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Schiitische Milizen im Irak: Wie die Befreier von Mossul zu Besatzern wurden

Vier Jahre nach der Befreiung vom IS: Kinder in den Trümmern der irakischen Stadt Mossul
Vier Jahre nach der Befreiung vom IS: Kinder in den Trümmern der irakischen Stadt Mossul (© Imago Images / Xinhua)

Zivilisten in der irakischen Stadt Mossul beklagen sich über die Macht der Milizen, die sie von der islamistischen Terrorgruppe IS befreit haben, danach aber selbst zu Besatzern wurden.

Judit Neurink, Al-Monitor

Mossul ist eine Stadt in einem ölproduzierenden Land, die unter Benzinknappheit leidet, sodass sich in der zweitgrößten Stadt des Irak lange Autoschlangen vor den Tankstellen bilden. Dies ist eine der Folgen der Präsenz schiitischer Milizen in der mehrheitlich sunnitischen Stadt, die sie 2017 vom Islamischen Staat (IS) befreit haben.

„Es fühlt sich an wie eine neue Besatzung“, sagt der Ingenieur Muaamar Sameer Saadoon, der in Mossul Elektrogeräte importiert und installiert. Sein Unternehmen hat die IS-Besetzung nur knapp überlebt, aber die Befreiung hat nicht viel Erleichterung gebracht.

„Daesh verlangte einen Prozentsatz der Einnahmen von Unternehmen wie meinem“, sagt er und benutzt dabei die lokale Abkürzung für den IS. „Bei Daesh waren das zehn Prozent. Jetzt müssen wir 14 bis 15 Prozent an die Milizen zahlen.“

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Für den IS war Erpressung eine wichtige Einnahmequelle, und auch Al-Qaida vor ihm hat sich daran beteiligt, ebenso wie die irakischen Sicherheitskräfte. Der Unterschied sei, so Saadoon, dass vor der Machtübernahme des IS im Jahr 2014 die Angst, erwischt zu werden, die Beamten zurückhielt.

Doch als der IS offen Geld – in seinem Vokabular „Steuern“ – für eine Vielzahl von Dingen verlangte, verflüchtigte sich diese Angst bald. „Es ging so weit, dass der IS sich mit den Beamten zusammentat und einen Teil des Erpressungsgeldes übernahm.“

Saadoon hat keine andere Wahl, als zu zahlen, sonst könnte er seine Waren nicht durch die Kontrollpunkte bringen, die von den Milizen betrieben werden und den Zugang zur Stadt kontrollieren.

Das erklärt auch, wie die Tankwagen mit dem Benzin, das Mossul von den irakischen Raffinerien erhält, die Stadt wieder verlassen können, damit das Benzin dann in der Region Kurdistan oder sogar im Iran verkauft wird. Und während die Milizen reich werden, stehen die Zivilisten von Mossul Schlange.

Die Mitglieder der „Brigade 30“ – allesamt Kämpfer der schiitischen Minderheit der Shabak – haben ein Monopol auf Metallschrott, der nach jedem Krieg im Irak eine wichtige Einnahmequelle darstellt.

Und in Anbetracht des Ausmaßes der jüngsten Zerstörungen, insbesondere in Mossul, ist Schrott eine wichtige Einnahmequelle. Entlang der Hauptstraße von Kurdistan nach Mossul, die durch das Gebiet der Shabak führt, stapelt sich daher der Schrott. Auf den Autowracks und dem verbogenen Metall wehen triumphierend schiitische Fahnen.

Die Shabak sind eine ethnische Gruppe mit über einer Viertelmillion Mitgliedern, die lange Zeit in der Ninive-Ebene und in Mossul in relativem Frieden gelebt hat. Während des Kampfes gegen den IS schlossen sich ihre Kämpfer den Popular Mobilization Forces (PMF) und anderen Milizen an.

Nach der Befreiung blieben sie, um Polizei und Armee bei der Sicherung der sunnitischen Gebiete zu unterstützen. So gelang es ihnen, sich von einer Minderheitengruppe zu einem mächtigen Akteur zu entwickeln. (…)

Gegen die Praktiekn zu protestieren sei nicht möglich, sagt Saadoon, man würde riskieren, entführt zu werden. Oder, wie das erfolgreiche Restaurant Abu Leila in West-Mossul, das sich weigerte, die korrupten Beamten zu bezahlen, zum Opfer eines Bombenanschlags. Das schwer beschädigte Restaurant hat seither nicht wieder geöffnet.

