Die Forderung nach einem Ausschluss Israels aus dem Eurovision Song Contest löst kein einziges Problem im Nahen Osten, sagt aber viel über die europäische Lust am moralischen Hochmut aus.
Israel wird beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien antreten, wie der Veranstalter des Wettbewerbs, die Europäische Rundfunkunion (EBU), mitteilte. Ein Vorgang, der in früheren Jahren kaum mehr als eine Randnotiz gewesen wäre, genügt heute, um eine Reihe europäischer Staaten in moralische Alarmbereitschaft zu versetzen. Noch bevor die Bühnenbilder geplant sind, kündigen Spanien (einer der Top-Geldgeber des ESC), Irland, die Niederlande und Slowenien an, sich von der Eurovision zurückzuziehen und keine Kandidaten zu entsenden. Belgien, Island, Schweden und Finnland erwägen ebenfalls Boykotte, haben aber noch keine abschließende Entscheidung getroffen.
Jens Balzer beschreibt in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit den ESC als »zerstört« und in »Spaltung und Katastrophe« endend. Er kritisiert die »Logik des Boykotts« als destruktiv, unter einer Fahne des vermeintlich moralischen, politischen Aktivismus, der sich seit Jahren besonders gegen Israel und israelische Künstler richtet. Der Rückzug traditionsreicher Nationen drohe den Wettbewerb in Wien massiv zu beschädigen.
Und damit nicht genug: Es bedarf keiner großen Fantasie, um zu erahnen, dass das Auspfeifen von Yuval Raphael beim letzten ESC in Basel als Vorbote dafür dient, womit israelische Künstler auch in Wien möglicherweise zu rechnen haben werden.
Bei Daniel Bax in der taz wird der ESC umstandslos zur »Showbühne der Doppelmoral« und Israel zum pars pro toto eines Staates, der angeblich »massive Kriegsverbrechen« begehe. Selbstverständlich im direkten Vergleich mit Russland – ein Vergleich, der bei Bax als moralischer Referenzpunkt herhalten muss. Deutschland wiederum erscheint als Komplize, der mit »schützender Hand« Israels Premierminister Benjamin Netanjahu decke.
Dass das ESC-Line-up seit Jahrzehnten Staaten umfasst, deren Regierungen man leicht als »problematisch« bezeichnen könnte – von Aserbaidschan über Belarus bis hin zu Moldau und Armenien –, spielt in seiner Argumentation keine Rolle. Die Überdehnung des Formats zu einem moralischen Großgericht ist dabei so durchsichtig wie unproduktiv. Man gewinnt den Eindruck, es gehe weniger um Musik als darum, einen zusätzlichen Resonanzraum für altbekannte Anklagen gegen Israel zu schaffen.
Bax, von dem freilich nichts anderes zu erwarten war, ist damit in bester Gesellschaft. In den sozialen Medien erklingt eine anschwellende Begleitmusik dieser Sorte, und selbstverständlich darf dort auch Francesca Albanese nicht fehlen. Die UNO-Sonderberichterstatterin nennt den ESC kurzerhand in »Eurovicious« um und nutzt den Anlass, um Israel einmal mehr zum Genozid-Staat zu erklären. Auch die Bildsprache ihres Posts – blutige Tropfen, gebrochenes Herz, das anklagende Wortspiel »Genovision« – folgt einer vertrauten Dramaturgie mit maximaler moralischer Aufheizung bei minimaler analytischer Substanz.
Judenhass quillt aus jedem Wort.#GenocidLüge#SanctionizeAlbanese https://t.co/s0YOBdizXP
— Philipp Hartig (@hartig_philipp) December 8, 2025
Aussonderung Israels
Zu den wenigen Stimmen, die das emotionale wie politische Paradox dieser Debatte benennen, gehört die israelische ESC-Ikone Dana International. Die Sängerin, die 1998 mit »Diva« Popgeschichte schrieb, reagiert auf die Boykottdrohungen mit bitterem Humor. Länder, die Israel einst fahnenschwenkend begrüßten, wenden sich ab, nicht trotz, sondern wegen jenes liberalen gesellschaftlichen Modells, das Tel Aviv mit seiner Pride-Kultur seit Jahren verkörpert.
Allerdings spart sie dabei nicht mit Selbstkritik: Wer, wie Teile der israelischen Rechten, den Konflikt nur im Modus der Eskalation denkt, dürfe sich über den Preis nicht wundern, der dafür auf dem internationalen PR-Parkett zu zahlen sei. Eine solche Ambivalenz, mit kritischer Loyalität statt mit ritualisierter Empörung, findet man medial dieser Tage allerdings selten.
Die Forderung nach einem Ausschluss Israels löst kein einziges Problem im Nahen Osten, sagt aber viel über die europäische Lust am moralischen Hochmut aus. Würde die Teilnahme am ESC tatsächlich nach einem Menschenrechte-Strafregister vergeben, stünde mindestens die Hälfte Europas draußen vor der Tür. Die Selektivität ist der Punkt: Empörung entfaltet sich zuverlässig dort, wo »Israel« draufsteht, ganz unabhängig von Maßstab oder Kontext.
Dabei bleibt der Eurovision Song Contest, bei aller politischer Aufladung, ein popkulturelles Großereignis und gerade kein geopolitischer Gerichtshof. Für manche Akteure mag ein Boykott ein wohliges Gefühl moralischer Konsequenz erzeugen, er ändert substanziell nichts. Außer, dass er letztlich jene Länder aus dem Wettbewerb herausnimmt, die sich durch den demonstrativen Verzicht auf eine Teilnahme besonders tugendhaft inszenieren möchten und sich damit vor allem selbst vom Ereignis isolieren.
Und dann gibt es noch jene, die fordern, anstelle Israels müssten die Palästinenser beim ESC vertreten sein. Ihnen hat der selten um bitterböse, aber treffende Kommentare verlegene X-Account »The Mossad: Satirical and Awesome« geantwortet: »Nein, danke. Wir haben alle gesehen, was sie auf Musikfestivals machen.«
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— Maverick 🇺🇦🇮🇱🗽 (@FHMaverick) December 6, 2025






