Der Standard-Kolumnist Hans Rauscher diskreditiert die israelische Selbstverteidigung gegen islamistischen Terror als von »Wahnvorstellungen« getrieben.
»In Europa kann man sich daher mit dem Existenzrecht Israels solidarisieren, nicht aber mit der Politik von Netanjahu.« Diese seltsame Formulierung findet sich am Ende von Hans Rauschers kurzer Kolumne auf der Titelseite des Standard vom Dienstag.
Zum einen fragt man sich, was es bedeuten soll, sich mit einem Recht zu solidarisieren. Solidarität kann Menschen oder Gruppen von Menschen gelten, allenfalls auch Ideen und Zielen, aber schwerlich einem Recht. Niemand würde sagen, er würde sich mit dem Abtreibungsrecht solidarisieren, wenn eigentlich gemeint ist, für das Recht der Frauen einzutreten, über ihren eigenen Körper zu entscheiden, und deshalb eine rechtliche Regelung zu befürworten, die Abtreibungen zumindest außer Strafe stellt.
Die weit sinnvollere Formulierung hätte also einfach gelautet, man könne sich mit Israel soldarisieren, doch das wollte Rauscher so offenbar nicht zu Papier bringen, weil ihn das in den Geruch gebracht hätte, sich nicht ausdrücklich genug vom aktuellen Premier zu distanzieren. Denn »die Politik von Netanjahu« mag Rauscher noch weniger, als es, zumal im Standard und in dessen Leserschaft, ohnehin selbstverständlich ist.
Dabei baut er allerdings einen argumentativen Strohmann auf: Wie viele Menschen hierzulande kennen Sie, die sich ausdrücklich mit »der Politik von Netanjahu« solidarisch erklären? Und nicht etwa mit Israel an sich, was sich eben darin manifestiert, nicht vom jeweiligen Premier abhängig zu sein. Ich jedenfalls kenne nicht wenige Leute, die sich als israelsolidarisch begreifen, aber soweit ich weiß niemanden, der die aktuelle Regierungskoalition befürwortet.
Störrisches Land
In einem gewissen Sinn kann man Rauschers Problem nachvollziehen. Liest man seine Einlassungen über Israel, könnten dann und wann schon einmal Zweifel an der von ihm selbst stets behaupteten besonderen Freundschaft aufkommen: Kaum ein gutes Haar lässt er an der israelischen Politik, und das nicht erst, seitdem Benjamin Netanjahu wieder in Amt und Würden ist. Schon 2004 glaubte Rauscher in seinem Buch Israel, Europa und der neue Antisemitismus, Israel die »Grenze der moralischen Erträglichkeit« aufzeigen zu müssen (Anlass damals: die gezielte Tötung des Hamas-Gründers Ahmad Jassin).
Seit Jahrzehnten machen das Land und seine Leute Rauscher zufolge fast alles falsch, weil sie einfach nicht dem Israel entsprechen wollen, das er gerne sehen würde. Das zeigt sich allein schon daran, dass diese störrischen – und aus seiner Sicht komplett irregeleiteten – Israelis immer wieder ausgerechnet die Likud-Partei mit Netanjahu an der Spitze zur stärksten politischen Kraft wählen. Demokratie scheint Rauscher zumindest im Falle Israels gar nicht so toll zu finden, wenn Wahlen anders ausgehen, als er es gerne hätte.
So sehr verzweifelt Rauscher an seiner vorgeblich unverbrüchlichen Freundschaft zu Israel, dass er gelegentlich gegen Vorgänge wettert, die schlicht nicht stattfinden. Etwa, als er sich während der Corona-Pandemie zu »fiebrigen Fantasien« (© Ben Segenreich) über einen angeblich Putsch Netanjahus hinreißen ließ, an denen so gut wie nichts der Realität entsprach. Unter diesen Umständen kann man ein wenig Verständnis für Rauschers offenbar für notwendig erachtete Selbstvergewisserung seiner Solidarität aufbringen.
»Wahn« hüben wie drüben?
Was aber ist eigentlich der Anlass für Rauscher, sich mit dem Existenzrecht Israels, nicht aber mit »der Politik von Netanjahu« zu solidarisieren? Kurz gesagt: eine ungeheure Gleichsetzung.
