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Selbstverständlich jüdisch

Mezuza am Türrahmen. (© imago images/ZUMA Press Wire)
Mezuza am Türrahmen. (© imago images/ZUMA Press Wire)

Ein Essay über Deutschland, Israel und wachsenden Antisemitismus – persönlich, politisch und selbstverständlich jüdisch.

Nirit Cordes

Vorbemerkung: Ich bin freie Autorin und schreibe belletristisch. Die Literatur ist mein Metier und meine Herzensangelegenheit. Herzensangelegenheit ist für mich aber auch und vor allem das Wohlergehen meines Volkes – des jüdischen Volkes. Der 7. Oktober war für mich ein Schlag ins Gesicht. Zurzeit habe ich nicht die Muße und auch nicht das Privileg, mich im literarischen Schreiben zu verlieren. Heute ist es meine Pflicht, klar und prägnant zu schreiben und meine Stimme zu erheben, um die Wahrheit auszusprechen, die kaum jemand hören will. Der folgende Text wurde für eine deutsche Zeitung geschrieben, dort letztlich aber doch nicht abgedruckt.

Im Türrahmen eines jüdischen Hauses, ganz gleich wo auf der Welt, befindet sich eine Mezuza. Die längliche, mal aufwendig verzierte, mal schlicht gehaltene Kapsel umschließt eine kleine Pergamentrolle, auf der das wichtigste Gebet handschriftlich und mit akribischer Perfektion auf Hebräisch niedergeschrieben steht. Die Mezuza ist im oberen Drittel des rechten Pfostens angebracht und oft aufgrund ihrer künstlerischen Gestaltung ein Blickfang. Aber auch dann, wenn sie sich optisch nicht abhebt und sich in den Türrahmen zu schmiegen scheint, schenken jüdische Menschen ihr Aufmerksamkeit. Der Inhalt des Gebetstextes ist von größter Bedeutung und verweist auf das Innere des Hauses.

Wenn ich die Haustür aufschließe, die Mezuza im rechten Augenwinkel, bin ich zu Hause angekommen. Am liebsten aber laufe ich an der Mezuza vorbei, wenn ich mich auf den Weg zum Flughafen mache, um nach Israel zu fliegen. Dann nämlich bin ich auf der richtigen Spur. Oft ist es die Überholspur, denn als Israelin bin ich nicht selten spät dran. In Richtung Nahost zu fliegen, ist für mich natürlicher Bestandteil meines Lebens. Ich vergesse nie, die Mezuza zu berühren, bevor ich das Haus verlasse. Es ist ein Innehalten, ohne anzuhalten, nicht nur aufgrund der drängenden Zeit, sondern hauptsächlich, weil die Vorfreude mich dermaßen mit Adrenalin befeuert, dass ich es kaum noch erwarten kann, durchzustarten. Ich habe noch nie meinen Flieger verpasst.

Sehnsuchtsort und harte Realität

Geburtsurkunde von Sara Levy, der Mutter der Autorin. (Quelle: privat)
Geburtsurkunde von Sara Levy, der Mutter der Autorin. (Quelle: privat)

Meine Familie lebt seit unzähligen Generationen im Land Israel. Die Geburtsurkunde meiner Mutter, die 1938 in der Kleinstadt Afula geboren wurde, ist zweisprachig. Auf Englisch ist der Geburtsort als »British Palestine« verzeichnet, auf Hebräisch steht daneben »Eretz Israel« – das Land Israel.

Ich selbst bin in Deutschland aufgewachsen und habe als Kind jedes Jahr die gesamten Sommerferien in Israel verbracht, sie waren für mich der Höhepunkt des Jahres. Einmal hatten meine Eltern die aberwitzige Idee, mit dem Auto nach Israel zu fahren. Als wir in Deutschland auf die Autobahnauffahrt fuhren, zeigte mein Vater auf den blauen Wegweiser und rief aus: »Da steht Afula!« Für mich war dieser Scherz der einzig schöne Moment auf einer mir sinnlos scheinenden Reise.

