Regionalismus: Der Süden Tunesiens fühlt sich vernachlässigt

„Die Tunesier sind wieder einmal wütend. In den letzten Tagen kam es in verschiedenen Teilen des Landes zu Demonstrationen. Mehr als 300 Demonstranten wurden von den Sicherheitskräften festgenommen. Ihre Forderung ist die gleiche wie 2011: Arbeit. Während diese Forderung klar und eindeutig ist, sind die Dynamik, die hinter den Protesten steckt, und die Lage in Tunesien, die zu dieser Unzufriedenheit geführt hat, viel komplexer. (…) Weiter verkompliziert wird diese Situation durch den tiefsitzenden, seit über 60 Jahren schwelenden Regionalismus. Seit der Unabhängigkeit stammte jeder Präsident und Ministerpräsident aus Sousse, Monastir oder einer der anderen Küstenstädte. Die entwickelten Städte liegen alle entlang der Küste während die Gegenden im Landesinneren wirtschaftlich umfassend vernachlässigt worden sind. In den zentral gelegenen und südlichen Landesteilen wird diese Politik als hogra (ignoriert und überheblich behandelt werden) bezeichnet. (…)

Zudem gibt es die weit verbreitete Ansicht, die Eliten hätten einfach kein Mitgefühl. Wenn sie medizinischer Behandlung bedürfen, lassen sie sich am liebsten in Frankreich behandeln. Für die Tunesier, die in den vernachlässigten Regionen leben, drückt dies am deutlichsten aus, wie es um die medizinische Versorgung in dem Land bestellt ist. Das Kartensystem der beschäftigungsbezogenen Gesundheitsversorgung ist ineffektiv, da die überwiegende Mehrheit der Menschen in den ärmeren Regionen die Karte nicht besitzt und wegen der Arbeitslosigkeit auch nicht berechtigt ist, eine zu bekommen. So haben Tausende keinen Zugang zu grundlegenden medizinischen Leistungen. Angesichts der strukturellen Arbeitslosigkeit bereitet nicht nur der Arztbesuch, sondern auch der Erwerb von Medikamenten Probleme.

Als wäre das nicht schlimm genug, haben viele Gemeinden in etlichen zentral gelegenen und südlichen Landstrichen keinen Zugang zu sanitären Anlagen und sauberem Wasser. Dies führt zu unnötigen Todesfällen, die als ein bedauerliches Symptom schwieriger Zeiten abgetan werden. Angesichts der Arbeitslosenquote, die auf vierzehn Prozent gestiegen ist (die Jugendarbeitslosigkeit ist noch höher), waltet ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Vernachlässigung, die Zahl der Selbstmorde nimmt zu und die Preise für alltägliche Produkte steigen rasant an. Die Tunesier scheinen sich in einem endlosen Kreislauf der Verzweiflung zu befinden, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. (…)

Dass diese Proteste zu einer wirklichen Veränderung führen, ist unwahrscheinlich. Die Tragödie besteht darin, dass die Regierung von [Ministerpräsident] Chahed sich angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Verzweiflung und des dringenden Bedarfs an Investitionen auf die attraktiveren und weiter entwickelten Küstenstädte und nicht auf die Regionen im Landesinneren konzentrieren wird, die an chronischer Vernachlässigung, kaputten Straßen und einem Mangel an tauglichen Transportnetzwerken leiden, wodurch auch der Handel behindert wird.“ (Sami Hamdi: „Seven years on: Why Tunisians are still angry“)

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login