Das iranische Regime wollte mit seinen Angriffen auf Israel neue Regeln in der Region etablieren. Israel hat dem eine klare Absage erteilt.
Glaubt man den Analysen hiesiger Medien, dann ging es beim jüngsten iranisch-israelischen Schlagabtausch Anfang der Woche vor allem um Benjamin Netanjahu, Donald Trump und das amerikanisch-israelische Verhältnis. Der wechselseitige Raketenbeschuss habe gezeigt, »dass Trump die Dinge in der Region entglitten sind«, war etwa im Kurier zu lesen. Israels Premier kümmere sich »schon längst nicht mehr darum, was der US-Verbündete will«, Netanjahu wolle »das Mullah-Regime … in Grund und Boden bomben« und sei »kaum mehr einzuhegen«.
Ganz in diesem Sinne schrieben die Salzburger Nachrichten: »Netanjahu tanzt nicht nach Trumps Pfeife« (9. Juni). Und in der Kronen Zeitung hieß es: »Wer ›Bibi‹ Netanyahu zum Freund hat, braucht keinen Feind mehr. ›Bibi‹ führt Krieg, ob es Trump passt oder nicht. In dessen Schlauheit findet Trump seinen Meister.« Der US-Präsident werde »von ›Bibi‹ blamabel vorgeführt«. (9. Juni)
All diesen Versuchen, das Geschehen einzuordnen, war eines gemein: Sie verfehlten, worum es bei den iranischen Angriffen auf Israel und den israelischen Reaktionen darauf wirklich gegangen ist. Nicht auf dem angeblichen Ende der vermeintlichen »Bromance« zwischen Trump und Netanjahu hätte das Hauptaugenmerk liegen müssen, sondern auf dem Versuch des iranischen Regimes, die Regeln in der Region neu zu schreiben – und auf der strategisch notwendigen israelischen Antwort, die lautete: Nicht mit uns.
Ein iranischer Krieg
Hintergrund der jüngsten Auseinandersetzung ist der Krieg zwischen der Hisbollah und Israel, der begonnen hat, als die islamistische Terrororganisation Israel am 2. März unter seitdem anhaltenden Raketen- und Drohnenbeschuss nahm. Israel hat sich diesen Krieg nicht ausgesucht, sondern er wurde ihm von den libanesischen Handlangern des iranischen Regimes aufgezwungen.
Libanesische Interessen spielten bei der Entscheidung zum Angriff auf Israel nicht die geringste Rolle. Eine Mehrheit der Libanesen wäre die von außen gesteuerte Hisbollah lieber heute als morgen los, und die libanesische Regierung meint es so ernst wie nie zuvor mit ihrem Vorhaben, die Terrorarmee zu entwaffnen. Dass sie daran auch nur denken kann, hat sie nicht der vielbeschworenen »internationalen Gemeinschaft« oder den im Land anwesenden UNIFIL-Truppen zu verdanken, die seit Jahrzehnten unfähig sind, ihre Mission zu erfüllen, sondern einzig und allein der Schwächung der Hisbollah durch Israel im Krieg im Herbst 2024.
Israel steht aktuell nicht mit dem Libanon im Krieg. Dieser ist nur, neben der permanent unter Raketen- und Drohnenterror stehenden Zivilbevölkerung im Norden Israels, der Hauptleidtragende von Entscheidungen, die in Teheran getroffen werden.
Doppeltes Spiel
Die dortige Führung spielt seit Beginn des Waffenstillstands mit den USA am 8. April ein doppeltes Spiel: Einerseits versucht sie ständig, den Krieg gegen die USA mit dem israelischen Vorgehen gegen die Hisbollah zu verknüpfen. Immer wieder sagen iranische Unterhändler, ein Ende des Krieges mit den USA sei nur möglich, wenn auch im Libanon Ruhe herrsche.
Andererseits hat das iranische Regime nichts unternommen, um den Krieg dort zu beenden. Alles, was es dazu hätte tun müssen, wäre gewesen, seinen lokalen Handlanger, die Hisbollah, zurückzupfeifen. So wenig es den aktuellen Krieg im Libanon je gegeben hätte, wenn das iranische Regime der Hisbollah nicht die Angriffe auf Israel angeordnet hätte, so rasch wäre er zu beenden, wenn es die entsprechende Anweisung gibt.
Aber das iranische Regime hat erkannt, dass es den Libanon benutzen kann, um einen Keil zwischen die USA und Israel zu treiben. Das iranische Regime sieht, wie verzweifelt Donald Trump darum bemüht ist, einen Deal – irgendeinen Deal – mit Teheran zu schließen, und setzt darauf, dass der irrlichternde und offenkundig komplett überforderte US-Präsident entweder seinem israelischen Verbündeten in die Arme fällt oder mit diesem bricht.
Keine neuen Regeln
Mit den Raketenangriffen auf Israel am vergangenen Sonntagabend ging das iranische Regime jedoch einen strategisch bedeutsamen Schritt weiter. Denn nun erklärte es das israelische Vorgehen gegen die Hisbollah im Libanon zum Grund für direkte iranische Angriffe auf Israel. US-Präsident Trump spielte ihm dabei in die Hände, als er Israel zuerst aufforderte, überhaupt nicht auf den iranischen Beschuss zu reagieren.
Hätte Israel dem Folge geleistet, so hätte das nichts anderes als die Etablierung neuer Regeln in der Region bedeutet: De facto wäre die Hisbollah unter Immunität gestellt worden. In Zukunft hätte sie freie Hand gegen Israel, ohne israelische Gegenschläge befürchten zu müssen, weil jede israelische Reaktion sofort wieder Raketenbeschuss aus dem Iran hervorzurufen drohte.
Keine israelische Regierung könnte eine derartige Beschneidung der israelischen Selbstverteidigungsfähigkeit akzeptieren. Hier ging es nicht um Trump oder das amerikanisch-israelische Verhältnis, sondern um die absolute Notwendigkeit, die Freiheit des jüdischen Staats zu erhalten und gegen tödliche Bedrohungen vorgehen zu können.
Deshalb hat Israel mit zwei Schritten klargemacht, dass es die neuen Regeln nicht akzeptieren wird, die das iranische Regime aufzustellen versuchte. Erstens setzte es sich über Trumps Forderungen hinweg und unternahm direkte Gegenschläge auf Ziele im Iran. Und zweitens machte es mit Operationen gegen die Hisbollah in der libanesischen Hafenstadt Tyros klar, dass es auch keine implizite Beschränkung seiner Handlungsfähigkeit geben wird – weder durch das iranische Regime noch durch einen US-Präsidenten, der wahrscheinlich noch immer nicht verstanden hat, wie und wozu die Iraner ihn benutzen wollten.






