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Ritualmordlegende reloaded: Die Zeiten ändern sich, das Stereotyp bleibt gleich

„Babymörder Israel“: Antisemitische Twitterkarikatur
„Babymörder Israel“: Antisemitische Twitterkarikatur (Quelle: Twitter nouar لدمي)

Ob die Belege nun hergeben, was sie behaupten, oder nicht, ist völlig egal, da es denjenigen, die das Stereotyp vom „Kindermörder Israel“ bedienen, nicht um die Wahrheit geht.

Dass es Ziel der Juden sei, gemeinschaftlich zu rituellen Zwecken Kinder zu ermorden, ist eine Lüge, die seit fast tausend Jahren immer wieder benutzt wird, um Hass auf Juden zu schüren und zum Pogrom anzustiften. Man nennt sie u.a. Ritualmordlegende oder Blutlüge.

Es begann mit William von Norwich, der im Jahr 1144 im Alter von zwölf Jahren ermordet wurde. Dieser Mord wurde den Juden zugeschrieben, wie in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten dann auch andere unaufgeklärte Morde an Kindern. In England gab es im Anschluss daran Verfolgungswellen gegen die Juden als vermeintliche Kindermörder, einige der berüchtigtsten Pogrome wurden in London, York und eben in Norwich verübt.

Mit dem Edict of Expulsion wurden unter König Edward I. im Jahr 1290 alle Juden aus England vertrieben. Der Antisemitismus endete damit freilich nicht, was man daran erkennen kann, dass die Ritualmordlegende in der englischen Literatur weiterhin auftaucht, etwa in Chaucer’s Prioress’ Tale, einer antisemitischen Geschichte, die zu den berühmten Canterbury Tales gehört, die Chaucer zwischen 1386 und 1400 schrieb.

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Auch heute noch gibt es Pogrome gegen Juden, und immer noch wird der Hass geschürt, indem die Juden des Kindermords bezichtigt werden. Sogar prominente Journalisten beteiligen sich – wie an dieser Stelle kürzlich berichtet –, in den sozialen Medien daran, indem sie etwa auf Twitter die falsche Behauptung verbreiten, „Siedler“ bzw. „jüdische Mobs“ hätten in Jaffa einen arabischen Jungen bei lebendigem Leib verbrannt.

„Israeli Baby Killers“

Seit den Zeiten Chaucers hat sich die Welt gar nicht so sehr verändert, zumindest, was die Formen des Judenhasses betrifft. Während der letzten Auseinandersetzung zwischen der israelischen Armee und der Hamas, der mit den Hamas-Raketen auf Jerusalem begann, wurden, wie zu erwarten war, in den sozialen Medien zahllose Hassbotschaften gegen Israel gepostet.

Ein großer Teil davon verwendete dabei das antisemitische Stereotyp von den Juden als Kindermörder. Manchmal geschah dies explizit, wie in dieser Karikatur, die ein israelisches Kampfflugzeug zeigen soll, auf dem Israeli Baby Killers steht. Die Bomben, die das Flugzeug geladen hat, gelten in der Kartikatur einem Kind, das einen Papierflieger in der Hand hält. Dass die israelische Armee nicht etwa einen Krieg gegen schwer bewaffnete Terroristen führt, sondern gegen Kinder, ist seit Jahren ein Propagandamotiv antisemitischer Gruppen, wie auch dieses Plakat der „Israel Apartheid Week“ von 2009 zeigt.

Während des jüngsten Konflikts war zu beobachten, dass über den Kurznachrichtendienst Twitter unter antiisraelischen Hastags wie #GazaUnderAttack („Gaza unter Beschuss“) #AlAqsaUnderAttack („Al-Aqsa wird angegriffen“) oder #IsraelStopPlayingVictim („Israel, hör auf, Opfer zu spielen“) Tausende von Fotos weinender, verletzter oder getöteter Kinder gepostet wurden.

Irgendwelche Skrupel oder Reste menschlichen Anstands kennen die Absender offenbar nicht. Da überrascht es dann wiederum kaum, dass viele der kettenbriefartig weiterverbreiteten Fotos aus völlig anderen Zusammenhängen stammen. Im Folgenden dokumentieren wir einige Beispiele.

