Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors

Saudi-Arabien wird langsam westlicher

Der israelische Journalist Yoav Limor bei seinem Besuch in Saudi Arabien
Der israelische Journalist Yoav Limor bei seinem Besuch in Saudi-Arabien (Quelle: JNS)

Der aktuell vor sich gehende Wandel in Saudi-Arabien könnten ein gutes Omen für die künftigen Beziehungen zwischen Jerusalem und Riad sein.

Yoav Limor

Vergangenen Sonntag fragte mich ein junger Mann, der neben mir in einem Restaurant in Riad saß, woher ich käme. »Israel«, antwortete ich. Er lachte und ging weiter. Kurz bevor er ging, sah er mich noch einmal an und fragte: »Israel, wirklich?«. Ich sagte »ja«, worauf er antwortete: »Wow, willkommen. Wir heißen jeden hier herzlich willkommen, egal welcher Religion.«

Meine Reise nach Saudi-Arabien war eine angenehme Überraschung. Freundlich. Glücklich. Nicht einmal die Erwähnung Israels war ein Problem. Ich testete dies bei mehreren Taxifahrern und Marktverkäufern. Einige lächelten und schüttelten ungläubig oder besorgt den Kopf, andere waren neugierig und begannen ein Gespräch. Ich fragte mich, ob einer von ihnen schon einmal einem Israeli begegnet war oder Hebräisch gehört hatte, aber niemand gab uns das Gefühl, in dem Königreich, das die heiligsten Stätten des Islam beherbergt, nicht willkommen zu sein, nicht einmal für einen Moment.

Langsame Normalisierung

Der bevorstehende Besuch von US-Präsident Joe Biden in Israel und Saudi-Arabien wird aller Voraussicht nach nicht zu offiziellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern führen. Nach seiner Visite in Israel wird Biden nach Saudi-Arabien weiterreisen. Dort wird er sich in der Urlaubsstadt Dschidda mit den Staats- und Regierungschefs der Golfstaaten und weiterer wichtiger arabischer Länder treffen, vor allem aber mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, um den Boykott zu beenden, den Biden nach der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018 gegen ihn verhängt hatte.

Biden möchte, dass Riad seine Ölproduktion steigert, um die sich verteuernden Ölpreise in den Vereinigten Staaten zu senken, wird aber auch versuchen, eine Normalisierung mit Israel zu fördern. Daher plant er, sich bei seinem Besuch im Königreich von israelischen Vertretern begleiten zu lassen, auch wenn die Angelegenheit noch nicht endgültig geklärt ist.

Alle meinen, dass sich die israelisch-saudischen Beziehungen langsam, Schritt für Schritt und über einen längeren Zeitraum hinweg intensivieren werden. Mein Besuch in Riad zeigt jedoch auch die tiefgreifenden Veränderungen, die Saudi-Arabien bereits erlebt.

Das Land wandelt sich vom ultrakonservativen Regime, das von den Söhnen des saudischen Staatsgründers Ibn Saud geprägt wurde (der jüngste von ihnen, Salman, ist der derzeitige König), zu einem Land, das sich unter seinem Enkel, Kronprinz Mohammed bin Salman, langsam an den Westen annähert.

Fotos von König Salman und seinem Sohn sind in ganz Riad zu sehen. Das Königreich bereitet sich auf den Regierungswechsel vor, der auch eine Botschaft für Israel enthält: von distanzierten und vorsichtigen Beziehungen unter der bisherigen Regierung zu einer verstärkten Zusammenarbeit in einer Vielzahl von Bereichen.

Nicht mehr geheim

Während seines Besuchs wird sich Biden auf das regionale Raketenabwehrprogramm konzentrieren, an dem Israel beteiligt sein soll, aber israelische Unternehmen – technologische und andere – sind in Saudi-Arabien bereits in verschiedenen Funktionen tätig.

