Scheitern Erdogans neo-osmanischen Träume an der Wirtschaftskrise?

„‚Wir müssen überall dort sein, wo unsere Ahnen einst waren‘, erklärte [Erdogan] im November 2012. Es war eine Rede, in der er seine Zukunftsvision, die Motivation seiner Außenpolitik beschrieb. ‚Wir sind bewegt von dem Geist, der das Osmanische Reich gründete‘, sagte er damals, und so denkt er noch heute. Er sieht sich als Reichsgründer. Am deutlichsten ist das im Nahen Osten zu sehen. Türkische Truppen stehen in Syrien, im Irak und sind auch im Emirat Katar stationiert. Eine in den letzten zehn Jahren stark aufgerüstete türkische Kriegsmarine wird als Drohpotenzial eingesetzt gegen Griechenland, Südzypern und Israel. Aber auch den Balkan und Südosteuropa, die einstigen europäischen Besitzungen des Osmanischen Reiches, will Erdogan als Einflusssphäre gewinnen. Nicht mithilfe von Waffen, sondern durch Geld. Durch Kultur- und Religionsförderung, Schulen, Studentenwohnheime, Investitionen, Kredite. Damit sind Geldflüsse von so ansehnlichem Ausmaß verbunden, dass sie für die betroffenen Gemeinden durchaus auch wirtschaftliche Bedeutung haben. Vor allem aber geht es um eine symbolische Landnahme in einem Stil, den einst die Osmanen pflegten.

In der albanischen Hauptstadt Tirana entsteht auf türkische Kosten eine riesige Moschee, die 2019 fertig werden soll. Im Jahr 2015 unterschrieb die rumänische Regierung ein ähnliches Abkommen mit Ankara, über den Bau einer Megamoschee für 2000 Gläubige. 2017 veröffentlichte das türkische Religionsdirektorat Diyanet die Pläne. Während Diyanet das Instrument der türkischen Religionsförderung ist – sie betreibt auch Moscheen und bezahlt Imame in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern –, läuft die Kulturförderung über eine Agentur mit dem Kürzel Tika, die sich sowohl mit Kultur als auch technischer Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe befasst. Sie ist unter Erdogan zu einem Instrument der Außenpolitik ausgebaut worden. Tika lässt Moscheen und Baudenkmäler aus der osmanischen Zeit in Südosteuropa restaurieren und unterstützt Forschungen, die in Ungarn zum Fund der Todesstätte Sultan Süleyman des Prächtigen führten. (…)

Seit 2016 allerdings stagniert die türkische Expansion in Südosteuropa. Die Gründe sind der Putschversuch 2016, die Migrationskrise ab 2015 und die Wirtschaftskrise in diesem Jahr. Der Putsch hat insofern damit zu tun, als der Bau türkischer Schulen und Studentenwohnheime in Südosteuropa von der Gülen-Bewegung getragen wurde, also von Anhängern des in den USA lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen. (…) Das knappe Geld wirkt sich aus. (…) Die Agentur Tika muss dieses Jahr mit 65 Millionen Dollar für Kulturförderung auskommen – viel weniger als früher. Angesichts der Finanzkrise ist nicht klar, wie die Regierung Ziele wie eine Verdreifachung von Investitionen in Serbien – von 1,7 auf fünf Milliarden Dollar – verwirklichen will. Politisch aber dürfte Erdogans Traum in der Region platzen. Das Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Albanien wollen in die EU, die mehr Geld und mehr Zukunft zu geben vermag als die Türkei.“ (Boris Kálnoky: „Wie Erdogan Südosteuropa kaufen will“)

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