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»Die Rolle jüdischer Aktivisten in der Bürgerrechtsbewegung wird heute oft vergessen«

Martin Luther King Jr. und Rabbi Joachim Prinz Hand in Hand beim March on Washington im Jahr 1963
Martin Luther King Jr. und Rabbi Joachim Prinz Hand in Hand beim March on Washington im Jahr 1963 (© Imago Images / Newscom / AdMedia)

Im Gespräch mit Elisa Mercier beschreibt der Historiker David Jünger den Aktivismus jüdischer Akteure, etwa des Rabbiners Joachim Prinz, in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Er erklärt auch, warum die enge politische Zusammenarbeit zwischen jüdischen und afroamerikanischen Gruppen seit den 1970er-Jahren deutlich nachließ.

Elisa Mercier (EM): Wie würden Sie die Bedeutung jüdischer Akteure für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung beschreiben?

David Jünger (DJ): Amerikanische Juden und Afroamerikaner haben sich bereits früh aufeinander bezogen und Verbindungen zwischen antisemitischer und rassistischer Verfolgung, Unterdrückung und Diskriminierung hergestellt. Beide Gruppen identifizierten sich mit der leidvollen Geschichte des jeweils anderen, woraus sich gegenseitige Empathie und Solidarität entwickelten.

Die beiden Gruppen arbeiteten partiell eng zusammen. 1909 gründeten afroamerikanische und jüdische Aktivisten die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), die erste und bis heute eine der wichtigsten Bürgerrechtsorganisationen der USA. Albert Einstein etwa war dort Mitglied. Der Zweite Weltkrieg dynamisierte die Zusammenarbeit noch einmal deutlich.

In diese Zusammenarbeit brachten jüdische Aktivisten politische Kontakte ein, Kenntnisse in öffentlicher und medialer Kommunikation sowie juristische Expertise. Diese war sehr wichtig, weil sich die Bürgerrechtsbewegung in ihrer Hochzeit in den 1950er- und 1960er-Jahren stark auf rechtliche Auseinandersetzungen fokussierte. Es ging um Bürgerrechte, die man, oft mithilfe von Präzedenzfällen, erkämpfte. Wegweisend war etwa das Urteil Brown v. Board of Education von 1954, bei dem ein Bundesgericht erstmals die sogenannte Rassentrennung an öffentlichen Schulen als verfassungswidrig einstufte. Oder der Civil Rights Act von 1964, der Diskriminierung in öffentlichen Einrichtungen und am Arbeitsplatz verbot.

Gemeinsamer Kampf

EM: Unterschieden die Bürgerrechtsaktivisten zwischen Rassismus und Antisemitismus?

DJ: Viele Aktivisten nahmen antisemitische und rassistische Diskriminierung als geteilte Erfahrung wahr, betonten die Gemeinsamkeiten der jeweiligen Unterdrückungssysteme und konzentrierten sich dabei weniger auf die Besonderheiten. Das sieht man auch etwa in den Schriften von W. E. B. Du Bois und Frantz Fanon.

Einige postkoloniale Theorien griffen solche Ansätze später auf. Es entstanden teils konkurrierende Opfernarrative, die bis heute spürbar sind, sogar an Kraft gewonnen haben. Im Kontext postkolonialer Strömungen werden die Sklaverei und der Holocaust in größere Gewalt- und Unterdrückungskontexte eingeordnet. Es gab aber bereits zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung Diskussionen über die Vergleichbarkeit des Leids, sowohl aus der jüdischen als auch aus der afroamerikanischen Community heraus, nicht zuletzt von Du Bois und anderen.

EM: Die US-Bürgerrechtsbewegung wurde stark unterstützt etwa von Rabbiner Joachim Prinz. Sie haben gerade eine Biografie über ihn abgeschlossen, die nächstes Jahr erscheinen wird. Wie sah dessen Aktivismus in der Bürgerrechtsbewegung aus?

DJ: Joachim Prinz war ein deutscher Rabbiner, der in der Weimarer Republik und in den ersten Jahren des Nationalsozialismus für Juden in Deutschland eine zentrale Rolle spielte. In der NS-Zeit war es unter anderem Joachim Prinz, der Juden Selbstbewusstsein und Hoffnung gab. Sein Buch Wir Juden von 1934 war eines der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Werke der deutsch-jüdischen Publizistik der dreißiger Jahre.

1937 emigrierte Prinz in die USA und wurde später für seine Zusammenarbeit mit Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung bekannt. Er war der jüdische Repräsentant und einer der Hauptredner beim »March on Washington« 1963 mit 250.000 Demonstranten. Zu der Zeit war Prinz eine bedeutende Persönlichkeit des amerikanischen Judentums. Er war Präsident einer der größten jüdischen Organisationen, des American Jewish Congress (AJC), der schon seit den 1940er-Jahren eine der wichtigsten Stützen der Bürgerrechtsbewegung gewesen war.

