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Rechte Schützenhilfe für Palästina: Holocaust-Relativierung im Namen Gazas

Im polnischen Parlament entrollte der rechte Abgeordnete Konrad Berkowicz eine Israelflagge mit Hakenkreuz. (© imago images/Eastnews)
Im polnischen Parlament entrollte der rechte Abgeordnete Konrad Berkowicz eine Israelflagge mit Hakenkreuz. (© imago images/Eastnews)

Ein rechtsextremer Parlamentarier in Polen zeigt eine Israelflagge mit Hakenkreuz und wird von palästinensischen Akteuren gefeiert. Rechte US-Influencer degradieren die Shoah zur Verhandlungsmasse und liefern Gaza-Aktivisten Munition sowie den Ritterschlag der Solidarität. Zum Geburtstag Hitlers verbreiten Verehrer ein Vermisstenplakat.

Von Michaela Dudley

Es war ein Moment, der die ohnehin fragile politische Kultur Polens jüngst am 14. April 2026 in ihren Grundfesten erschütterte. Inmitten einer Debatte im Sejm, dem Unterhaus des polnischen Parlaments, entrollte der Abgeordnete Konrad Berkowicz mit einer theatralischen Geste ein Plakat, das weit mehr war als eine bloße Provokation.

Nicht zum ersten Mal sorgte Berkowicz damit für Aufregung: Im vergangenen Oktober wurde er mit einer Geldstrafe belegt, nachdem er versucht hatte, Waren im Gesamtwert von 394,95 polnischen Złoty aus einem IKEA-Möbelhaus in Krakau zu entwenden. Berkowicz ist kein Linker, sondern Mitglied der rechtslibertär-konservativen Partei »Nowa Nadzieja« (Neue Hoffnung). Diese bildet eine der tragenden Säulen des Bündnisses »Konfederacja«, das immer wieder durch aggressiven Antisemitismus und die Relativierung der Shoah auffällt.

Gerade aus dem ideologischen Reservoir speiste sich die aktuelle Grenzüberschreitung: Berkowicz präsentierte eine israelische Flagge, auf welcher der Davidstern durch ein Hakenkreuz ersetzt war. Dass das Symbol im Blau der Zions-Fahne leuchtete, entlarvte die kalkulierte Boshaftigkeit: Die grafische Manipulation diente der unmittelbaren Gleichsetzung von Opfer- und Täternarrativen. Radikal palästinensische Profile im Internet nahmen die Geste dankend entgegen.

Berkowicz konstruierte mit seiner Aktion eine visuelle Kontinuität, die über einen bloßen politischen Vergleich hinausgeht. Denn er titulierte Israel in seiner Rede als »neues Drittes Reich« und behauptete, das aktuelle Geschehen in Gaza sei moralisch noch verwerflicher als die historischen Verbrechen der Nationalsozialisten.

Synergieeffekte im Cyberspace

Der Vorfall illustriert die Arbeitsweise der digitalen Querfront. Die im Sejm produzierte Bildsprache fungiert als »Content-Lieferant« für globale Akteure. Hier zeigt sich eine strategische Parallelität: Während Berkowicz im parlamentarischen Raum die visuelle Vorlage für die Holocaust-Inversion liefert, besetzt Dan Bilzerian den digitalen Raum mit der entsprechenden argumentativen Flankierung.

Bilzerian, Playboy, Pokerspieler und Propagandist, agiert dabei als globaler Multiplikator. Mit einer Reichweite von rund 30 Millionen Followern auf Instagram und über zwei Millionen auf X verbreitet er rechtsextreme Narrative im digitalen Mainstream. In einem Interview mit TMZ vor knapp zwei Wochen behauptete er, Israel sei eine Terrororganisation. Der Mann, der Verschwörungstheorien über Juden als angebliche Verursacher von 9/11 propagiert, kandidiert nun für den US-Kongress. Es dauerte nicht lange, da stempelte er Randy Fine, seinen parteiinternen Gegner bei den Vorwahlen der Republikaner in Florida, als »dicken Juden« ab. Fine hatte einen Internetnutzer angeprangert, der sehnsüchtig ein Vermisstenplakat für Adolf Hitler ausgestellt hatte.

Seine immer schrilleren antisemitischen Eskalationen erregten auch die Aufmerksamkeit des israelischen Ministeriums für Diaspora-Angelegenheiten: In seinem Jahresbericht führt das Ministerium Bilzerian auf Platz eins der weltweit einflussreichsten antisemitischen Akteure. Er kommentierte diese Einstufung am 19. April 2026 auf X und brüstet sich damit – der 45-Jährigenutzt die Markierung als Antisemit als Bestätigung seiner politischen Marke. Parallel dazu befeuert er weiterhin die Holocaust-Relativierung, indem er die historische Einzigartigkeit der Shoah infrage stellt und behauptet, »jüdische Vorherrschaft« sei die Ursache globaler Krisen.

