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Selektiver Feminismus am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen

Demonstration zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in Berlin
Demonstration zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in Berlin (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Eigentlich soll der 25. November global auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Dazu scheinen die von der Hamas missbrauchten israelischen Geiseln jedoch nicht zu zählen, wie man in Deutschland sehen konnte.

Jüdische und israelische Frauen verschwanden am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, in Deutschland einmal mehr aus dem feministischen Blickfeld, und das gerade in einem Moment, in dem sexualisierte Gewalt kaum irgendwo so offen zutage tritt wie in den Aussagen jener Israelis, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt worden sind. Während auf zahlreichen Demonstrationen »palästinasolidarische« Gruppen den Ton angaben, wurden die Verbrechen der Hamas erneut heruntergespielt, geleugnet oder als israelische Propaganda abgetan.

Keine Jüdinnen

Eigentlich soll der 25. November global auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. In Deutschland lief das in diesem Jahr wieder einmal vermehrt auf Parolen gegen Israel hinaus, begleitet von einer vermeintlichen Solidarität mit dem »palästinensischen Widerstand«. Die Berichte israelischer Frauen über entwürdigende Gewalt passten da nicht ins gewünschte Weltbild. Stattdessen wurde der 7. Oktober 2023 auf Demonstrationen entweder direkt ausgeblendet oder zur Geschichte von israelischen »Lügen« über angebliche Vergewaltigungen umgeschrieben.

Dass gerade feministische oder menschenrechtliche Akteurinnen den sexuellen Terror der Hamas oder anderer islamistischer Netzwerke ignorieren, kann bereits seit zwei Jahren beobachtet werden. Da Israel zur kolonialistischen Tätergesellschaft erklärt wurde, finden jüdische Opfer keinen Platz.

Für israelische Frauen heißt das konkret, dass ihre Verletzlichkeit politisch unerwünscht ist. Sie stören das schlichte Täter-Opfer-Narrativ postkolonialer Bündnisse. Die spezifisch antisemitischen Diskurslinien, die Israel Dokumentierte sexualisierte Gewalt

Es liegen mehrere Berichte von UN-Gremien, internationalen Juristenteams und Menschenrechtsorganisationen zur sexualisierten Gewalt vom 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas auf Israel, vor. Der Befund ist bei allen eindeutig. In Re’im, Kfar Aza und am Nova-Festival kam es zu (Gruppen-)vergewaltigungen und sexualisierter Folter durch Hamas- und andere palästinensische Kämpfer. Die UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten sowie die UN-Untersuchungskommission stützen diese Schlussfolgerungen.

Juristische Initiativen wie das Dinah Project dokumentieren Aussagen von Ersthelfern, Militärpersonal und Pathologen. Entkleidete Frauenkörper, gefesselte Opfer, Schüsse in Genitalien, Verstümmelungen. Europäische Regierungen haben insofern darauf reagiert, als die EU etwa die militärischen Flügel der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihads ausdrücklich wegen deren sexualisierter Kriegsführung sanktionierten. Große Teile der westlichen Linken und viele Frauenrechtsgruppen dagegen verharren in beredtem Schweigen.

Mittlerweile liegen Berichte von Frauen vor, welche die Geiselhaft im Gazastreifen überlebt haben. Augenzeuginnen, die entkommen konnten und öffentlich schildern, was sie gesehen und erlebt, ja, überlebt haben: Gewalt, Erniedrigung, systematische Einschüchterung. Ihre Aussagen sind eindeutig, und trotzdem werden sie von Teilen des selektiven Feminismus ignoriert oder als unglaubwürdig abgetan. Gerade weil manche sie nicht hören wollen, sollten wir umso genauer zuhören.

Mia Schem: Eingesperrt im Käfig

Die israelisch-französische Mia Schem wurde am 7. Oktober vom Nova-Festival verschleppt. Sie berichtete von ihrer Gefangenschaft, von einem Käfig ohne Luft und Licht, in dem sie mit anderen jungen Frauen eingesperrt war, wovon jede ihre eigene Geschichte von Entführung und Gewalt hat.

