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»Revolution« im arabischen Sektor in Israel

Arabische Israelis in Be'er Sheva kaufen in der arabisch geführten Supermarktkette King Store ein
Arabische Israelis in Be'er Sheva kaufen in der arabisch geführten Supermarktkette King Store ein (Quelle: JNS)

Ein Bericht des Israel Democracy Institute belegt den stetigen Aufwärtstrend der Erwartungen und Bestrebungen zur Selbstverwirklichung der arabischen Bürger in Israel.

Maayan Hoffman

Der arabische Sektor in Israel modernisiert sich, so Nasreen Haddad Haj-Yahya, Direktorin des Programms für die arabische Gesellschaft in Israel am Israel Democracy Institute (IDI). Hja-Yahya ist Mitverfasserin des aktuellen statistischen Jahresberichts über die arabische Gesellschaft, der Mitte März vom IDI veröffentlicht wurde und einen Überblick über die Veränderungen in einer, wie sie es nennt, »dynamischen« Gesellschaft gibt.

Der Bericht zeigt einen Anstieg der Hochschulbildung und der Beschäftigung unter arabischen Frauen, während zugleich auch die Kriminalitäts- und Armutsraten in die Höhe schnellen.

»Die internen Entwicklungen, die in den letzten Jahren in der arabischen Gesellschaft stattgefunden haben, spiegeln sich deutlich in den Zahlen und Daten des Berichts wider«, so Haj-Yahya und ihre Kollegen Muhammed Khalaily und Arik Rudnitzky in einer Erklärung. Aus den Daten gehe

»der Anstieg des Lebensstandards, der Lebenserwartung und des Bildungsniveaus ebenso hervor wie der Rückgang der Geburtenrate, die Veränderung der Struktur der arabischen Familien und der Wunsch, individuelle Wünsche auf Kosten kollektiver Werte zu verwirklichen. Diese Faktoren untergraben die traditionellen Muster und revolutionieren die arabische Gesellschaft.«

Die wirkliche »Revolution« der letzten zwei Jahrzehnte spiegele sich im »dramatischen Anstieg« der Zahl arabischer Israelis wider, die ein Hochschulstudium absolvieren – ein Umstand, der sich nicht nur auf die arabische Gesellschaft, sondern auch auf die israelische Gesellschaft insgesamt auswirken werde.

»Das Niveau der Erwartungen und Bestrebungen zur Selbstverwirklichung der arabischen Bürger befinden sich in einem stetigen Aufwärtstrend«, so die Autoren, die jedoch auch darauf hinwiesen, dass sich die Unterschiede in der Qualität der Beschäftigung und der Höhe der Entlohnung zwischen Juden und Arabern noch nicht verringert haben.

Haj-Yahya erklärte, dass der Bericht, der Daten zusammenführt, die ansonsten uneinheitlich und weitgehend unzugänglich sind, Entscheidungsträgern in der Regierung und in Nichtregierungsorganisationen helfen soll, intelligentere Entscheidungen über ihre Investitionen in Programme für die arabische Gemeinschaft zu treffen.

Die Grundlagen

Laut dem jüngsten Bevölkerungsbericht des Landes leben heute etwa 1,9 Mio. Araber in Israel – darunter fast 362.000 arabische Einwohner Ost-Jerusalems, die zwar den Status eines ständigen Wohnsitzes, aber nicht die volle Staatsbürgerschaft besitzen – bei einer Bevölkerung von 9,3 Mio. Bürgern.

Dem Bericht zufolge leben sie in fünf wichtigen geografischen Gebieten: 51,6% der arabischen Israelis leben im Norden Israels, 19,7% in der als »Dreieck« bezeichneten Region im Zentrum des Landes, 17,5% im Negev, 8,3% in gemischten Städten, 1,1% in Jerusalem und 1,8% im Rest des Landes.

Die Mehrheit der Araber ist muslimisch (82,9%), es gibt jedoch auch große Gemeinschaften von Drusen (9,2%) und Christen (7,9%). Die Gemeinden im Norden Israels und die gemischten Städte weisen tendenziell eine vielfältigere arabische Bevölkerung auf, während in der Dreiecksregion und im Negev ausschließlich Muslime leben, so der Bericht.