Schwerpunkt rechts

Obwohl die Liste auch radikalisierte linke Akteure wie die Ökoaktivistin und »Intifadistin« Greta Thunberg umfasst, liegt das Schwergewicht der Auflistung eindeutig im rechten Spektrum. Dazu zählt das Ministerium prominente US-Akteure wie Tucker Carlson, der einen rechtskonservativen Populismus mit isolationistischen America-First-Narrativen und Verschwörungsanspielungen verbindet.

Ebenfalls gelistet ist die radikal-rechtskonservative afroamerikanische Influencerin Candace Owens. Owens, die lange als Gallionsfigur eines schwarzen Konservatismus galt, vollzog zuletzt einen Bruch mit pro-israelischen Kreisen und greift nun verstärkt auf Narrative zurück, welche die historische Einzigartigkeit der Shoah relativieren. Ebenfalls dabei ist der bekennende Rechtsextremist Nick Fuentes, der offen den weißen Suprematismus und die Leugnung des Holocaust propagiert.

Die personelle Zusammensetzung dieser Top Ten des weltweiten Antisemitismus sollte jenen Beobachtern zu denken geben, die, sei es aus ideologischer Zuneigung oder aus politischer Not, Solidarität für Israel in den Kreisen ultrakonservativer oder rechtslibertärer Bewegungen suchen. Die Allianz mit diesen Kräften erweist sich als fragwürdiges Unterfangen. Denn deren Agitation fußt nicht auf einer stabilen Wertverbundenheit mit dem jüdischen Staat. Oft wird Israel lediglich als taktische Chiffre in einem umfassenderen Kampf gegen die liberale Moderne instrumentalisiert. Wo heute scheinbare Unterstützung signalisiert wird, kann morgen schon die nächste antisemitische Eskalation folgen, sobald es dem eigenen isolationistischen Narrativ dient.

Zwischen Erinnerung und Ermahnung

Am 20. April 1989 sammelten sich in Braunau am Inn Verehrer und Gegner anlässlich des 100. Geburtstages eines gescheiterten österreichischen Malers. Die Ansammlung an dem sonnigen Donnerstag war erstaunlich friedlich, aber eine drückende Spannung lag in der Luft. Ich sprach mit zwei Veteranen der SS. Sie hatten den »Lagerdienst geschoben«, es waren Altnazis im wortwörtlichen Sinne. Einer meckerte über seine gekürzte westdeutsche Rente und schwor, man werde eines Tages den Einsatz seiner Generation endlich schätzen. Es waren grimmige, wenn auch gesellige Kerle. Nach einigen Bierchen zeigten sie mir geradezu behutsam ihre SS-Blutgruppentätowierungen: Innenseite des linken Oberarms, fast 10 Zentimeter oberhalb des Ellenbogens. Ewig eingebrannt, gut versteckt.

Im Gegensatz zu damals tragen Antisemiten heutzutage ihre Symbole wie eine Monstranz vor sich her. Im Parlament, auf offener Straße und wohl auch online. Es ist der Cyberspace, der ermöglicht, lokale Tabubrüche in Sekundenschnelle zu globalen Narrativen aufzuwerten und eine Echtzeit-Synchronisierung der Hetze zu schaffen. Der Cyberspace ermöglicht auch, dass eine unheilige Allianz sich in einer funktionalen Querfront vereint. Mit einer besorgniserregenden Effizienz haben islamistische Netzwerke weite Teile des digitalen Raums kolonisiert. Das kann man nicht leugnen.

Auf Plattformen wie TikTok und Telegram sind hybride Propagandamaschinen entstanden, mit denen Demagogen wie auch Dschihadisten ihren Judenhass als popkulturelles Phänomen inszenieren. Diese Netzwerke agieren nicht mehr nur im Verborgenen des Darknets. Mittlerweile verwenden sie die Algorithmen öffentlich zugänglicher Foren, um antisemitische Vernichtungsfantasien zu streamen.

Islamisten und rechtslibertäre Influencer mögen unterschiedliche Endziele verfolgen, doch in ihrem Handwerkszeug sind sie unzertrennlich. So wundert es nicht, dass sie gegenseitig ein berühmt-berüchtigtes Foto von zwei ihrer Helden teilen und liken: Das Bild stammt aus dem Jahr 1941 und zeigt ein Treffen von Mohammed Amin al-Husseini und Adolf Hitler.

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