In seiner Rede beim »March on Washington« beschrieb Prinz die Bedeutung seiner eigenen Erfahrung mit nationalsozialistischer antisemitischer Verfolgung und erklärte damit seine Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung. Prinz betonte, das größte Problem seien nicht die Intoleranz und der Hass einer Minderheit, sondern das Schweigen der Mehrheit.

EM: Joachim Prinz und Martin Luther King pflegten enge persönliche Kontakte, oder?

DJ: Das intensive Verhältnis Martin Luther Kings zum Judentum und zu einigen seiner Vertreter, vor allem zu Joachim Prinz, war einzigartig. Die beiden lernten sich in den 1950er-Jahren kennen und standen in Briefkontakt. Als Prinz 1958 zum Präsidenten des AJC gewählt werden sollte, lud er King als Gastredner ein. Kings Rede auf der Jahresversammlung des AJC war sein erster Auftritt vor einem fast weißen Publikum im amerikanischen Süden. Zwei Jahre später hielt King eine Rede in Prinz’ Synagoge Temple B’nai Abraham.

King stellte sich wie kaum ein anderer gegen den zunehmenden Antisemitismus unter der schwarzen Bevölkerung. Mit jüdischen Organisationen kritisierte er den Antisemitismus in der Sowjetunion und verteidigte das Existenzrecht Israels. Während des Sechstagekriegs 1967 stützte King öffentlich das israelische Vorgehen und verlor so das Vertrauen vieler seiner Anhänger, von denen viele auf der Seite der Araber standen.

Schwächung des Bündnisses

EM: Kommen wir zu einem etwas anderen Aspekt: Wurde die Bürgerrechtsbewegung auch von Bürgern unterstützt, die weder jüdisch noch afroamerikanisch waren?

DJ: Es gab Einzelpersonen und Organisationen aus der Mehrheitsgesellschaft, die solidarisch waren. Beim »March on Washington« etwa hatten die Organisatoren neben den wichtigsten Bürgerrechtsorganisationen auch die größten Religionsgemeinschaften und Teile der Gewerkschaften integriert. Es sprachen katholische und protestantische Geistliche sowie Gewerkschafter. Aber als gesellschaftlich wahrnehmbare Gruppe unterstützten vor allem Juden die Bewegung konstant und sehr aktiv. Die Rolle jüdischer Aktivisten in der Bürgerrechtsbewegung wird heute oft vergessen.

EM: Ab den 1970er-Jahren schwächte sich das Bündnis zwischen jüdischen Amerikanern und Afroamerikanern ab. Warum?

DJ: Dafür gibt es mehrere Gründe. Insbesondere in der Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung basierte die Zusammenarbeit beider Gruppen auf einem liberalen Grundkonsens. Sie gingen davon aus, dass man für alle Menschen nur die gleichen Rechte erkämpfen muss, dann würden Diskriminierung und Ungleichheit verschwinden. Das war ein Trugschluss. Trotz erreichter rechtlicher Gleichheit vergrößerte sich die ökonomische Schere zwischen afroamerikanischer Minderheit und weißer Mehrheit. Auch vor diesem Hintergrund brachen der liberale Konsens und die Idee gleicher Rechte für alle zunehmend auseinander.

Es entstanden partikularistische Bewegungen: Black Power und afroamerikanische Identitätspolitik auf der einen Seite, jüdische Identitätspolitik und zunehmende Israel-Solidarität auf der anderen. Die Kooperation zwischen den Gemeinschaften wurde schwächer, einflussreiche Vermittler wie Martin Luther King verloren ihre Bedeutung, während radikalere Kräfte wie die Nation of Islam und Malcolm X sowie explizit antisemitische Akteure wie Louis Farrakhan unter Afroamerikanern an Einfluss gewannen.

Ein weiterer Grund für diese Abschwächung war, dass der Antisemitismus nach 1945 in den USA als gesellschaftliche Kraft praktisch verschwand, was bis in die 2000er-Jahre so blieb. Die gesellschaftlichen Hürden für Juden fielen in der Nachkriegszeit weitgehend weg und die jüdische Gemeinschaft schaffte einen unglaublichen sozioökonomischen Aufstieg. Viele Juden zogen aus den ethnisch geprägten innerstädtischen Nachbarschaften in die Vorstädte, während Afroamerikaner in diese Stadtteile nachzogen. Teils behielten Juden ihre alten Wohnungen oder Häuser in diesen Vierteln und vermieteten sie. Es kam partiell zu Spannungen zwischen Mietern, Vermietern und Geschäftsleuten, die nicht als soziale, sondern als ethnische Konflikte wahrgenommen wurden. Der sozioökonomische Aufstieg vieler Juden führte zu einer Entfremdung voneinander.

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