»Die Bevölkerungen der geografischen Regionen sind sehr unterschiedlich«, erklärte Haj-Yahya gegenüber JNS und wies darauf hin, dass die größten Herausforderungen bei den Beduinen im Negev zu finden sind.

»Wir müssen die Araber in den Arbeitsmarkt integrieren«

Die auffälligste Veränderung in der arabischen Gemeinschaft ist der Anteil der an akademischen Einrichtungen eingeschriebenen Studenten, der sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt hat, von zehn Prozent im Jahr 2010 auf 18,3% im Studienjahr 2020.

Die Veränderung ist sogar noch ausgeprägter, betrachtet man die Studenten mit Hochschulabschluss: Der Anteil und die Zahl der Studenten hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht. Außerdem stieg der Anteil der Araber, die einen Doktortitel erwerben, von 3,9% im Jahr 2010 auf 7,3% im Jahr 2020.

Thabet Abu Rass, Co-Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation Abraham Initiatives, die einige Daten für den Bericht zur Verfügung stellte, erläuerte:

»Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass die Regierung mehr in die arabische Gemeinschaft investiert und insbesondere Stipendien für die Hochschulbildung bereitstellt, und der Zahl der Studierenden an israelischen Einrichtungen.«

Abu Rasslobte die Regierung dafür, dass sie erkannt habe, »die arabische Gemeinschaft nicht mehr ignorieren zu können«, und fügte hinzu:

»Wir machen etwa 20% der Gesamtbevölkerung Israels aus, tragen aber nur elf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Wir müssen also die Araber in den Arbeitsmarkt integrieren.«

Allerdings habe sich der Arbeitsmarkt in Israel dramatisch verändert, mit immer mehr Arbeitsplätzen in der Hochtechnologie und verwandten Bereichen. Um arabische Israelis effektiv in den Markt zu integrieren, müssen sie sich weiterbilden, sagte er.

Haj-Yahya ergänzte, dass es in einigen Bereichen wie zum Beispiel in der medizinischen Gemeinschaft bereits eine Integration zwischen Juden und Arabern gebe. Jetzt aber, so Haj-Yahya, beginne das Land, auch eine vermehrte arabisch-jüdische Zusammenarbeit im Einzelhandel, im Gewerbe und in anderen Bereichen zu entwicklen.

Bei Frauen schnaller als bei Männern

Der Wandel vollzieht sich bei den arabischen Frauen viel schneller als bei den Männern; Frauen machen zwei Drittel aller arabischen Studenten an den Hochschulen aus. Gleichzeitig sind die Beschäftigungsquoten für arabische Frauen seit Mitte der 2000er Jahre stetig gestiegen. Zwischen 2001 und 2018 verdoppelte sich die Quote dem Bericht zufolge fast und stieg von 19,8% auf 38,2%.

Zwischen 2017 und 2019 stagnierten die arabischen Beschäftigungsquoten und gingen sogar leicht zurück. Im Jahr 2020, nach dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie im März, sank die Beschäftigungsquote für arabische Männer drastisch auf einen Tiefstand von 69,3%. Laut Haj-Yahya ist dies zum Teil darauf zurückzuführen, dass von arabischen Männern erwartet wird, schon in jungen Jahren zu arbeiten zu beginnen und sie sich seltener eine höhere Bildung »gönnen«.

Das Ergebnis ist, dass arabische Männer hauptsächlich in Arbeiterberufen beschäftigt sind, wie im Baugewerbe, in der verarbeitenden Industrie, im Einzel- und Großhandel, im Gastgewerbe und im Transportgewerbe, so der Bericht.

»Ein sehr geringer Prozentsatz (vor allem im Vergleich zu jüdischen Männern) arbeitet in der Informations- und Kommunikationsbranche, bei den Finanzdienstleistungen, bei den professionellen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen und in der öffentlichen Verwaltung.

Im Baugewerbe, im Einzel- und Großhandel und im Gastgewerbe – Wirtschaftszweige, in denen fast die Hälfte aller arabischen Männer beschäftigt ist – liegen die Durchschnittsgehälter unter dem nationalen Durchschnitt.

