Seit Lisa Wegenstein ihr Lokal zur israelischen Fanbase beim Song Contest gemacht hat, erlebt sie eine emotionale Achterbahnfahrt.
Die Idee war einfach: Im Zuge des in Wien stattfindenden Eurovision Song Contest 2026 übernehmen Wiener Caféhäuser gewissermaßen die Partnerschaft für die am Gesangswettbewerb teilnehmenden Länder und machen sich zu Treffpunkten der jeweiligen Fans. In einer Art Losverfahren bekamen die Gaststätten, die sich beworben hatten, bei einer Präsentation am 16. April die Länder zugeteilt, die sie bewirten sollten.
Die charmante Idee hatte nur einen Haken: Das Teilnehmerland Israel kam bei der Verlosung nicht vor, ja, wurde nicht einmal erwähnt. Der jüdische Staat sei nicht absichtlich ausgeschlossen worden, betonen der ORF, der Klub der Wiener Kaffeesieder und das Echo Medienhaus. Es habe sich nur niemand gefunden, der die Fans des israelischen Interpreten habe beherbergen wollen. Es ist eine zutiefst wienerische Geschichte: Alle meinen es gut, niemand will Böses – und am Ende bleiben die Juden übrig.
Fanbase im Museumsquartier
Damit konnte und wollte sich Lisa Wegenstein nicht abfinden. Die Gründerin sowie langjährige Geschäftsführerin des Menschenrechts-Filmfestivals »This Human World« beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Antisemitismus und hatte insbesondere nach dem 7. Oktober 2023 mit dem in der Kunst- und Kulturszene weit verbreiteten Hass auf Israel zu kämpfen. Nachdem zwei andere Lokale, die kurzzeitig im Gespräch waren, es letztlich doch nicht machten, übernahmen Lisa Wegenstein und ihr Mann Johannes die Rolle des Hosts für die Fans des israelischen ESC-Beitrags. Sie betreiben gemeinsam die »Kantine« im Wiener Museumsquartier.
Dass die Reaktionen darauf nicht durchgängig erfreut waren, wäre eine starke Untertreibung. Von der Leitung des Museumsquartiers, so erzählt Wegenstein in einem Donnerstagmittag geführten Gespräch, sei nur zu hören gewesen, das sei »ein Wahnsinn und ein riesiges Sicherheitsproblem«. Per E-Mail sei ihr dann noch mitgeteilt worden, dass sie sich um Sicherheit »selbst kümmern müssen«.
Den Wegensteins wurde vorgeworfen, »eine Bedrohung« ins Museumsquartier zu bringen, was Lisa entschieden zurückweisen möchte: »Das ist Victim Blaming.« Wir bringen keine Bedrohung, die Gefahr ist woanders. Dass Juden in Wien nicht offiziell zwei Wochen lang feiern können, ist eine Schande für diese Stadt.«
Aber klar ist, dass es Sicherheitsmaßnahmen braucht. Die müssen allerdings von den Veranstaltern auf die Beine gestellt werden, denn von offizieller Seite, sei es des Bundes, sei es der Stadt Wien, gibt es bislang kaum Unterstützung. Und für das Wenige, das bis jetzt zugesichert wurde, muss gezahlt werden. Schon jetzt ist klar, dass mit Kosten in der Höhe von etlichen Tausend Euro zu rechnen ist, für die irgendjemand aufkommen muss – denn schließlich muss die Sicherheit sowohl der Gäste als auch der Mitarbeiter der Kantine gewährleistet werden.
Verstärkt wird die Sicherheitssituation noch durch unverständliche Behördenentscheidungen: Ein Protest-Songcontest, der als Gegenveranstaltung zum ESC ein ausgesprochenes Israelhass-Event sein wird, hätte ursprünglich in der Venediger Au stattfinden sollen. Jetzt wurde dessen Verlegung auf den Maria-Theresien-Platz bewilligt – direkt gegenüber vom Museumsquartier und der Israel-Fanbase in der »Kantine«. Was das bedeutet, kann man sich unschwer ausmalen. »Das ist wie ein Fußtritt«, sagt Lisa Wegenstein.
Faktum ist: Im Jahr 2026 und am Rande eines internationalen Großevents, dessen sich die Stadt Wien rühmt, ist es nur mit großem privatem Aufwand möglich, einen für Juden, Israelis und Freunde eines israelischen Wettbewerbsbeitrages sicheren Ort zum Feiern zu schaffen. Die öffentliche Hand stiehlt sich aus der Verantwortung dafür, die Offenheit zu garantieren, die sie so gerne vor sich herträgt.
Emotionaler Spagat
Für Lisa Wegenstein gleichen diese Tage einer emotionalen Achterbahnfahrt. Einerseits erhält sie viel Zuspruch. Das zeigt sich schon in der knappen Stunde, die wir uns miteinander unterhalten. Immer wieder kommen Gäste in die »Kantine«, denen man sofort ansieht, dass sie nicht zufällig hier sind. Meist sind es Israelis, vielfach Touristen, die kommen, um sich zu bedanken. Und auch einige aus Funk und Fernsehen bekannte Gesichter schauen vorbei, um ihre Unterstützung zum Ausdruck zu bringen. Die mediale Berichterstattung in diesen Tagen war durchaus wohlwollend.
Manchmal kommen auch betagte Wiener Juden und Jüdinnen, die sagen, »›es wird gerade wieder so schlimm für uns‹. Das ist ein Satz, der mich vollkommen berührt und zum Weinen bringt.« Und das verweist auf die andere Seite des »emotionalen Spagats«, von dem Lisa Wegenstein spricht: auf die kalte Ablehnung, die persönlichen Angriffe und Diffamierungen, die antisemitischen Kommentare, den Hass, die Drohungen, die im Raum stehen – und die öffentliche Hand, die so tut, als ginge all das sie überhaupt nichts an.
Zusammen mit einigen Mitstreitern, darunter der ehemalige sozialdemokratische Bezirkspolitiker Götz Schrage, haben die Wegensteins binnen kürzester Zeit ein Programm für die kommenden Tage auf die Beine gestellt. »Wir haben tolle Künstlerinnen und Künstler, die hier ehrenamtlich auftreten.« Auf einem aufliegenden Flyer wird betont, dass es beim »Eurofan-Café« »nicht um Politik geht, sondern um Musik, Kultur, gemeinsam essen, trinken, singen und tanzen«. Hoffen wir, dass es dabei bleibt. Und dass bei der Stadt Wien doch noch jemand einsieht, dass auch sie eine Verantwortung für die Sicherheit der Fans des israelischen ESC-Beitrags trägt. Darauf hinweisende Gerüchte gibt es jedenfalls.






