiger Kampf zwischen Machthaber Abdel Fattah Burhan und seinem ehemaligen Vize Mohammed Hamdan Daglo.

General Burhan hat die SAF hinter sich, General Daglo die RSF. Während die nach Art einer regulären Armee strukturierten SAF über etwa 200.000 Mann, Panzer, Hubschrauber und Luftwaffe verfügen, sind die RSF als Milizen mit einer Gesamtstärke von geschätzten 70.000 bis 100.000 Mann organisiert. Die RSF waren im Jahr 2013 von al-Baschir ins Leben gerufen worden, mit deren Hilfe – darunter zahlreiche der berüchtigten Dschandschawid-Milizen – er ein Gegengewicht zum Militär schaffen wollte, um einen möglichen Putsch zu unterbinden.

Streitkräfte verhindern Hilfe

Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) sind rund 18 Millionen Menschen im Sudan, mehr als ein Drittel der Bevölkerung, von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Fast 230.000 stark unterernährte Kinder und junge Mütter sind in den kommenden Monaten vom Tod bedroht, wenn sie nicht mit Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe versorgt werden, warnt der UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA).

Trotz der ernsten Lage ist keine der verfeindeten Parteien bereit, humanitären Organisationen und Gütern uneingeschränkten und ungehinderten Zugang zu gewähren. »Mehrere Aspekte erschweren die Schaffung von Korridoren für humanitäre Hilfe und die Einrichtung entmilitarisierter Zonen«, sagt die Politologin Hager Ali im Gespräch mit der Deutschen Welle. Um die sudanesischen Streitkräfte zu sabotieren, hätten die RSF-Milizen Straßen und Engpässe besetzt und blockieren damit den Nachschub für die Truppen. Dies betreffe aber auch zivile Güter wie Hilfslieferungen an die Bevölkerung. Die RSF plündere alles, was ihnen in die Hände fällt, so die Expertin, und verkauften alles statt es vor Ort an die Gemeinden zu verteilen. Umgekehrt würden auch die regulären Streitkräfte den Zugang für humanitäre Hilfe auf dem Weg in die von der RSF gehaltenen Gebiete kontrollierten und blockierten.

Ali weist außerdem darauf hin, dass andauernde Gewalt die Bauern daran hindere, ihre Felder zu bestellen. Das Aushungern der Bevölkerung sei eine Taktik der RSF. Im Bundesstaates El Gezira, der Kornkammer des Sudans, haben die Milizen Ernten verbrannt, Lager geplündert und Landmaschinen sowie Saatgut für die Aussaat gestohlen. Außerdem würden die Bauern vor die Wahl gestellt, sich den Milizen anzuschließen oder hingerichtet zu werden.

Drohendes Massaker

Unter den rivalisierenden Streitkräften zeichnet sich bis jetzt kein Sieger ab. Die RSF dominieren weiterhin in der Hauptstadt Khartum. Ende April begannen die Milizen Al-Faschir einzukreisen, die letzte noch von der Armee gehaltene Stadt im Bundesstaat Darfur. Die SAF hält einen Großteil des Ostens des Landes, darunter auch den Hafen Port Sudan am Roten Meer. Im März verdrängte die Armee die RSF aus weiten Teilen von Omdurman, einer strategisch wichtigen Stadt auf der westlichen Nilseite bei Khartum. Sicherheitsexperten zufolge versucht die Armee, diesen neu gewonnenen Schwung zu nutzen, um weitere Gebiete von den Milizen zurückzuerobern.

Wiederholte Versuche, einen Waffenstillstand zu erreichen, blieben erfolglos. Aufforderungen der UNO wurden von den Kriegsparteien ignoriert. Bei einer Geberkonferenz in Paris Mitte April wurden dem Sudan zwar zwei Milliarden Euro an Hilfe zugesagt, die andauernden Kämpfe und die blockierten Straßen verhindern aber die Arbeit humanitärer Organisationen in weiten Teilen des Landes.

In der Zwischenzeit droht in Al-Faschir ein groß angelegtes Massaker. »Dies ist keine Mutmaßung«, so die US-Diplomatin Linda Thomas-Greenfield bei einer UN-Sitzung am 1. Mai. »Das ist die düstere Realität, mit der Millionen von Menschen konfrontiert sind.«

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