Die Gelder, die aus Bagdad für den Wiederaufbau fließen, stellen eine weitere Einnahmequelle für die Milizen dar, weshalb große Teile von Mossul auch immer noch in Trümmern liegen. Der Wiederaufbau erfolgt hauptsächlich durch private Kredite, die von Bürgern und Geschäftsleuten aufgenommen wurden, und durch Hilfe von außen.

„Wir sollten den internationalen NGOs für die Hilfe danken“, sagt Saadoon, „Aber jeder weiß, dass auch sie einen Teil ihrer Hilfsgelder an die Milizen abführen müssen.“

Die Unbeliebtheit der Milizen in Mossul ist teilweise auf die Spannungen mit dem Iran zurückzuführen. Das Nachbarland, das die irakischen Milizen ausbildet und bezahlt, war viele Jahre lang der Hauptfeind des Irak. Und mit seinen Militärakademien war Mossul lange Zeit die militärische Hauptstadt des Irak: die Armee, die gegen die Iraner kämpfte, wurde hier ausgebildet.

So herrscht in der sunnitischen Stadt ein stiller Zorn gegen die allgegenwärtigen grünen und roten Banner mit den Bildern des Schwiegersohns und des Enkels des Propheten Mohammed, die von den Schiiten als die einzig rechtmäßigen Nachfolger des Propheten betrachtet werden.

Derselbe stille Zorn herrscht gegen die Plakate des iranischen Generals Qasem Soleimani und des irakischen PMF-Führers Abu Mahdi al-Muhandis, die eng zusammenarbeiteten, bevor sie 2020 von einer amerikanischen Drohne getötet wurden. Für viele Sunniten symbolisieren sie die iranische Macht im Irak; die positive Rolle, die sie im Kampf gegen den IS gespielt haben, ist längst vergessen.

„Provokation in Reinkultur“, nennt es der junge Politiker Abdullah al-Nujaifi. „Jetzt haben wir auch noch eine Khomeini-Schule! Das führt dazu, dass sich die Menschen immer stärker unterdrückt fühlen. Es ist, als ob sie nicht mehr in ihrem eigenen Land lebten.“ (…) Nujaifis Vater, Atheel, war Gouverneur von Mossul, bevor der IS kam, und sein Onkel Osama war Vorsitzender des irakischen Parlaments.

Der junge Nujaifi macht sich Sorgen über die wachsende Macht der Milizen. Sie beherrschen jetzt sogar die Gesundheitsdirektion, sagt er. Infolgedessen wird keines der öffentlichen Krankenhäuser in der Stadt wieder aufgebaut, und die 1,5 Millionen Einwohner der Stadt müssen sich mit ein paar Notunterkünften begnügen.

Die „Brigade 30“ der Shabak teilt sich die Macht mit drei anderen pro-iranischen Milizen: Kata’ib al-Imam Ali, Hisbollah und Asaid al-Haq. Seit 2018 haben sie jeden Befehl aus Bagdad ignoriert, in ihre Basen zurückzukehren, und auch die Entscheidung der Hauptstadt, die Büros der Milizen zu schließen, hat keine Wirkung gezeigt.

Auch die Christliche Brigade 50, Kata’ib Babiliyun, ist in Mossul aktiv. Ihr Anführer, Rayan al-Khaldani, steht ebenso wie Abu Jaafar al-Shabaki von der Shabak-Brigade auf der amerikanischen Sanktionsliste, vor allem wegen der Art und Weise, wie ihre Milizen die Zivilbevölkerung durch Erpressung, illegale Festnahmen und Entführungen einschüchtern.

Der Geschäftsmann Muaamar Saadoon weist darauf hin, dass die Milizenführer angesichts des Drucks nach Möglichkeiten suchen, ihre wirtschaftliche und militärische Macht zu sichern. Aus diesem Grund haben sie im Oktober auch für das Parlament kandidiert und sogar Sitze gewonnen. „Sie wollen verhindern, dass ihnen das Geld, das sie stehlen konnten, wieder genommen wird“, sagt er.

Die Tatsache, dass der Irak nun Parlamentsmitglieder hat, gegen die internationale Sanktionen verhängt wurden, sei eine Schwächung des irakischen Staats, sagt Nujaifi. „Menschen, die ihr Vertrauen in die Regierung verloren haben, sehen keine andere Lösung, als sich direkt an die Milizen zu wenden, um ihre Probleme zu lösen. Und genau da sind wir gelandet.“

(Aus dem Artikel How Mosul’s liberators became occupiers, der in der bei Al-Monitor erschienen ist. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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