Spannungen in Kirkuk steigen seit Einmarsch der irakischen Armee

„Bei einem Treffen mit einer Delegation der kurdischen Oppositionsparteien am 4. Januar erklärte der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi, er habe eine Übereinkunft zur Beruhigung der Lage in der Provinz Kirkuk und im Bezirk Tuz Khormato erreicht. Die Wiedereinnahme Kirkuks durch die irakische Armee im Oktober hatte das Kräftegleichgewicht in der zuvor seit 2014 von den Kurden kontrollierten ölreichen Stadt verschoben. Das Vorgehen war Teil der Vergeltungsmaßnahmen Bagdads gegen das für rechtswidrig erklärte kurdische Unabhängigkeitsreferendum. (…) In Kirkuk leben Kurden, Araber, Turkmenen und Christen. Die Kurden stellten die politische Mehrheit und den Gouverneur. Doch zur Zeit sind die Diskussionen über Neuwahlen, die Machtteilung in der Stadt und deren Status hoffnungslos festgefahren. Seit der irakischen Übernahme und dem Auszug des Gouverneurs und einer Reihe kurdischer Politiker hat sich das Kräftegleichgewicht verändert. (…)

Während sich die Kurden über eine Arabisierung beklagen, beschuldigen die Araber die Kurden der Kurdifizierung. Nun, da die kurdische Herrschaft vorbei ist, versucht [Rawla Hamid al-]Obeidi [die dem arabischen Komitee des Provinzialrats angehört], die Peschmerga wegen der Zerstörung arabischer Dörfer im Kampf gegen den Islamischen Staat zu verklagen. Menschrechtsorganisationen haben bestätigt, dass dutzende Dörfer in der Provinz Kirkuk dem Erdboden gleichgemacht und ihre Bewohner vertrieben wurden. Die Peschmerga stuften sie als Dörfer des Islamischen Staats ein, doch wurde die Operation auch als eine Maßnahme der Kurden zur Festigung ihrer Kontrolle über die strittigen Gebiete gesehen. Rund 82 Dörfer wurden zerstört, so Obeidi, und mehr als 22.000 Menschen vertrieben. ‚Die Peschmerga haben gegen die Rechte der dort lebenden Araber verstoßen’, fügt sie hinzu. Obeidi will, dass die Sache vor internationalen Gerichten verhandelt wird, damit die Verantwortlichen bestraft werden. Außerdem hat sie eine Kampagne gestartet, um den Dorfbewohnern die Rückkehr zu ermöglichen.

Sowohl arabische wie auch turkmenische Angehörige des Provinzialrats meinen, die Lage sei besser als zuvor, doch außerhalb des Ratsgebäudes wird diese Ansicht nicht von allen geteilt. ‚Man weiß nicht, wem man trauen kann’, erklärt der freiberufliche turkmenische Journalist Omar Hilali. ‚Zuvor fürchtete man die Kurden. Jetzt könnte jeder einen festnehmen.’ (…)

In den ersten Wochen nach der Übernahme gab es zahlreiche Vergeltungsangriffe. Tausende kurdische Wohnungen wurden geplündert und zerstört, nachdem deren kurdische Bewohner aus der turkmenisch-kurdischen Stadt Tuz Khormato geflohen waren. Im Anschluss wurde eine kurdische Widerstandsgruppe gebildet, um gegen die schiitischen Milizen zu kämpfen, die die Gegend kontrollieren. Hilali sorgt sich um die prekären Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen in Kirkuk. ‚Zuvor nahmen wir an, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Teilen seien stark. Nun wissen wir, dass sie schon bei geringstem Druck brechen können.’ Amin meint auch, dass die Konflikte zwischen den Gruppen sich verschlimmert haben. ‚Die verschiedenen Gruppen bewegen sich immer weiter voneinander weg.’“ (Judit Neurink: „Three months after Baghdad took control, tensions high in Kirkuk“)

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