»Die Hamas, die Hisbollah und andere wollen diesen Staat Israel buchstäblich vernichten und durch eine religiöse Diktatur ersetzen«, schreibt Rauscher, und damit hat er zweifelsohne recht, auch wenn er nicht dazusagt, dass das im Falle der Hamas mit dem erklärten Ziel einhergeht, auch noch den letzten Juden weltweit zu ermorden (Hamas-Charta, Artikel 6) und dass der mittlerweile eines für seine Profession natürlichen Todes gestorbene Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah sich einst glücklich über die Schaffung Israels zeigte, weil sich damit die Mühe erübrige, die Juden auf der ganzen Welt jagen zu müssen.
Doch dann setzt Rauscher fort:
»Umgekehrt will die ultrarechte Regierung Netanjahu die Hisbollah und die Hamas vernichten und fügt dabei der Zivilbevölkerung furchtbares Leid zu. Beides ist eine Wahnvorstellung.«
Muss man wirklich darauf hinweisen, dass Israel – und nicht nur dessen aktuelle Regierung – mit Sicherheit gerne die Hisbollah loswerden würde, aber nicht die »Vernichtung« der Hisbollah zum Ziel ausgegeben hat, sondern jetzt militärisch nur die Umsetzung der Sicherheitsratsresolution 1701 aus dem Jahr 2006 angeht, an der die sogenannte internationale Gemeinschaft achtzehn Jahre lang gescheitert ist?
Muss eigens erwähnt werden, dass der Grund für Israels militärisches Handeln keine »Wahnvorstellung« ist, sondern der Umstand, dass 60.000 Israelis nach gut einem Jahr endlich wieder in ihre Häuser und Wohnungen zurückkehren können, aus denen sie durch den beständigen Hisbollah-Raketenbeschuss vertrieben worden sind? Ist es erforderlich darauf hinzuweisen, dass das Vorgehen gegen die Hisbollah keinem »Wahn« der israelischen Regierung entspringt, sondern von einem großen Teil der Bevölkerung als alternativlos erachtet wird?
Bedarf es wirklich der Feststellung, dass auch das Vorgehen gegen die Hamas nicht einem »Wahn« geschuldet ist, sondern dem Massaker vom 7. Oktober 2023 und der Einsicht, dass sich die von vielen für möglich gehaltene Eindämmung der Hamas und eines Lebens Seite an Seite mit der blutrünstigen Terrororganisation als tödliche Illusion erwiesen haben?
Was anderes als die Zerstörung der Hamas (ihre »Vernichtung«, wie Rauscher es nennt, um seine ungeheuerliche Gleichsetzung plausibel erscheinen zu lassen) sollte denn das Ziel des Kriegs gegen die Islamisten sein? Ist Rauscher entgangen, dass die angeblich nicht mögliche Zerstörung der Hamas als militärische Formation praktisch abgeschlossen ist? Und hat er ganz vergessen, dass für die zivilen Opfer im Gazastreifen die Hamas verantwortlich ist, die diese Menschen zu Schutzschilden macht, oder will er dieses Kriegsverbrechen auch noch Israel anhängen?
Um das Skandalöse von Rauschers Satz in einem größeren historischen Kontext zu betrachten: Waren die Alliierten im Zweiten Weltkrieg für Rauscher auch von einem »Wahn« getrieben, als sie nichts unterhalb der bedingungslosen Kapitulation und Zerstörung Nazi-Deutschlands als Ergebnis des Krieges akzeptierten? War es eine »Wahnvorstellung« des deutschen Staates, die Terrorgruppe RAF bekämpfen und zerstören zu wollen? War die Vernichtung des Islamischen Staates durch die USA und die internationale Antiterrorkoalition auch Ausdruck von »Wahn«?
Rauscher tut hier nichts anderes, als die Vernichtungsfantasien antisemitischer Mörderbanden mit dem Bestreben Israels, sich gegen solche Angriffe zur Wehr zu setzen, als gleichermaßen von »Wahnvorstellungen« getrieben auf eine Stufe zu stellen. Die israelische Selbstverteidigung unterliegt aber keinen »Wahnvorstellungen« – und wer sie als solche diskreditiert, sollte das wenigstens nicht ausgerechnet in der Pose der Solidarität mit dem jüdischen Staat tun.







