Homosexuelle in Gaza: Ständige Angst vor der Hamas

„Sein Avatar in einer Instant Messaging-App zeigt Jamal als einen glücklichen jungen Mann mit Brille und einer modischen Frisur. Doch Jamil (dies ist nicht sein richtiger Name) erzählt, dass er sich dauernd fürchtet. Sein größter Traum besteht darin, seine Heimat zu verlassen und von seiner Familie loszukommen. Der 21jährige Student aus dem Gazastreifen ist schwul und führt ein Doppelleben: Ein offenes als fleißiger Student und jüngstes Kind der Familie, das sich emsig darum bemüht, seinen alternden Eltern im Alltag unter die Arme zu greifen (indem er beispielsweise für sie einkauft und sicherstellt, dass ihr Stromgenerator funktioniert und es im Haus Wasser gibt) – und ein geheimes, von dem der überwiegende Teil in Dating-Apps und (mit verborgener Identität) in den sozialen Medien stattfindet. (…)

[Im Telefoninterview sagt Jamil:] ‚Doch der Mann, mit dem man sich [in den sozialen Medien] unterhält, könnte ein verdeckt agierender Polizist der Hamas im Gazastreifen sein. Man muss vorsichtig sein. Man muss sich mit demjenigen zunächst unterhalten, beispielsweise über Skype. Und er muss dich überzeugen, dass er nicht der Hamas angehört.’ Für einen Bewohner des Gazastreifens ist es nicht schwierig, einen Agenten der Hamas zu erkennen, wenn man ihm begegnet, erklärt Jamil. Obwohl die Hamas immer Ausschau nach Schwulen hält und die sozialen Medien überwacht, gibt es bei der Organisation auch blinde Flecken. Beispielsweise meint Jamil, sie sei mit bestimmten Apps nicht vertraut, die schwulen Männern im Gazastreifen zur Verfügung stehen, um einander kennenzulernen und mit Männern in Israel und im Westjordanland (darunter auch Juden) zu chatten. (…)

Um keinen Verdacht auf sich zu lenken, schaffen die Schwulen im Gazastreifen keine Klubs oder Gruppen. Wenn, dann treffen sie sich jeweils zu zweit in einem Café, Restaurant oder auf der Strandpromenade und sie sorgen dafür, dass sie nach Möglichkeit nirgends mehr als einmal zusammen gesehen werden. Auch zu Hause können sie sich treffen, doch setzt das natürlich voraus, dass die Angehörigen nicht zu Hause sind. Jamil erzählt, er kenne keine Lesben, und meint, es dürfte für Frauen im Gazastreifen noch viel schwieriger sein, gleichgeschlechtliche Beziehungen zu führen. ‚Die Frauen sind so vielen Beschränkungen unterworfen, überall werden sie kontrolliert’, erklärt er. ‚Frauen trauen sich nicht, über derartige Dinge zu sprechen, auch nicht untereinander.’

In keiner der arabischen Gesellschaften im Nahen Osten können Homosexuelle offen leben. Das gilt nicht nur für den Gazastreifen, sondern auch für das Westjordanland und die arabischen Städte und Dörfer in Israel. Das heißt aber natürlich nicht, dass es in diesen Gesellschaften keine Schwulen und Lesben gibt. (…) Jamil meint, dass es trotz des Risikos der gesellschaftlichen Ächtung jede Menge Schwule im Gazastreifen gebe. Die Zahl der Männer, die sich in heimlichen schwulen Beziehungen befinden, nehme ständig zu. ‚Ich kenne ungefähr 150 Schwule im Gazastreifen, die ich alle in den letzten vier Jahren getroffen habe’, schreibt er in einer Onlinenachricht. Am Telefon fügt er hinzu, es sei schwierig, im Gazastreifen ein Geheimnis zu wahren. Gerüchte breiteten sich schnell aus und jeder wisse alles über seine Mitmenschen. (…) ‚Ich unternehme alles Mögliche, um den Gazastreifen verlassen zu können’, erzählt Jamil. Als ich ihn frage, vor wem er sich mehr fürchtet, vor seinem Bruder [der vor einiger Zeit Verdacht schöpfte und ihn zu bedrohen begann] oder der Hamas, antwortet er: ‚vor beiden’.“ (Liza Rozovsky: „What It’s Like to Be Gay in Gaza: Meeting Israelis on Dating Apps, Evading Hamas and Plotting Escape“)

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