Ihre Schilderungen zeigen eine totale Entmenschlichung. Verwundete ohne Versorgung, ständige Bedrohung, das Wissen um weitere Frauen, deren Erfahrungen zwischen Folter und sexualisierter Gewalt schwanken. Während in europäischen Großstädten über »imperialistischen Feminismus« debattiert wird, kämpft Mia Schem darum, dass ihre Erlebnisse überhaupt als das benannt werden, was sie waren: Gewalt gegen Frauen.

Moran Stella Yanai: Gegen die vorgesehene Opferrolle

Auch Moran Stella Yanai, ebenfalls vom Nova-Festival entführt und später freigelassen, lehnt die Rolle der rein bemitleidenswerten Überlebenden ab. Sie spricht davon, aus ihrer Erfahrung Stärke ziehen zu wollen, nicht im Sinn neoliberaler Resilienz-Rhetorik, sondern als Weigerung, sich von Tätern und einer weitgehend gleichgültigen Öffentlichkeit zum stummen Objekt degradieren zu lassen.

Ihr Beharren auf Selbstbestimmung verschleiert nicht, was dahintersteht: Wochen der Gefangenschaft, körperliche und psychische Zerstörung, das Wissen um Mitgefangene, die womöglich nie zurückkehren. Dass ausgerechnet eine Frau, die einen antisemitisch motivierten Femizid überlebt hat, um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen muss, sagt viel über den Zustand des globalen Diskurses aus.

Ilana Gritzewsky: »Eigentum« der Terroristen

Die israelisch-mexikanische Geisel Ilana Gritzewsky berichtete vor der Knesset und auch vor dem UN-Sicherheitsrat über ihre 55 Tage in den Tunneln und Wohnungen der Hamas. Sie erzählt von Schlägen, sexualisierter Erniedrigung und dem Gefühl, zum »Eigentum« der Entführer geworden zu sein. Drohungen, Berührungen, entwürdigende Kontrollen, all das, während ihr Partner Matan Zangauker weiterhin im Gazastreifen festgehalten wurde.

In New York konfrontierte sie die Staatenvertreter mit ihrer Doppelmoral. Warum werde überall zu Recht gegen sexualisierte Kriegsgewalt protestiert, aber bei jüdischen Opfern geschwiegen oder relativiert? Ihre Aussage zeigt, dass es hier nicht allein um individuelle Traumata geht, sondern um die politische Botschaft, dass Gewalt an jüdischen Frauen offenbar weniger zählt.

Selektiver Feminismus

Der Umgang vieler Aktionen, die am 25. November stattgefunden haben, offenbart mit dem 7. Oktober eine Hierarchie des Mitgefühls, in der jüdische Frauen ganz unten stehen. Wer »Believe all women« ruft und gleichzeitig die Aussagen israelischer Überlebender als Kriegspropaganda disqualifiziert, verabschiedet sich von universellen Frauenrechten und entscheidet sich für einen selektiven, antisemitisch grundierten Feminismus.

Schem, Yanai und Gritzewsky stehen stellvertretend für Dutzende bekannte und wohl zahlreiche unbekannte Fälle sexualisierter Gewalt, die in den Parolen des »Widerstands« keinen Platz haben. Das am Tag gegen Gewalt an Frauen Geschichten ausgespart wurden, verfehlt den eigenen Anspruch an solch einen Tag und marginalisiert jene, deren Körper am 7. Oktober zur Kriegsbeute islamistischer Frauenfeindlichkeit wurde.

Ein Feminismus, der jüdische und israelische Frauen ausblendet, der sexualisierte Gewalt nur dann verurteilt, wenn sie ins eigene Weltbild passt, der Antisemitismus nicht als Gewaltform anerkennen will, verabschiedet sich faktisch aus dem Kampf um universelle Rechte. Er wird zu einem identitätspolitischen Projekt, das Täter sortiert, bevor es Opfer anhört, und produziert damit genau jene Hierarchisierung, die Feminismus eigentlich bekämpfen sollte.

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