Und selbst im verarbeitenden Gewerbe, im Informations- und Kommunikationssektor sowie bei den freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen, in denen die Gehälter über dem Landesdurchschnitt liegen, verdienen arabische Arbeitnehmer weniger.«

Abu Rass sagte, dass Frauen, selbst wenn sie in die Hightech-Branche und andere lukrativere Bereiche einsteigen, dies nicht in dem Tempo tun, wie man es erwarten würde – und sicherlich in geringerem Maße als ihre haredischen, sprich: orthodox jüdischen Pendants.

Die arabische Gruppe, die am seltensten eine Ausbildung absolviert oder eine Arbeit findet, sind junge arabische Männer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, fügte Abu Rass hinzu. Das Ergebnis sei, dass sie sich in Banden engagieren und mit größerer Wahrscheinlichkeit Gewalttaten und Verbrechen begehen. »Wenn man sich die Daten ansieht, gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen höheren Löhnen und geringerer Kriminalität und umgekehrt«, bestätigte Haj-Yahya diese Aussage.

Zunahme von Kriminalität und Armut

Die Kriminalitätsrate ist in der arabischen Gesellschaft in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen: von 51 arabischen Mordopfern im Jahr 2014 auf 94 im Jahr 2019, 113 im Jahr 2020 und 110 im Jahr 2021. Dementsprechend heißt es im IDI-Bericht:

»In der Tat hat sich die Zahl der Mordopfer in der arabischen Gesellschaft in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht. Gleichzeitig hat sich die Zahl der arabischen Bürger, die bei Schießereien verwundet wurden, zwischen 2016 und 2018 mehr als verdreifacht, von 82 auf 301. Seit 2000 wurden 1.574 arabische Bürger getötet, 68 von der Polizei (4,3%) und 1.506 von anderen arabischen Bürgern

Anstieg des Armutsniveaus

In dem Bericht wird erläutert, dass das Nationale Versicherungsinstitut die Armutsgrenze in Israel als relatives Maß festlegt und dementsprechend den Prozentsatz der Familien bestimmt, die über oder unter diese Grenze fallen.

Vor der COVID-19-Pandemie lebten 45,3% der arabischen Familien unterhalb der Armutsgrenze, darunter 57,8% der Kinder. In der jüdischen Gesellschaft lebten 13,4% der Familien und 21,2% der Kinder unterhalb dieser Grenze. Haj-Yahya meint, die Situation durch COVID-19 habe sich verschlechtert, obwohl noch keine offiziellen Daten vorliegen.

»Jedes Kind, das unter der Armutsgrenze lebt, ist nicht nur eine statistische Größe. Das sind Menschen, die hungrig zu Bett gehen, und das müssen die Entscheidungsträger wissen, um Reformen durchzuführen. Wir müssen auch auf uns selbst schauen und darüber nachdenken, wie wir die Situation und die Leistungen verbessern können, um die Lebensqualität für diese Gemeinschaft zu erhöhen.«

Nicht nur in den Krankenhäusern

Abu Rass glaubt, dass bessere Zeiten kommen werden. Er ist überzeugt davon, dass die arabische Gesellschaft sozial, wirtschaftlich und politisch stärker in die israelische Gesellschaft integriert ist als je zuvor.

»Es gibt eine arabische Mittelschicht, die immer größer wird. Diese Menschen ziehen um, um ihre Lebensqualität zu verbessern. Sie gehen in jüdische oder gemischte Städte, und jetzt können sich Araber und Juden nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in öffentlichen Räumen wie Einkaufszentren, Restaurants und Fabriken treffen.«

Abu Rass glaubt, dass der Beitritt der Ra’am-Partei zur Regierung den Arabern Legitimität in der politischen Arena verleihe, was »für die Araber von großer Bedeutung ist und sie in eine positive Stimmung versetzt. Die politische Integration fördert und stärkt die wirtschaftliche und soziale Integration. Ich glaube, dass die arabische Gemeinschaft viel stärker ist als noch vor einem Jahrzehnt«, ist der Politologe überzeugt.

Der Artikel erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung Alexander Gruber.)

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