Während meine Eltern die Landschaften Europas im Vorbeifahren genossen, konnte ich selbst für die Schifffahrt über das Mittelmeer keine Begeisterung aufbringen. In jenem Jahr waren meine kostbaren Sommerferien übel kurz. Der Weg war nicht das Ziel gewesen, weil mein Sommer sich nur auf die Zeit in Israel beschränkte, sodass vorne und hinten nichts stimmte: weder die absurde Anreise noch mein in die Länge gezogener Abschiedsschmerz auf der Fähre, die sich träge von der Küste Israels entfernte. Außerdem hatte der magische Augenblick des Landeanflugs gefehlt. Jener, in dem ich das Land aus der Höhe erblicke, wenn es endlich im Ausschnitt des Flugzeugfensters erscheint. Bei Nacht ist er unübertroffen, denn dann wirken die Lichter Tel Avivs, die nach der schwarzen Oberfläche des Meeres plötzlich auftauchen, wie gespiegelte Sterne am Nachthimmel.

Israel ist für mich nicht nur Kindheitserinnerung, nicht nur nostalgischer Sehnsuchtsort, sondern auch harte Realität. Als Studentin war ich ein Semester an der Hebräischen Universität Jerusalem eingeschrieben und mir der Willkür des palästinensischen Terrors absolut bewusst. Selbstmordattentäter wählten zu jener Zeit vorzugsweise Linienbusse für Anschläge, denn sie deckten das gesamte öffentliche Verkehrsnetz ab, auch den Fernverkehr.Wenn ich am Freitagvormittag im vollbesetzten Bus in den Norden Israels fuhr, wo meine Familie lebt, wusste ich durchaus, dass mein Bus explodieren könnte. Und doch hat mich diese Angst nie beschlichen. Teils sicherlich aufgrund meiner Jugend, die sich bekanntlich für unsterblich hält, hauptsächlich aber, weil ich mich in Israel immer schon sicher gefühlt habe.

Schwarzer Schabbat

Dann kam der 7. Oktober 2023, der schwärzeste Tag in der Geschichte Israels. Der blinde Hass, der sich an diesem Tag durch Israel fraß, verschonte niemanden, der sich ihm in den Weg stellte. Keinen jüdischen, muslimischen oder christlichen Israeli, keinen Gastarbeiter und auch nicht Touristen.

An diesem Tag habe ich mich von meiner Heimat entfremdet. Meiner deutschen Heimat. Große Teile der deutschen Öffentlichkeit verweigerten Israelis die Empathie, mit wenigen, aber wichtigen Ausnahmen, wie der FDP-Politikerin Karoline Preisler. Sicherlich gibt es viele Deutsche, die mit Israel fühlen, aber ihre Stimmen sind viel zu zaghaft. In einzelnen Gesprächen und wenigen überdauernden Freundschaften finde ich gelegentlich Halt. Das allgegenwärtige Schweigen aber hat mir eine Grenze aufgezeigt. Dieselbe Grenze wird von der hochmoralischen Anti-Rassismus-Szene gezogen, die jüdisches Leben nicht impliziert und offensichtlich nicht als schützenswert erachtet. War ich in Deutschland jemals beheimatet?

Menschen, die das Leben in Israel wertschätzen, tun dies aus unterschiedlichen Gründen. Israel ist reich an Geschichte und arm an natürlichen Ressourcen. Es ist eine Demokratie und eine Hightech-Nation mit hohem Bildungsstandard. Nicht wenige Bürger haben Mühe, für die Lebenshaltungskosten aufzukommen. Und doch steht Israel mit an der Spitze der glücklichsten Nationen. Was Israelis eint, ist das Gefühl, sich am richtigen Ort zu befinden. Es lässt sich schwer in Worte fassen.

Viele, die sich im Oktober 2023 im Ausland aufhielten, nahmen, ohne zu zögern, den nächsten Flieger nach Hause, um die Existenz ihres Landes als Reservisten oder auf andere dienliche Art zu verteidigen. Mit ehrlicher Ironie lässt sich die Rückreise ins terrorgebeutelte Israel als Rettungsflug bezeichnen. »Was am 7. Oktober geschah«, so Natan Sznaider, der genau wie ich jeden Morgen 843 Tage am 7. Oktober 2023 aufgewacht ist, »bildet nicht nur eine Zäsur in der israelischen Geschichte, sondern wird zum Teil des transnationalen jüdischen Schicksals«.

Im Alter von neunzehn Jahren wanderte eine junge Deutsche nach dem 7. Oktober in Israel ein und meldete sich freiwillig zum Militärdienst. Heute ist sie Späherin am Rand zum Gazastreifen und hat sich kürzlich mit der rechtzeitigen Erkennung terroristischer Bewegungen verdient gemacht. Man rettet nicht sich selbst, sondern sein Volk. Es ist ein Überlebensinstinkt.