In den letzten Jahren haben etliche Israelis Saudi-Arabien besucht, meist Verteidigungsbeamte unter der Leitung des Mossad. Alles geschah unter völliger Geheimhaltung und unter Verwendung von Privatjets. In letzter Zeit hat Saudi-Arabien jedoch damit begonnen, seine Türen für Israelis mit ausländischen Pässen, insbesondere für Geschäftsleute, zu öffnen.

Auch wenn es noch eine Weile dauern kann, bis Gruppen israelischer Touristen die Straßen Saudi-Arabiens überschwemmen, so ist es doch der Prozess, der zählt. Bald werden israelische Luftlinien in der Lage sein, Saudi-Arabien zu überfliegen und vielleicht als nächsten Schritt Direktflüge nach Mekka für Pilger anzubieten.

Pulsierendes Leben

Die Religion ist in Riad allgegenwärtig. Natürlich auch in der Kleidung, denn Männer und Frauen sind bescheiden gekleidet. Alkohol ist tabu, er wird nicht einmal in Hotels oder auf Flügen saudischer Fluggesellschaften ausgeschenkt. Die Moscheen sind voll und die Gebete kann man von der Straße aus hören. Kurz vor dem Abflug, nach den Sicherheitskontrollen, ertönt eine Aufnahme des muslimischen Straßengebets.

Saudi-Arabien ist weniger touristisch orientiert als andere Golfstaaten wie zum Beispiel die Vereinigten Arabischen Emirate oder Bahrain. Es gibt nicht viele Ausländer, abgesehen von meist aus dem Fernen Osten stammenden Niedriglohnarbeitern, die überall zu sehen sind und Einkaufszentren reinigen, Lebensmittel in Supermärkten eintüten und auf dem Bau arbeiten.

Obwohl es in Riad alle westlichen Marken gibt, auch die teuersten, sieht man auf den Straßen meist die Zeichen von Standardmarken, und die Menschen sind einfach. Das liegt unter anderem an der gleichmäßigen Verteilung des Reichtums, ganz im Gegensatz zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar, wo nur einige wenige reich sind. Dies wird auch die größte Herausforderung für den Kronprinzen sein: dem gesamten Volk ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln.

In den letzten Tagen war es in Riad unglaublich heiß, über 40°C. Die meisten Einwohner leben in klimatisierten Häusern, aber auch draußen ist das Leben pulsierend: Die Märkte sind überfüllt, vor allem in den späten Stunden des Tages. Dort gibt es auch die besten Waren, von Djellabas, Sandalen und Parfüms bis zu Gewürzen, Gold und traditionellen Messern, und das alles zu relativ günstigen Preisen.

Generell ist Saudi-Arabien erstaunlich billig: Obst und Gemüse sind weniger als halb so teuer wie in Israel (auch in Supermärkten), Kleidung ist um 25 Prozent billiger (auch Markenware), Benzin kostet 60 Cent pro Liter weniger (die weltweite Treibstoffkrise scheint an Saudi-Arabien vorbeigegangen zu sein).

Geduld notwendig

Es ist wahrscheinlich, dass in Zukunft mehr Israelis hierherreisen werden. Einige aus geschäftlichen Gründen, andere aus Neugierde. In jedem Fall werden sie ein Land entdecken, das weit weniger bedrohlich ist, als sie es sich vorgestellt haben. Das Gegenteil ist der Fall: Saudi-Arabien ist sehr angenehm und die Atmosphäre ist entspannt.

Ob Saudi-Arabien dadurch gleich zu einem beliebten Reiseziel für Israelis wird, ist zweifelhaft, aber der Wandel in den israelisch-saudischen Beziehungen ist ein historisches Ereignis, über das man sich nur freuen kann.

Wenn Israel eine für das Land eher untypische Geduld an den Tag legt und versteht, dass solche Prozesse Zeit brauchen, dann haben die Beziehungen zwischen den beiden Ländern ein unendliches Potenzial.

Yoav Limor ist Journalist und Verteidigungsanalyst. Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren