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Wie der „Spiegel“ aus einem Attentäter ein Opfer der Israelis macht

Von einem Attentat ist in der „Spiegel“-Überschrift nicht zu lesen
Von einem Attentat ist in der „Spiegel“-Überschrift nicht zu lesen (Quelle: Twitter Aras-Nathan)

Ein Neffe des PLO-Generalsekretärs Saeb Erekat steuert sein Auto an einem Checkpoint in eine Gruppe von Grenzpolizisten – gezielt, wie ein Video zeigt. Es handelt sich um ein Selbstmordattentat mit einem Kraftfahrzeug als Waffe. Doch in einer deutschen Agenturmeldung wird der Sachverhalt irreführend dargestellt: Dort erscheinen die Polizisten als Täter, weil sie den Angreifer erschossen haben. Es ist ein weiteres Beispiel für doppelte Standards bei der Berichterstattung über Israel.

In der schottischen Stadt Glasgow geht nach Angaben des Polizeiverbandes ein Mann mit einem Messer auf einen Polizisten los und sticht auf diesen ein. Der Polizist stirbt, der mutmaßliche Täter wird erschossen. Auf der Website des Spiegel erscheint eine redaktionell bearbeitete Agenturmeldung mit der Überschrift: „Mann soll auf Polizisten in Glasgow eingestochen haben“.

An einem Checkpoint im Westjordanland östlich von Jerusalem beschleunigt ein Mann sein Auto kurz vor der Kontrolle und hält auf die Grenzschützer zu, wie ein Video der israelischen Grenzpolizei zeigt. Er verletzt eine Polizistin und wird erschossen. Auf der Website des Spiegel erscheint eine redaktionell bearbeitete Agenturmeldung mit der Überschrift: „Israelische Soldaten erschießen Palästinenser an Grenzübergang“.

Doppelte Standards

Zwei ähnliche, vergleichbare Vorfälle in den vergangenen Tagen also – mit völlig verschiedenen Überschriften: Im einen Fall steht die Tat im Mittelpunkt, also der Angriff, im anderen Fall die Reaktion, die aufgrund der Formulierung jedoch als die eigentliche Tat erscheint. Dort heißt es eben nicht: „Palästinenser rast in israelischen Grenzposten“ oder: „Palästinenser soll israelische Grenzpolizisten mit Auto angegriffen haben“.

Das Augenmerk wird also auf das Handeln der israelischen Grenzpolizei gerichtet, zu dem es ohne die Attacke nicht gekommen wäre. Dadurch erscheinen die Polizisten als Angreifer. Bei der Meldung zum Ereignis in Schottland dagegen findet diese Täter-Opfer-Verkehrung nicht statt. Dieser Doppelstandard ist keine Ausnahme, sondern in der Berichterstattung über Israel sehr regelmäßig zu beobachten, nicht nur beim Spiegel.

Mit dem Auto gezielt eine Grenzpolizistin gerammt

Dass ein Palästinenser sein Fahrzeug in eine Waffe verwandelt und diese im Rahmen sogenannter car-ramming attacks gegen Israelis richtet – Soldaten und Polizisten wie Zivilisten –, ist keine neue Entwicklung, sondern verstärkt seit dem Herbst 2015 zu beobachten. Mit der „Messer-Intifada“, die seinerzeit begann, nahm auch der Zahl der Anschläge zu, die mit einem Auto verübt wurden.

Diesmal fällt der Täter jedoch aufgrund seines Namens besonders auf: Es handelt sich um den 27- oder 28.-jährigen Ahmad Mustafa Erekat, einen Neffen des PLO-Generalsekretärs und früheren Chefunterhändlers in israelisch-palästinensischen Verhandlungen, Saeb Erekat.

Auf dem Video ist zu sehen, wie er sich mit einem Auto dem Grenzkontrollpunkt in Abu Dis östlich von Jerusalem nähert. Erekat lenkt den Wagen erst so weit wie möglich nach links, beschleunigt dann und reißt das Steuer schließlich so herum, dass er mit seinem Fahrzeug direkt auf die Grenzpolizisten zufährt. Er trifft frontal Shani Orr Hama Kadosh, die dadurch fast waagerecht nach hinten geschleudert wird. Die übrigen Polizisten wenden sich zunächst ihr zu, fahren aber herum, als Erekat aussteigt. Einer eröffnet das Feuer und trifft ihn.

Die Grenzpolizei veröffentlichte die Aufnahmen, nachdem sie unter anderem von Saeb Erekat beschuldigt worden war, Ahmad Mustafa Erekat „exekutiert“ und „kaltblütig ermordet“ zu haben. Noura Erekat, Ahmads Cousine, behauptete auf Twitter ebenfalls, ihr Cousin sei einem Mord zum Opfer gefallen. Er sei auf dem Weg zu seiner Schwester gewesen, die an diesem Tag habe heiraten wollen.

Erekat wurde offenbar vorgeworfen, ein Spion zu sein

Saeb Erekat zufolge plante sein Neffe, in der darauffolgenden Woche selbst zu heiraten. Angesichts dessen stellt sich tatsächlich die Frage, welchen Grund Ahmad Mustafa Erekat gehabt haben sollte, mit seinem Auto ein Selbstmordattentat durchzuführen. Allerdings lässt das Video keinen Spielraum für die Annahme, dass es sich um einen Unfall gehandelt haben könnte.

Die Aussagen der verletzten Grenzpolizistin bestätigen den Eindruck, dass hier ein Attentat stattgefunden hat. „Ich gab ihm ein Zeichen zu halten, der Wagen wurde langsamer, und ich bewegte mich in seine Richtung“, sagte Shani Orr Hama Kadosh gegenüber Channel 13 News. „Er schaute mir in die Augen, drehte das Lenkrad und rammte mich. Ich wurde dadurch auf die andere Seite geschleudert.“

Hinzu kommt, dass am Mittwoch ein weiteres Video auftauchte, das Erekat augenscheinlich selbst mit einer Kamera aufgenommen hat. Darin beteuert er, „mein Land niemals betrogen zu haben“ und „kein Spion“ zu sein, der für Israel arbeitet. Die entsprechenden Gerüchte seien im Internet verbreitet worden, hätten große Schande über seiner Familie gebracht und ihn in die Depression getrieben.

Wie die Online-Zeitung Times of Israel schreibt, habe Erekat damit anscheinend israelische Sicherheitskräfte oder Agenten gemeint, die versucht hätten, „mich in Schwierigkeiten zu bringen“, nämlich durch ein Foto von ihm auf der Facebook-Seite von COGAT. Diese Einrichtung koordiniert die Tätigkeiten der israelischen Regierung in den palästinensischen Gebieten, etwa die Lieferung humanitärer Güter.

Israelische Grenzpolizei weist Vorwürfe zurück

Wann Erekat das Video aufgenommen hat, ist umstritten. Laut israelischen Medien datieren die Aufnahmen vom Tag des Anschlags, Erekats Angehörige dagegen sagen, sie seien mehrere Monate alt. Offenbar wurde Erekat jedenfalls beschuldigt, mit den Israelis zu kollaborieren, und war von diesem Vorwurf extrem getroffen. Ob die Attacke am Grenzübergang geplant war oder spontan erfolgte, ließ sich bislang nicht klären.

Widersprüchlich sind auch die Angaben zur Versorgung von Erekat, nachdem auf ihn geschossen wurde. Ein Video zeigt, wie er länger als eine Minute am Boden liegt, ohne dass sich jemand um ihn kümmert; Noura Erekat beschuldigt die israelische Grenzpolizei sogar, ihren Cousin verbluten lassen zu haben. Der PLO zufolge wurde das Palästinensische Rote Kreuz daran gehindert, Erekat zu behandeln.

Die Grenzpolizei weist die Vorwürfe zurück. Ein Sprecher sagte, man habe „binnen Minuten“ medizinische Hilfe geleistet, Erekats Leben jedoch nicht retten können. Das Video, das ihn am Boden liegend zeigt, sei aufgenommen worden, kurz bevor der Krankenwagen eingetroffen sei. In Abu Dis zündeten Bewohner Abfälle und Autoreifen an und lieferten sich Auseinandersetzungen mit israelischen Sicherheitskräften.

Leicht zu recherchieren

All dies zu recherchieren und darzulegen, wäre auch deutschen Nachrichtenagenturen und Medien gewiss möglich gewesen. Der Neffe von Saeb Erekat hätte sich dann allerdings nicht als Opfer israelischer Polizeigewalt darstellen lassen, und man hätte die Leserinnen und Leser über das terroristische Mittel der palästinensischen car-ramming attacks informieren müssen. Das sollte allerdings wirklich nicht zu viel verlangt sein.

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