Einheit aus Texten

Das jüdische Volk, das lediglich knapp fünfzehn Millionen Menschen umfasst, von denen etwas über sieben Millionen in Israel leben, versteht sich als Einheit. Dieses Selbstverständnis speist sich aus Texten: Die jüdische Kultur des Wortes wurzelt in der Tora und dem Talmud und entwickelte sich weiter. Der israelische Schriftsteller Amos Oz und seine Tochter Fania Oz-Salzberger, israelische Historikerin, verweisen auf die mündliche und schriftliche Texttradition, die Juden immer und überall zu pflegen wussten. So besteht »die immanente Spannung zwischen Erneuerung und Sakrosanktem, die Mündliches und Schriftliches durchzieht, bis zum heutigen Tag«.

Autorin Nirit Cordes (Quelle: privat)
Autorin Nirit Cordes (Quelle: privat)

Das Wort verbindet Juden miteinander, und zwar über die gesamte Bandbreite jüdischer Vielfalt hinweg, die vom orthodoxen bis zum atheistischen Juden reicht. Eine säkulare jüdische Identität ist keine Besonderheit. Fälschlicherweise wird dennoch allzu oft angenommen, dass sich das Judentum auf seine Religion reduziert. Aber das tat es nie.

Bereits das antike Judentum war in eine Zivilisation eingebettet und dadurch an eine nationale Identität gekoppelt. Der Zionismus hat zwar im Gedankengut europäischer Juden wie Moses Hess, Leon Pinsker und Theodor Herzl Form angenommen, aber seinen Ursprung in Europa zu vermuten, ist ein vereinfachter Umkehrschluss. Er entstand in den Köpfen jüdischer Denker, die im Europa des 19. Jahrhunderts lebten, wo ihnen die gleichberechtigte Behandlung verweigert wurde. Pinsker betitelte die Diaspora der Juden als ununterbrochene Entwürdigung.

Dank Herzl wurde der politische Zionismus, der die Freiheit der Juden als Nation im eigenen Land anstrebte, konkretisiert. Judenverfolgungen und Judenhass, die der assimilierte Journalist Ende des 19. Jahrhunderts beobachtete, bleiben zeitlose Phänomene, die die jüdische Zerstreuung ausmachen. Der von Herzl initiierte erste Zionistische Weltkongress im Jahr 1897 pflasterte von Basel aus den Rückweg nach Zion, Synonym für die Stadt Jerusalem, wo der Grundstein für den jüdischen Staat längst gelegt war. Die Souveränität Israels ist ein schützenwertes Muss, gerade nach der Schoa, die sich in ihrer Singularität grausam hervorhebt, aber auch angesichts der neuen Fratze des immer selben Antisemitismus.

Allianz der Antisemiten

Bis zum 7. Oktober war ich als gebürtige Deutsche in zwei Ländern beheimatet. Am 8. Oktober hat Deutschland mich zur Fremden erklärt. Diesen Vorwurf möchte ich im Raum stehen lassen, und zwar in jenem Raum, in dem linker, muslimisch importierter, bürgerlicher und rechtsradikaler Antisemitismus nun noch prächtiger gedeihen.

RIAS, der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V., lieferte für den Zeitraum vom 7. Oktober bis 9. November 2023, also von den genozidalen Massakern der Hamas in Israel bis zum deutschen Gedenktag der Novemberpogrome von 1938, einen erschreckenden Bericht. (Anzumerken ist, dass Israel die Bodenoffensive in Gaza erst am 28. Oktober 2023 startete.) Im genannten Zeitraum, der sich auf etwas über einen Monat beläuft, ereigneten sich bundesweit 994 verifizierte antisemitische Vorfälle, 29 pro Tag.

Mit Bezugnahme auf Versammlungen heißt es:

»Die meisten antisemitischen Versammlungen wurden dem antiisraelischen Aktivismus zugeordnet (120). An solchen Versammlungen nahmen neben Organisationen, die sich in erster Linie der Verbreitung antiisraelischer Inhalte verschreiben, auch Gruppen und AkteurInnen aus anderen Spektren teil. So traten trotz aller sonstiger Unterschiede AkteurInnen aus dem links/antiimperialistischen sowie dem islamisch/islamistischen Spektrum, teilweise aber auch aus dem verschwörungsideologischen Spektrum gemeinsam bei antiisraelischen Versammlungen auf.«

Israel wird heute stellvertretend für das gesamte Judentum ins Visier der Hasser genommen. Wenn es vollends beseitigt sei, so glaubt man, wird die Welt von allen Problemen befreit sein. Wirklich?

