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Was tun gegen den weltweit zunehmenden Antisemitismus?

Deborah Lipstadt, die US-Sonderbeauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus. (© imago images/ZUMA Wire)
Deborah Lipstadt, die US-Sonderbeauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus. (© imago images/ZUMA Wire)

An der Hebräischen Universität von Jerusalem sprach Deborah Lipstadt, die US-Sonderbeauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus.

Von Walter Bingham

Das meistdiskutierte Thema in der jüdischen Welt ist heute der ständig wachsende Antisemitismus. Nach einer Atempause nach der Niederlage der Nazis und der Entdeckung des Ausmaßes ihrer Gräueltaten im Holocaust ist der Judenhass wieder zum Allheilmittel für die Übel der Welt geworden. Da das Streben nach Spitzenleistungen in der von ihnen gewählten Tätigkeit eine jüdische Charaktereigenschaft ist, finden sich viele Juden in den oberen Schichten der Kunst, der Unterhaltung, der intellektuellen Berufe und sogar der Politik. Das erweckt den Anschein, als würden Juden diese Bereiche und damit die Länder, in denen sie leben, beherrschen oder kontrollieren, eine Vorstellung, die Bestandteil des klassischen historischen Antisemitismus ist.

Doch nun ist eine andere Form dieses Vorurteils entstanden, bei der die Kritik an der Politik und den Maßnahmen des Staates Israel und am Zionismus, dem uralten jüdischen Bestreben, nach Zion zurückzukehren, als Vorwand für den Judenhass dient. Mehrere westliche Länder haben es für notwendig befunden, in ihren Regierungen Stellen zu schaffen, die sich speziell mit den antisozialen Auswirkungen des Antisemitismus befassen.

Keine Illusionen über Aufklärung

Da dieses Thema in den letzten Jahrzehnten zum Gegenstand akademischer Studien geworden ist, hat die Hebräische Universität Jerusalem in Zusammenarbeit mit der US-Botschaft und dem israelischen Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten ein Seminar mit dem Titel »Neue Instrumente zur Bekämpfung des Antisemitismus« veranstaltet.

Es wäre illusorisch zu glauben, dass diese Krankheit in unserer Zeit durch rationale Argumente oder sogar durch Aufklärung über die Folgen, zu denen Antisemitismus führen kann, ausgerottet werden kann. Das kann nur der Anfang eines sehr langen Prozesses zur Beseitigung dieser Geißel sein.

Wir müssen aus der systematischen antisemitischen Indoktrination der Deutschen lernen, wo das Gift noch immer nicht ausgeräumt ist, dass es sich wie eine übersehene Restkrebszelle wieder zu einem gefährlichen Phänomen entwickelt. Das Gleiche gilt für unsere unmittelbaren Nachbarn, die Palästinenser. Sie haben sich ein Beispiel an Joseph Goebbels, dem Propagandaminister der Nazis, genommen, der sagte: »Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben« – und du wirst sie sogar selbst glauben.

Wir sollten uns also nicht der Illusion hingeben, dass wir uns in absehbarer Zeit mit den Palästinensern einigen können. Wie alle anderen Pläne zuvor landete auch Donald Trumps Deal des Jahrhunderts auf dem Müllhaufen der Geschichte.

Es besteht kein Zweifel, dass das Abraham-Abkommen, das unter Trumps Präsidentschaft ausgehandelt wurde, für immer sein Vermächtnis sein wird. Es hat nicht nur den Nahen Osten verändert, sondern auch zu einem wichtigen und erfolgreichen Handelsblock geführt, in dem Israel eine führende Rolle spielt.

US-Sonderbeauftragte

Während seiner Amtszeit als Präsident beschloss Trump, den seit Langem vakanten Posten des US-Sonderbeauftragten für die Überwachung und Bekämpfung von Antisemitismus zu besetzen. Auch sein Nachfolger, Präsident Joe Biden, hat die Bedeutung eines solchen Postens erkannt und die bekannte und angesehene Juristin, Historikerin und Pro-Israel-Aktivistin Deborah Lipstadt im Rang einer Botschafterin in dieses Amt berufen. Biden nominierte sie am 30. Juli 2021, die Ernennung wurde nach Anhörungen im Senat bestätigt und am 3. Mai wurde sie vereidigt.

Lipstadt war die Hauptrednerin des Seminars an der Hebräischen Universität am 5. Juli. Die Veranstaltung wurde von Yossi Gal moderiert, dem Vizepräsidenten der Universität, der den US-Botschafter Thomas Nides vorstellte. Dieser lobte Lipstadt zunächst für die Art und Weise, wie sie ihre Aufgabe wahrnimmt.

»Jemand hat mich gefragt, was der Unterschied zwischen Antisemitismus und einer Debatte ist. Ich habe kein Problem damit, wenn Kongressmitglieder oder Beamte über das Thema Israel, über Auslandshilfe, den Iron Dome oder Israels Verhältnis zu den Palästinensern debattieren wollen, das ist Demokratie. Man muss nicht immer einverstanden sein, aber wenn die Grenze zwischen Debatte und Antisemitismus überschritten wird, müssen wir ein Machtwort sprechen.«

»Ich bin ein liberaler Mensch, ein Reformjude, aber ich bin ein klassischer jüdischer Typ, nicht so religiös wie einige meiner jüdischen Freunde, aber es ist mir sehr wichtig, was es bedeutet, Jude zu sein. Wie man sein muss, um als Jude anderen etwas zurückzugeben, und welche die Punkte sind, über die man als Jude sprechen sollte«, sagte Nides. »Man kann pro-palästinensisch und pro-israelisch sein. Es gibt keinen Grund, warum man nicht beides sein kann, aber wenn es bei der Position zu Israel um Juden geht, um ihr Verhalten, um das, was sie tun, dann ist das eine Grenze, die man nicht überschreiten darf. Wir müssen herausfinden, wo die Grenze zwischen Redefreiheit und dem ersten Verfassungszusatz liegt (…) Ich werde nicht schweigen, wenn ich glaube, dass jemand die Grenze überschritten hat. Das können wir nicht tolerieren. Wenn wir Antisemitismus sehen, müssen wir ihn bekämpfen.«