Ahed und Mohammed Tamimi

Viele Nutzer posteten Fotos der Pallywood-Ikone Ahed Tamimi und ihres Bruders Mohammed, die von ihren Eltern seit früher Kindheit immer wieder auf israelische Soldaten gehetzt wurden, in der Hoffnung, dass dabei Fotos rauskommen, die die israelischen Soldaten schlecht aussehen lassen.

Ahed und Mohammed sind mittlerweile erwachsen, doch die alten Propagandafotos werden auch jetzt noch genutzt. „Ein weiteres palästinensisches Kind“, twitterte ein Nutzer namens „Tasneem Palestine“ kürzlich. Das Foto zeigt einen Jungen, der eine palästinensische Keffiyeh um den Hals trägt und von einem (israelischen) Soldaten im Schwitzkasten gehalten wird.

Das Bild ist bekannt, es stammt von 2015. Der Junge ist Mohammed Tamimi. Er wurde im September 2015 von einem Soldaten festgehalten, um ihn bis zum Eintreffen der Polizei an der Flucht zu hindern, nachdem er Steine auf Menschen geworfen hatte.

Die Gewaltanwendung des Soldaten ist im Zusammenhang einer versuchten Gefangenenbefreiung zu sehen, in deren Zuge eine Gruppe von Frauen auf den Soldaten losging (Männer standen unmittelbar daneben, filmten und fotografierten) und die damals 13-jährige Ahed Tamimi dem Soldaten in die Hand biss. Das Foto taugt wohl kaum dazu, zu beweisen, dass israelische Soldaten routinemäßig Gewalt gegen „palästinensische Kinder“ (manche Twitter-Nutzer fügten hinzu: „unschuldige“) anwenden.

Syrische Giftgasopfer als vermeintliche Opfer Israels

Wie falsche Fotos benutzt werden, um die Wahrheit zum Schweigen zu bringen, zeigt der folgende Fall. Eine Israelin twitterte am 12. Mai das Foto der 16-jährigen Nadine Awad, die von einer Rakete der Hamas getötet wurde. Dazu setzte sie auf Arabisch den Text:

„Dieser rote Teddybär mit dem Wort ‚Liebe‘ liegt auf dem Boden im Zimmer der jungen Frau Nadine Awad, die heute Abend mit ihrem Vater Khalil von einer Rakete getötet wurde, die von der terroristischen Hamas auf ihr Haus abgefeuert wurde. Die Hamas hat heute Abend 500 Raketen auf israelische Städte abgefeuert und dabei 5 Zivilisten getötet.“

Ein Nutzer namens @aabdeeen „antwortete“ mit einem Foto, das sieben tote, auf dem Boden liegende, in weiße Leichentücher gewickelte Kinder zeigt. @aabdeeen fragt: „Und was ist mit ihnen?“

Die Logik: Man soll nicht über die Opfer der Hamas reden (nicht einmal über die von der Hamas getöteten arabischen Zivilisten), weil es da ja noch andere Tote gebe. Ohne dass Israel erwähnt wird, weiß jeder Gleichgesinnte, dass es impliziert ist, dass die auf dem Foto zu sehenden Kinder von Israel getötet worden sein müssen – warum sie sonst posten?

Das Foto, das @aabdeeen getwittert hat, wurde auch von vielen anderen verbreitet, die behaupteten, es zeige tote Kinder in Gaza. Es stammt aber aus Syrien. Man findet es auf der Website von National Geographic, wo es auf den 21. August 2012 datiert ist und laut Bildunterschrift Opfer eines Chemiewaffenangriffs zeigt.

Ein anderes Foto, das aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gerissen wurde, um Stimmung gegen Israel zu machen, zeigt einen Jungen, der seine Beine verloren hat. Die Behauptung:

„‚Traurigkeit in seiner Seele‘. So kann man dieses Bild eines palästinensischen Jungen aus Gaza-Stadt definieren, den der Kriegs- und Verbrechensmechanismus der israelischen Besatzung erreicht hat.“

Das Foto wurde allerdings im Jahr 2009 von einer neuseeländischen Kampagne zur weltweiten Ächtung von Streubomben verwendet und sicherlich nicht im Gazastreifen aufgenommen.