Auch postfaktische, postkolonial motivierte Narrative spiegeln den Eifer wider, die historische Berechtigung Israels zu negieren. Die zeitgenössische Lüge, klein gedacht und groß skandiert, deklariert Israel als weißen Siedlerstaat. An Universitäten wird die postkoloniale Theorie immer öfter auf Israel angewandt und pseudoakademisch gelehrt. Hierbei handelt es sich um gefährliche Geschichtsrevision. Die Verbreitung antiisraelischer Propaganda an Hochschulen ist ein Leichtes, denn antiisraelische Lehre fällt im Kurrikulum unter Wissenschaft.

Im Kern immer gleich

Antisemitismus hat abermals seine Form gewechselt, er ist ein shape shifter. Im Kern jedoch ist er immer gleich. Er ist nichts als der blanke, haltlose Hass auf jüdisches Leben. Während der Zeit des Nationalsozialismus steckte der deutsche Antisemit im schwarzen Ledermantel, gegenwärtig hüllt er sich in den Deckmantel der postkolonialen Theorie. Damals vermaß er die Stirn des Juden, heute sein Land. Antisemitismus fußt nie auf Wahrheit und hat mit dem Judentum nichts zu tun. Er ist die Obsession mit ihm.

In unserer Zeit ist es leicht, Israel zu delegitimieren und als leidtragend zu ignorieren, insbesondere, wenn man sich darauf eingeschossen hat, Israel sei Aggressor. Die Mehrzahl der Berichte suggeriert dies. Der Blick auf Israel ist dann nicht verstellt, denn er fällt gar nicht erst auf das Land. Er ist in Ideologien hängengeblieben.

Die Schönheit des Landes, die Vielfalt des Volkes, die Diversität der Israelis, die Fähigkeit des Einens trotz Ambiguitäten und das Streben nach Frieden – auch unter Raketenbeschuss, der nur als erwähnenswert gilt, wenn Israel antwortet –, werden konsequent aus dem Bild gedrängt. Nicht zuletzt in der medialen Berichterstattung, deren Auslassungen folgenschwer sind. Die allgemein verbreitete Weigerung, die unverhohlene Ambition der Hamas wahrzunehmen, Israel zu vernichten und auf eben jenem Territorium einen fundamentalistischen, islamistischen Gottesstaat zu errichten – als Sprungbrett gen Westen –, bezeichnet Karl-Markus Gauß als »schuldhafte Unwissenheit«. Ebenso ist es die als Israelkritik empfundene und schlichtweg falsche Behauptung, Israel begehe einen Völkermord.

Israel garantiert die Freiheit aller Juden weltweit und ist ein partikular jüdischer Staat, der politisch auf jüdischer Souveränität beruht. Israel ist auch ein demokratischer Staat, dessen Grundrechte universale Rechte sind und für alle Staatsbürger gelten. Darum ist Israel gelebter Universalismus. Zionistische Araber und Drusen, die auf ihre Staatsangehörigkeit stolz sind und freiwillig in den IDF (Israel Defense Forces) dienen, sowie ultraorthodoxe Juden, die einzig dem Messias zugestehen, das neue Israel auszurufen, und den Wehrdienst verweigern, bilden Extreme einer vielseitigen und vielschichtigen Gesellschaft. Die kulturelle Vielfalt unterschiedlichster Herkunftsländer der Diaspora, die Juden bei ihrer Rückkehr nach Israel mit sich brachten, ist eine Bereicherung.

Außergewöhnlich ist auch die gern übersehene Tatsache, dass jüdisches Leben in Israel, wie im Falle meiner Familie, immer präsent war. Zudem stammt über die Hälfte der jüdischen Israelis in bereits zweiter und dritter Generation aus arabischen Ländern. Irakische Juden, die einst die florierende, jahrhundertealte jüdische Gemeinde Bagdads beseelten, die sich noch vor dem Islam etabliert hatte, empfanden den Verlust ihres Geburtsorts, aus dem man sie vertrieb, als schmerzlich. Heute leben genau vier Juden im Irak. Doch aus Israel wird man sie niemals mehr verdrängen. Genauso wenig die Juden Äthiopiens, die zwischen 1977 und 1985 in legendären Rettungsaktionen des Mossad Israel erreichten. Auch nicht Juden aus dem Iran, aus Indien oder aus Russland, das mit Pogromen nie zimperlich war.

