Im Gespräch mit Jasmin Arémi spricht die Juristin, Autorin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş über ihre Arbeit, über den Iran und Afghanistan als Orte institutionalisierter Unfreiheit. Dabei kritisiert Ateş die eigentümliche Blindheit westlicher Diskurse, die Unterdrückung gern als Identität missverstehen, und eine europäische Politik, die im Umgang mit islamistischen Regimen allzu oft zwischen Pragmatismus und Verdrängung schwankt.
Jasmin Arémi (JA): Welche Erfahrungen haben Sie am meisten geprägt und zu der Frauenrechtlerin gemacht, als die man Sie heute kennt?
Seyran Ateş (SA): Meine feministische Haltung ist stark durch persönliche Erfahrungen geprägt, die bis in meine Kindheit zurückreichen. Als Tochter einer Türkin und eines Kurden, aufgewachsen mit drei Brüdern und einer Schwester, habe ich früh in patriarchalen Strukturen gelebt. Schon als Jugendliche wurde mir klar, dass ich so nicht leben will. Ich begann zu rebellieren und bin noch vor meinem 18. Geburtstag von zu Hause weggegangen. Feministin war ich deshalb sehr früh.
JA: Sie haben aufgrund Ihrer Haltung in der Öffentlichkeit unter massiven Drohungen gelitten und sogar Ihre Anwaltszulassung zurückgegeben. Trotzdem haben Sie nie aufgehört, politisch aktiv zu sein. Wie ist es dazu gekommen?
SA: Im Jahr 2006 habe ich meine Zulassung zurückgegeben und meine Kanzlei geschlossen. Vorausgegangen waren jahrelange Drohungen und massive Belastungen. Seit 2003 hatte ich mich öffentlich für einen eigenen Straftatbestand der Zwangsheirat eingesetzt und diese Position drei Jahre lang vertreten. In dieser Zeit wurde ich von vielen Seiten angegriffen, beleidigt und bedroht – aus der Türkei, über türkische Medien, aber auch aus dem linken Spektrum, etwa von Grünen und Sozialdemokraten, die mir vorwarfen, Migranten zu kriminalisieren oder islamfeindlich zu sein.
Nach drei Jahren nahm das eine Dimension an, die ich nicht mehr aushielt. Hinzu kam ein Angriff nach einem Scheidungstermin am Familiengericht. Ich war psychisch und körperlich am Ende und entschied, nicht mehr als Anwältin zu arbeiten. 2006 bot mir das Landeskriminalamt Berlin Personenschutz an. Meine politische und schriftstellerische Arbeit habe ich später wieder aufgenommen, als Anwältin kann ich seitdem jedoch nicht mehr wirklich tätig sein. Seit damals lebe ich durchgehend unter Personenschutz, auch wenn die Gefährdungsstufen zwischendurch wechseln. Das hängt davon ab, ob ich sehr aktiv bin oder mich zurückziehe.
JA: Wie sieht Ihr beruflicher Alltag heute aus?
SA: Ich bin Geschäftsführerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, leite die Gemeinde und übernehme dort auch religiöse Aufgaben – etwa als Imamin, in Predigten und in der theologischen Begleitung. Außerdem setzen wir unter anderem das Projekt Demokratiemobil um, mit dem wir Bildungs- und Demokratiearbeit in Kinder-, Jugend- und Bildungseinrichtungen leisten. Darüber hinaus bin ich als Autorin unterwegs, halte Lesungen, Vorträge und nehme an Podien teil. Auch juristisch arbeite ich weiterhin an der Basis – etwa in einem Frauencafé in Berlin-Neukölln, wo ich Frauen berate.
System der Geschlechterapartheid
JA: Das Thema des heutigen Gesprächs ist die »Geschlechterapartheid«. Können Sie erklären, was man darunter versteht, insbesondere mit Blick auf den Iran und Afghanistan?
SA: Geschlechterapartheid beschreibt ein System, das Menschen strikt in Männer und Frauen einteilt und ihnen getrennte Räume zuweist, mit klarer Hierarchie. Männer gehören in die Öffentlichkeit, Frauen in kontrollierte Räume. Das ist nicht nur räumlich zu verstehen, sondern politisch. Frauen werden systematisch ausgeschlossen, untergeordnet, diszipliniert.
JA: Welche zentralen Mechanismen dieser Geschlechterapartheid kann man in der Islamischen Republik Iran beobachten?
SA: Der Iran ist eines der deutlichsten Beispiele dafür, wohin Geschlechterapartheid führt. Frauen werden aus dem öffentlichen Leben gedrängt, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung eingeschränkt und in ihrer Kleidung bevormundet. Selbst wenn sie studieren, bleibt ihnen der Zugang zu bestimmten Berufen verwehrt. Dahinter steht die Sexualisierung des weiblichen Körpers. Denn Frauen gelten als Objekte, die Männer angeblich so sehr reizen, dass diese sich weder auf Religion noch auf Arbeit oder ihr Leben konzentrieren könnten.
JA: Ist dabei auch die zentrale Rolle des Kopftuchs zu nennen?
SA: Die Verschleierung ist Teil dieser Ordnung. Historisch wurde Frauen gesagt, sie sollten sich verhüllen, damit sie als »freie Frauen« erkennbar seien, im Gegensatz zu Sklavinnen oder Prostituierten. Dahinter steckt die Vorstellung, dass unverhüllte Frauen sexuell verfügbar seien.