Unter dem Hashtag #GazaUnderAttack wird auch das Bild eines weinenden Jungen verbreitet, der ein Kleinkind im Arm hält. Es soll eine Situation im Gazastreifen zeigen, stammt aber ebenfalls aus Syrien. Der Berliner Tagesspiegel veröffentlichte es 2014 in einer Fotoserie mit der Bildunterschrift „Es ist der große Bruder, der die kleine Schwester trägt.“

Ein anderer Tweet behauptet: „Ein palästinensisches Kind und seine kleine Schwester während des Bombardements von Gaza.“ Auch das hier benutzte Foto ist mehrere Jahre alt und wird von allen älteren Quellen dem Bürgerkrieg in Syrien zugeordnet.

Häufig gepostet wird auch das Foto eines weinenden Kindes, das etwa sechs Jahre alt sein mag. Es faltet die Hände, wie zum Gebet, und richtet die Augen am Fotografen vorbei gen Himmel. Im Hintergrund sind weitere Kinder, die verschrocken wirken und von einer erwachsenen Frau, die ein Kopftuch trägt, getröstet werden. Ein Twitter-Text dazu lautet lautet:

„Was in Gaza geschieht, ist ein Verbrechen, ein Völkermord. … Schau auf dieses Kind, um die Furcht, den Schmerz zu sehen???? Wo sind die Menschenrechte?”

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Das Foto mag vielleicht im Gazastreifen aufgenommen sein, wurde aber nachweislich schon 2007 im Internet veröffentlich, ein Kontext dazu fehlt.

Wollen all die Leute, die solche Fotos posten, behaupten, dass Israel dafür verantwortlich ist, dass den Kindern im Gazastreifen die Kindheit geraubt wird? Hamas und Fatah missbrauchen Kinder als Kindersoldaten für ihren Krieg gegen Israel. Von frühester Kindheit an werden sie auf den „Dschihad” und das sie erwartende „Märtyrertum” vorbereitet. Wo ist der Aufschrei, wo die Berichte der internationalen Presse und der Menschenrechtsorganisationen?

Zurück zu Twitter. Ein Foto, das sehr häufig in Tweets zur Dämonisierung Israels genutzt wird, zeigt ein im Gesicht verletztes Kleinkind, das neben seiner angeblich toten Mutter liegt. Ob sie tot ist, kann der Betrachter nicht erkennen. Ein typischer Text dazu lautet:

„Ein Baby sagt Lebewohl zu seiner Mutter, die gestern als Resultat der Bombardierung Gazas durch die zionistische Okkupation verstorben ist.“

Dazu setzt der Nutzer namens „Hawari Alii“ die Hashtags: #BabyKillerIsrael #IsraelStopPlayingVictim #IsraelTerrorists #palestine #Gaza #GazaUnderAttack #Free_Palestine #SaveGazaFromZionists.

Wahr ist: Was auch immer das Foto zeigen mag, gepostet wurde es schon im Jahr 2012 von der New York Times, somit kann es nicht etwas zeigen, was „gestern“ passiert sein soll. Ich schreibe „Hawari Alii“, der sagt, er lebe in Bahrain, und mache ihn darauf aufmerksam, dass das Foto mindestens neun Jahre alt ist und die Frau, so sie denn tot ist, sicherlich nicht „gestern als Resultat der Bombardierung Gazas durch die zionistische Okkupation verstorben ist“. „Hawari Alii“ erwidert:

„Angenommen, das stimmt, ändert die [Zeit-] Periode nichts. Der Mörder, in der Vergangenheit und der Gegenwart, ist derselbe. Der Mörder palästinensischer Mütter in der Vergangenheit und Gegenwart ist die brutale zionistische Entität.“

Man sieht: Es gibt eine große Erzählung, die allein von Antisemiten als Wahrheit akzeptiert wird. Ob die dafür als Belege gelieferten Informationen oder Fotos echt sind, ist unerheblich. Sie dienen nicht dem Beweis, sondern eher der Illustration einer vermeintlichen Wahrheit, die in den Augen der Antisemiten ohnehin keines Beweises bedarf: die Juden sind schuldig, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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