Die Stiftung Zurückgeben versteht sich als Antwort auf das bis heute wirkende Unrecht des Raubes jüdischen Eigentums in der Zeit des Nationalsozialismus.
Sie schafft Räume für Erinnerung, Forschung und künstlerische Auseinandersetzung mit Familiengeschichte, Verlust und Identität. Im Gespräch mit Elisa Mercier erklärt die Stiftungsvorsitzende, die Journalistin und Fotografin Sharon Adler, warum »Zurückgeben« nicht nur ein Symbol, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe ist.
Elisa Mercier (EM): Warum trägt Ihre Stiftung den Namen »Zurückgeben«?
Sharon Adler (SA): Der Name ist ein Auftrag. Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 vergibt die Stiftung jährlich Stipendien an jüdische Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben. Die Förderung basiert auf Spenden, die wir als einen Akt des Zurückgebens verstehen, vor dem Hintergrund des massiven Raubes jüdischen Eigentums durch die Nationalsozialisten. Dieses historische Unrecht wird dadurch nicht ungeschehen gemacht, aber unsere Arbeit macht bewusst, dass seine Folgen und die damit verbundene Verantwortung bis heute bestehen.
Jüdinnen und Juden wurden während der NS-Herrschaft in Europa entrechtet, verfolgt, vertrieben und ermordet. Gleichzeitig profitierten Hunderttausende Menschen direkt, indirekt oder strukturell von diesen Gewalttaten. Sie übernahmen Arbeitsstellen und Funktionen in Unternehmen und Institutionen oder erwarben Betriebe, Geschäfte, Häuser und Wohnungen weit unter Wert. Auch Möbel, Schmuck, Kunstwerke und Alltagsgegenstände wurden übernommen. Dabei ist wichtig zu betonen, dass entgegen weit verbreiteter Klischees nicht alle jüdischen Familien wohlhabend waren. Viele waren Handwerker, kleine Ladenbesitzer, Angestellte oder Arbeiter. Die Ausraubung betraf Jüdinnen und Juden aller sozialen Schichten.
Der Raub geschah auch in den von den Deutschen überfallenen Ländern. So wurden etwa in den Niederlanden und weiteren besetzten Ländern über 70.000 Wohnungen ausgeplündert. Rund 26.000 Eisenbahnwaggons transportierten das geraubte jüdische Eigentum ins Deutsche Reich. Der Raub war kein Randphänomen, sondern öffentlich sichtbar und bis ins Detail staatlich organisiert. Auf öffentlichen Plätzen und bei Auktionen wurde das Eigentum jüdischer Familien zu Spottpreisen verkauft. Viele Menschen sahen zu oder profitierten selbst davon.
Das ist den Nachfahren nichtjüdischer Deutscher oft nicht bewusst. So zeigt etwa die MEMO-Studie zur Erinnerungskultur der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, dass heute nur ganz wenige junge Deutsche einen Bezug der eigenen Familiengeschichte zum Nationalsozialismus sehen oder einen möglichen Profit ihrer Familie durch den Raub jüdischen Eigentums annehmen.
Bewusstsein schaffen
EM: Inwieweit erhielten Überlebende der Shoah nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihr Eigentum zurück?
SA: Nach 1945 kehrten viele Überlebende zurück und standen vor dem Nichts. Sie kamen in ihre ehemaligen Wohnungen und trafen dort auf Nachbarn, die es sich im geraubten Eigentum eingerichtet hatten. In vielen Fällen wurde ihr Besitz nicht zurückgegeben und Rückgabeansprüche wurden über Jahre hinweg verschleppt oder abgewiesen. Justiz, Behörden und auch etwa Museen verzögerten entsprechende Verfahren teils bis heute. Die Ämter für Wiedergutmachung waren häufig mit Personen besetzt, die bereits während der NS-Zeit an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden beteiligt gewesen waren. In einem kalten Behördendeutsch wurde Betroffenen erklärt, warum ihnen keine Rückgabe oder Entschädigung zustehe. Diese Erfahrung erneuter Demütigung wirkt in vielen Familien bis heute nach. Der Raub jüdischen Eigentums war ein integraler Bestandteil der Shoah.