Lipstadts Seminarbeitrag

In ihrer Rede erläuterte Lipstadt die verschiedenen verstohlenen und unverhohlenen Methoden, mit denen Antisemitismus gehegt und verbreitet wird. Sie sprach über die Ursprünge und Auswirkungen des Antisemitismus und über Methoden, ihm entgegenzuwirken:

»Wir müssen verstehen, dass Antisemitismus eine Verschwörung ist. Auf der einen Seite ist er ein Vorurteil wie andere Vorurteile auch: Wenn ein Jude etwas Falsches tut, ist das ein Beleg, dass Juden eben so wären. Wenn er etwas richtig macht, ist er eine der guten Ausnahmen.

Aber er ist andererseits auch eine Verschwörungstheorie, und das macht ihn einzigartig: die Überzeugung, dass Juden ihren Reichtum, ihre Macht und ihre Intelligenz – ihre bösartige und böse Intelligenz – nutzen, um auf der Welt Schaden anzurichten. Zeitgemäß ausgedrückt zum Beispiel, um die weiße christliche Kultur zu zerstören, indem sie Europa mit schwarzen und braunen Menschen oder Muslimen überschwemmen.«

Lipstadt zufolge sind die Befürworter dieser Verschwörungstheorie überzeugt, dass die handelnden Akteure im Vordergrund nicht schlau wären, um diese Ziele zu verwirklichen. »Es muss jemand hinter den Kulissen sein; jemand, der weiß, wie er sein böses Werk verrichten kann, ohne erwischt zu werden.« Die Leute hinter den Kulissen sind ihrer Meinung nach natürlich Juden. (…)

Sie sagte, Antisemitismus sei allgegenwärtig, bewege sich frei und tauche überall auf. Im Gegensatz zu anderen Formen von Vorurteilen kommt der Antisemitismus »aus allen Ecken des politischen Spektrums. Er kommt von rechts, links und der Mitte. Er kommt von Muslimen, Christen, Atheisten und Juden.«

Oft trete Antisemitismus in Form von anti-israelischen Ressentiments auf. Nicht jede Ablehnung Israels sei antisemitisch. »Sie kann falsch, ungerecht oder ungerechtfertigt sein, aber ich möchte betonen, dass wir in dieser Hinsicht vorsichtig sein müssen: Wenn man alles als Antisemitismus bezeichnet, schenkt einem niemand Beachtung, oder schlimmer noch – man wird abgetan. Statt die Personen, in deren Herzen wir nicht blicken können, nicht als Antisemiten zu bezeichnen. Aber wir sollten hervorstreichen, dass sie Antisemitismus verbreiten.«

Anschließend sprach Lipstadt über ihre jüngste erste Auslandsreise als Sondergesandte nach Saudi-Arabien, wo Juden schon lebten, bevor der Islam entstanden war.

»Obwohl der stellvertretende Außenminister stolz sagte: ›Ich komme aus einer Stadt mit jüdischer Geschichte, Medina‹, war das Königreich Saudi-Arabien jahrzehntelang ein großer Exporteur von Judenhass«, sagte Lipstadt.

»Ich habe festgestellt, dass sich die Dinge dramatisch verändert haben. Ich habe mit jungen Menschen gesprochen, die bereit zu sein schienen, sich mit dem geopolitischen Konflikt [um Israel] zu beschäftigen und dabei zu erkennen, dass Antisemitismus etwas anderes ist. Das war ein wichtiger erster Schritt. Es besteht die Bereitschaft, diese Gespräche fortzusetzen. Dies war erst meine erste Reise nach Saudi-Arabien. (…) Ich denke, es gibt Raum, um die Dinge voranzubringen. Es ist ein Wandel in dieser Region im Gange.«

Weitere Redner

Zu den weiteren Rednern gehörten der Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Nachman Shai, Jonathan Greenblatt, nationaler Direktor und Geschäftsführer der Anti-Defamation League, und Noa Tishby, die als Beauftragte der israelischen Regierung für die Bekämpfung des Antisemitismus tätig ist.

Shai sprach über die neue Form des Antisemitismus, »die durch die Delegitimierung des Staates Israel und die Doppelmoral gegenüber Juden gekennzeichnet ist«.

Tishby schlug die Bildung einer Task Force vor, an der Meta, Google, Amazon und Apple beteiligt sein sollten, nach dem Vorbild des Global Counterterrorism Forum. »Die Online-Delegitimierung Israels gilt als eine neue, hippe, sozial gerechte Sache«, sagte Tishby. »In bestimmten Kreisen ist sie die Norm.«

Greenblatt sprach über die alarmierende Zunahme antisemitischer Vorfälle in der ganzen Welt. Er wies darauf hin, dass es allein in den USA im vergangenen Jahr mehr als 2.700 antisemitische Hassverbrechen gegeben habe, fast dreimal so viele wie 2015. Das Abraham-Abkommen sei ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Antisemitismus, sagte er: »Das Abraham-Abkommen ist deshalb so wichtig, weil es sich um eine Diplomatie von Mensch zu Mensch handelt.«

(Der britisch-israelische Holocaust-Überlebende und Weltkriegsveteran Walter Bingham ist der älteste noch arbeitende Journalist Israels. Der Artikel ist ursprünglich im Jerusalem Report erschienen. Übersetzung von Florian Markl.)

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