Die Distanz der Diaspora wird für mich immer unerträglicher. In Deutschland lebe ich als säkulare, jüdische Israelin, die an die Partikularität und Vielfältigkeit des jüdischen Volkes glaubt. Hier schlägt der Antisemitismus wieder um sich. Es bedarf mittlerweile der Zivilcourage, sich öffentlich zu Israel zu bekennen, und des Personenschutzes, wie im Fall von Ahmad Mansour, wenn man auf politischer Bühne Israel standhaft den Rücken stärkt. Wie kann das sein?

Selbstverständliches Wunder

Meine israelische Identität werde ich nicht verstecken. Sollte dies eines Tages doch notwendig sein, dann kann sich die heute junge Generation darauf einstellen, ihren Enkelkindern Fragen beantworten zu müssen. In der deutschen Gesellschaft tritt ein Bruch zutage, da in ihr die Toleranz für jüdisches Leben, das zunehmend unsichtbar wird, kaum noch gegeben ist. Auch nimmt die Akzeptanz des Staates Israel ab. »Ich erkenne das Existenzrecht Deutschlands an«, ist ein ungewöhnlicher und seltsam anmutender Satz, mit dem der israelische Botschafter Ron Prosor eine Rede einleitete. Die Existenz Deutschlands als Demokratie, die die Alliierten nach 1945 möglich machten, lässt sich sehr wohl infrage stellen.

Der moderne Staat Israel ist für das jüdische Volk sowohl Wunder als auch Selbstverständlichkeit. David Ben-Gurion, erster Ministerpräsident, konstatierte einst: »Wer in Israel nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.« Das Wunder Israel – spoiler alert – wird als solches bestehen bleiben. Israel ist Realität. Sie ist Heimstätte mit offener Tür für alle Juden, und es ist eben diese Partikularität, die selbstverständlich jüdisches Leben ermöglicht – als einziger Staat weltweit.

Die Übersetzung für Mezuza ist übrigens Türpfosten. In meinem jüdischen Bekanntenkreis in Deutschland haben nicht wenige ihre Mezuza aus Angst vor antisemitischen Angriffen abgenommen. Während der Antisemitismus verkappt als Antizionismus in den Salons, Hörsälen und Klassenräumen wieder Platz nehmen darf und sich allmählich festsetzt, leben jüdische Menschen in zunehmender Unruhe, denn das Vertrauen in ihre Sicherheit ist in den Grundfesten bereits erschüttert. Wenn das eigene Haus einzustürzen droht, ist es ein Segen, Israel als Staat zu wissen.

Und was steht nun auf dem feinen Pergamentpapier in der Mezuza geschrieben? Das Gebet setzt sich aus zwei Textabschnitten zusammen, die dem fünften Buch Moses entnommen sind, und beginnt mit einem Imperativ: Shma Israel – Höre, Israel. So wendet sich Moses an das Volk Israel, kurz bevor dieses Kanaan erreicht. Was er ihnen mit auf den Weg gibt, sind Worte, die seither als höchstes Gesetz gelten: dem Ewigen, dem einen Gott, zu dienen, sich seine Worte auf das Herz und den Pfosten des Hauses zu schreiben, sie beständig zu bekräftigen, überall und immer, sie zu wiederholen, von ihnen zu sprechen und vor allem, sie an die Nachfahren weiterzureichen. Von Generation zu Generation.

Die Mezuza dient dem Schutz des Judentums, der Familie und des Hauses. Wenn dieses einzustürzen droht, ist Israel heute nicht mehr nur geistige, an das Wort gebundene Heimat, sondern ein konkreter Ort, verankert in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

(Nirit Cordes wurde 1974 in Hannover geboren und erhielt zur deutschen Staatsbürgerschaft auch gleich die israelische. Mütterlicherseits ist ihre Familie seit unzähligen Generationen im Land Israel verwurzelt. Cordes studierte Germanistik und Amerikanistik und arbeitet heute als Lektorin und freie Autorin. Nach fünf Jahren in China lebt sie heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hannover, das sie als »eine Heimat von vielen« bezeichnet. Sie gehört zu den Autorinnen und Autoren der Literaturagentur Gerd Rumler, die sie mit dem belletristischen Roman Frau mit Vogelvertritt. Zudem ist sie Mitglied der DIG Gifhorn.)

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