EM: Wer gehört zu den Gründerinnen der Stiftung Zurückgeben?
SA: Die Gründerinnen sind jüdische und nichtjüdische Frauen, die mit der Stiftung einen Weg schaffen wollten, zumindest einen Teil des geraubten Vermögens symbolisch zurückzugeben und zugleich ein Bewusstsein für die bis heute fortwirkenden Folgen dieses Unrechts zu stärken. Zu den prominentesten Gründerinnen gehört die Erziehungswissenschaftlerin Hilde Schramm. Sie ist die Tochter von Albert Speer. Er war nicht nur Architekt im Nationalsozialismus, wie er nach dem 2. Weltkrieg betonte. Als Leiter der Kriegswirtschaft war er vielmehr maßgeblich in ein System eingebunden, das auf Zwangsarbeit und der Ausbeutung von Millionen von Menschen in den Konzentrationslagern beruhte. Er war eng mit der NS-Vernichtungspolitik verknüpft. Hilde Schramm erbte einige von Speer geraubte Gemälde aus jüdischem Besitz, deren Eigentümerinnen oder Eigentümer sie nicht ermitteln konnte, und verkaufte sie, um mit weiteren Frauen daraufhin die Stiftung zu gründen. Die Gründerinnen sind bis heute im Beirat aktiv.
Im Fokus der Gründung stand die Frage, wie mit sogenannten »kontaminierten Erbschaften« umzugehen ist – also mit Vermögen im Kontext von Verfolgung, Enteignung und NS-Unrecht. Diese Generation gehörte zu den ersten, die das lange Schweigen über familiäre Verstrickungen aufbrach. Das ursprüngliche Stiftungskapital aus dem Erbe Hilde Schramms bildet bis heute die finanzielle Grundlage, ergänzt durch Spenden.
EM: Wie viele Stipendien hat die Stiftung Zurückgeben bisher vergeben?
SA: Seit ihrer Gründung hat die – nicht institutionell geförderte – Stiftung mehr als zweihundert Stipendien an Frauen vergeben, die in den unterschiedlichsten Disziplinen arbeiten – von Literatur, Musik und Bildender Kunst über Film bis hin zu Geschichte, Soziologie und Kulturwissenschaften.
Einmal jährlich wird eine Ausschreibung veröffentlicht. Die Bewerberinnen reichen ihre Projektvorhaben ein, die zunächst gesichtet und anschließend an eine ausschließlich aus jüdischen Frauen bestehende Jury weitergeleitet werden. Die Jury wählt aus den eingereichten Anträgen fünf bis acht Projekte aus, sofern dies möglich ist. Insgesamt werden pro Förderjahr nur rund 30.000 Euro vergeben. Das ist zwar keine große Summe, für viele jedoch eine entscheidende Unterstützung. Gerade in Kunst und Wissenschaft können bereits einige tausend Euro ermöglichen, ein Projekt überhaupt zu beginnen oder fertigzustellen.
EM: Mit welchen Themen beschäftigen sich die Projekte der Stipendiatinnen?
SA: Die Projekte stammen von Angehörigen der zweiten und dritten Generation nach der Shoah. Sie beschäftigen sich mit der eigenen Familiengeschichte, mit Verfolgung, Flucht und der Ausraubung ihrer Familien. Die Stipendien ermöglichen es ihnen, sich über mehrere Monate intensiv mit ihren Themen auseinanderzusetzen und an die Orte der Kindheit oder der Familiengeschichte zu reisen – ohne dies neben einer regulären Berufstätigkeit leisten zu müssen.
Die Förderung ist bewusst altersunabhängig. Sowohl junge als auch ältere Frauen können sich bewerben, etwa wenn sie ihre Familiengeschichte erst spät erforschen oder ein Projekt umsetzen möchten. Realisiert wurden unter anderem Rechercheprojekte sowie Arbeiten über jüdische Widerstandskämpferinnen oder lange vergessene Frauenpersönlichkeiten.