JA: Sexualisierte Gewalt spielt im Iran auch gegenüber Frauen in Gefängnissen und gegenüber Minderjährigen eine Rolle. Ist das eine Art politisches Druckmittel?
SA: Im Iran liegt das gesetzliche Heiratsalter auf erschreckend niedrigem Niveau, Mädchen gelten dort früh als heiratsfähig. Das zeigt, wie verzerrt dieses System ist. Sexualisierte Gewalt wird durch Verschleierung nicht reduziert, sondern eher begünstigt, weil Sexualität tabuisiert wird. Jungen und Männer lernen keinen selbstverständlichen Umgang mit dem anderen Geschlecht, gesunde Beziehungen zum anderen Geschlecht können so kaum entstehen.
Kontrolle des weiblichen Körpers
JA: Im Westen wird das Kopftuch oft als politisches Symbol verstanden und in Debatten als Empowerment gefeiert. Wie blicken Sie darauf?
SA: Westliche Frauen haben sich historisch von Kleiderordnungen befreit. Die Verschleierung ist keine islamische Erfindung, sondern eine vorislamische Praxis zur Kontrolle des weiblichen Körpers. Es geht dabei nicht um Religionszugehörigkeit.Wer das Kopftuch im Westen als Symbol der Befreiung deutet, ignoriert den Freiheitskampf von Frauen im Iran, in Afghanistan und anderswo. Dort werden Frauen verfolgt, inhaftiert, misshandelt oder getötet, weil sie es nicht tragen wollen. Das als feministische Position zu feiern, ist für mich keine Solidarität, sondern die Unterstützung eines patriarchalen Systems, das Frauen als minderwertig betrachtet.
JA: Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der Frauen-Leben-Freiheit-Bewegung im Iran?
SA: Der Iran ist ein Lackmustest dafür, auf wessen Seite man steht. Wer im Westen das Kopftuch als Ausdruck von Freiheit feiert, unterstützt aus meiner Sicht nicht die Frauen, die dort auf die Straße gehen, sondern eine Ideologie, die sie unterdrückt. Erwartbar wäre, sich mit denen zu solidarisieren, die für universelle Menschenrechte kämpfen, und nicht für ein religiös begründetes Kleidungsgebot zu werben. Auch der Staat sollte keine Position vertreten, die Unterdrückung im öffentlichen Raum normalisiert.
JA: Afghanistan ist ein weiteres zentrales Beispiel. Wie beschreiben Sie die Situation von Frauen unter den Taliban?
SA: Es ist kaum auszuhalten: Die Taliban haben Frauen unmittelbar unter die Burka gezwungen und Mädchen vom Zugang zu Bildung ausgeschlossen. Das zeigt, dass Verschleierung Teil einer politischen Ideologie ist, eines Systems totaler männlicher Herrschaft. Es geht dabei nicht um Spiritualität, sondern um politischen Islam.
JA: Wo überschneiden sich die Systeme vom Regime im Iran und den Taliban in Afghanistan?
SA: Theologisch und ideologisch gibt es Unterschiede, doch in der Unterdrückung von Frauen zeigen sich klare Gemeinsamkeiten, wie die Kontrolle des weiblichen Körpers, die Verschleierung, eingeschränkter Zugang zu Bildung, fehlende wirtschaftliche Unabhängigkeit sowie Kontrolle über Heirat und Mutterschaft.
Eintreten für Freiheit
JA: Wie würden Sie die Rolle westlicher Regierungen beschreiben, gerade mit Blick auf Iran und Afghanistan?
SA: Es wird politisch viel zu wenig ernst genommen. Im Fall Afghanistan wurde immer behauptet, man wolle die Frauen befreien. Jetzt sehen wir, dass es ihnen noch schlechter geht. Auch gegenüber dem Iran haben westliche Staaten über Jahrzehnte weggeschaut, aus wirtschaftlichem Interesse. Menschenrechte spielten zu selten eine echte Rolle. Ich hoffe, dass die westlichen Länder künftig eher Teil der Lösung werden.
JA: In der feministischen Debatte über Iran und Afghanistan besteht häufig die Sorge, Kritik könne als antimuslimisch oder rassistisch ausgelegt werden. Was erwarten Sie hier an Differenzierung?
SA: Den Begriff des »antimuslimischen Rassismus« lehne ich ab. Religion ist keine Rasse. Sinnvoller ist es, von Islam- oder Muslimfeindlichkeit zu sprechen. Entscheidend ist, die Begriffe klar zu halten. Im Kern geht es um Religionsfreiheit, Menschenwürde und die Frage, ob die Freiheit anderer respektiert wird. Wer im Namen des Islam andere unterdrückt, verletzt diese Prinzipien. Maßstab sollte das Grundgesetz sein. Die Würde des Menschen ist unantastbar, und Religionsfreiheit schließt auch die Freiheit ein, Religion abzulehnen. Wer für Freiheit eintritt, muss die eigenen Positionen daran messen. Kritik an patriarchalen oder islamistischen Strukturen darf nicht vorschnell als rassistisch oder islamfeindlich delegitimiert werden.






