Stellvertreterkriege: Irans Logik hinter seiner Politik im Nahen Osten

„Das Bestreben der USA und ihrer Verbündeten, die im Laufe des vergangenen halben Jahrzehnts erzielten Zugewinne des Iran im Nahen Osten einzudämmen und letztlich rückgängig zu machen, nehmen allmählich Gestalt an und werden von nun an von zentraler strategischer Bedeutung für die Region sein. (…) Auch die Reaktion des Iran zeichnet sich ab. Zurzeit scheint Teheran seine Kapazitäten im Bereich der ballistischen Raketen für das geeignetste Mittel zu halten, mit dem es seinen Widerstandswillen zum Ausdruck bringen kann. Bei der Wahl seiner Ziele scheint der Iran aber zunächst Vorsicht walten zu lassen. Sollten die USA ihre Strategie ernsthaft umsetzen, dürfte es dabei aber kaum bleiben. (…) Sollte der Iran aktiv gegen die Interessen jener Mächte vorgehen, deren Namen [i.e. der USA, Israels und Saudi-Arabiens] auf den Raketen standen, mit denen er den Islamischen Staat in Hadschin beschoss, wird er Sorge tragen, dies auf eine Weise zu tun, die ihm nicht zugeordnet werden kann.

So ist die libanesische Hisbollah beispielsweise militärisch gesehen ein direkter Ableger des iranischen Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) und verfügt über eine Vielzahl an Raketen, die auf Israel gerichtet sind. Wenn vom Jemen aus ballistische Raketen auf Riad abgeschossen werden, bekennen sich die Houthi zu dem Angriff und behaupten, die Raketen seien vom Typ Burkan 1 und Burkan 2, die im Jemen produziert würden. Dagegen geht das US-Außenministerium davon aus, dass sie iranischen Ursprungs sind. Es könnte sich um Raketen vom Typ Qiam 1 oder Shihab 2 mit geringen Modifikationen handeln. Dass die Houthis, eine leicht bewaffnete nordjemenitische Stammesmiliz, nicht über das Know-how verfügen, ballistische Raketensysteme eigenständig zu betreiben, steht jedenfalls fest. Einiges deutet darauf hin, dass Kader der libanesischen Hisbollah vom Iran mit der Durchführung der Raketenangriffe vom Jemen aus betraut wurden. Reuters berichtete im August, das IRGC habe begonnen, ballistische Raketen an seine Stellvertretermilizen im Irak zu übergeben. Vermutlich sollen diese gegen israelische oder US-amerikanische Kräfte eingesetzt werden. Der Iran wird in seinen Kriegen gegen die Mächte, die er zu Feinden erklärt hat, also durch Stellvertreterorganisationen aktiv, um so jede direkte Verantwortung von sich weisen zu können. Direkt geht er nur kleine und marginale nichtstaatliche Akteure vor. So kommen die Aktionen der Milizen dem Iran zugute, ohne dass er mit Vergeltung rechnen muss.

Dieses Vorgehen hat sich in den letzten Jahren ausgezahlt, zeigt aber letztlich ebenso viel Schwäche wie Stärke. Es funktioniert nur, solange die Gegner des Iran gewillt sind, an der fiktiven Trennung zwischen dem IRGC und seinen Stellvertretermilizen festzuhalten. Sollten die USA es mit dem Unterfangen, den Iran zurückzudrängen, ernst meinen, wird sich irgendwann die Frage stellen, ob dieses Vorhaben mit der klammheimlichen Aufrechterhaltung dieser Fiktion vereinbar ist. Israel hat dieses Jahr bereits beschlossen, sich nicht länger an diese Konvention zu halten, und begonnen, iranische Stellungen in Syrien aus der Luft anzugreifen. Für die USA dürfte die Dynamik, die infolge ihrer Entscheidung, den Iran zurückzudrängen, entstehen wird, diese Frage alsbald auf die Tagesordnung setzen. Im Moment haben wir es noch mit einer Art Sitzkrieg zu tun: direkte Raketenangriffe auf nebensächliche Ziele, großspurige Drohungen der Führung des IRGC, die Lieferung verschiedener Waffensysteme an Milizen.

Wenn Teheran zu dem Schluss gelangt, dass seine Interessen ernsthaft in Gefahr sind, wird diese Phase enden. Dann wird Teheran wahrscheinlich versuchen, die USA dort anzugreifen, wo sie am schwächsten sind. Dies könnte etwa die Streitkräfte und offiziellen Einrichtungen der USA im Irak und in Syrien treffen. Derartige Angriffe werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht vom ICRG selbst durchgeführt werden, sondern von dieser oder jener seiner Stellvertretermilizen. Vielleicht wird es sich um Raketenangriffe handeln, es gibt aber auch zahlreiche andere Möglichkeiten. Das bisherige Verhalten des Iran legt nahe, dass Teheran intensiv darum bemüht ist, einen direkten Einsatz iranischen Personals in der Konfliktzone zu vermeiden. Diese Empfindlichkeit sollte ausgenutzt werden. Der Erfolg oder Misserfolg der Bestrebungen, den Iran im Nahen Osten zurückzudrängen, könnte letztlich davon abhängen, wie die USA reagieren, wenn der Iran beschließt, den gegenwärtigen Sitzkrieg zu beenden.“ (Jonathan Spyer: „The logic behind Iranian moves in the Middle East“)

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login