7. Oktober als Grundrauschen
EM: Die Arbeitsumfelder vieler jüdischer Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen haben sich seit dem 7. Oktober 2023 stark verändert. Erleben Sie das auch in der Stiftungsarbeit?
SA: Gerade Filmemacherinnen und Künstlerinnen erleben seit dem 7. Oktober 2023 vermehrt Boykotte, Ausladungen und gesellschaftliche Ausgrenzung. Der Angriff hat viele von ihnen zutiefst erschüttert, was sich auch in ihren Arbeiten zeigt, in denen Gegenwart und Erinnerung zunehmend miteinander verwoben sind.
So entstand etwa das Werk einer in Israel geborenen Frankfurter Komponistin und Klarinettistin Dana Barak mit dem Titel »Lelo Milim« (»Ohne Worte«), das im Rahmen der Konzertreihe »Gegen das Vergessen« im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main aufgeführt wurde. Viele Projekte greifen aktuelle Erfahrungen auf und verbinden sie mit der Geschichte jüdischen Lebens und der Shoah. Für viele in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden mit familiären Verbindungen nach Israel ist der 7. Oktober zu einem prägenden Teil ihrer Gegenwart geworden. Er ist ein Grundrauschen vieler künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeiten, auch weil er Retraumatisierungen ausgelöst und transgenerationale Erfahrungen verstärkt sichtbar gemacht hat.
Neben der Gewalt selbst ist auch die von vielen empfundene Entsolidarisierung der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft eine große Belastung. Viele Künstlerinnen berichten zudem von einem Klima, in dem sie ihre jüdische Identität viel stärker erklären oder rechtfertigen müssen als zuvor. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Arbeit der Stiftung zusätzlich an Bedeutung: Sie bietet nicht nur finanzielle Förderung, sondern auch Anerkennung, Vernetzung und einen geschützten Raum.
EM: Welche weitere wichtige Aufgabe übernimmt die Stiftung neben der Vergabe von Stipendien?
SA: Die Stiftung versteht das Zurückgeben auch ganz wörtlich. So unterstützt sie auch die Rückgabe geraubter Gegenstände oder organisiert diese selbst. Dieser Bereich ist in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Teil ihrer Arbeit geworden.
Immer wieder melden sich bei uns nichtjüdische Menschen, die beim Auflösen von Nachlässen Objekte finden, die aus ehemals jüdischem Besitz stammen könnten. Häufig ist ihre Herkunft unklar oder sie wird verschwiegen. Die Stiftung wird dann zur Anlaufstelle und macht zugleich sichtbar, dass es etwas zurückzugeben gibt. Meist handelt es sich um Alltagsgegenstände wie Bücher, Vasen, Schmuck oder Möbelstücke. Sie sind für die Nachkommen der jüdischen Eigentümer oft die letzten materiellen Spuren ihrer Familiengeschichte. Die Stiftung versucht, weltweit Nachfahren ausfindig zu machen und ihnen diese Erinnerungsstücke zurückzugeben. Sie können keine Geschichte vollständig herstellen, aber sie schaffen oft eine direkte Verbindung zur eigenen Herkunft. Nicht immer aber werden Rückgaben angenommen, etwa weil sie als zu belastend empfunden werden.
Wir haben vor Kurzem eine Arbeitsgruppe Provenienzforschung eingerichtet und wollen auch unsere Bildungsarbeit ausbauen. Geplant ist etwa ein Archiv mit Geschichten der Rückgaben sowie langfristig für diese Objekte ein physischer Erinnerungsort, um zu zeigen, dass es um so viel mehr als um materielle Werte geht.
Mehr Informationen zur Arbeit der Stiftung Zurückgeben. Stiftung zur Förderung Jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft und zu den geförderten Projekten finden Sie hier. Eine Spendenmöglichkeit finden Sie hier.






